War die Wiedervereinigung vorhersehbar?

Der Bundesnachrichtendienst informierte frühzeitig, aber die Bundesregierung stellte sich taub

20.10.15
Der Kanzler wollte auf den Präsidenten seines Auslandsgeheimdienstes nicht hören:

Wenn wir Deutschen am 3. 0ktober den Jahrestag unserer wiedererlangten Einheit feiern, werden leider nicht wenige Tatsachen verzerrt und verschwiegen. Muss es für viele Politiker doch auch beschämend sein, ihr damaliges Verhalten allzu oft in krassem Widerspruch zu ihren heutigen selbstgerechten Äußerungen zu hören. Keineswegs selten wird als Voraussetzung für den Zusammenschluss lediglich die Stärke der alten Bundesrepublik gewertet, indes der Freiheitswille der DDR-Bevölkerung völlig negiert. Mehr denn je ist die Ausrede zu hören, die Ereignisse von 1989/1990 seien „nicht voraussehbar“ gewesen. Der Ost-Experte der SPD, Egon Bahr, glaubte dies mit der Behauptung bekräftigen zu können, die westlichen Spionagedienste seien ebenfalls „ohne Kenntnis“ gewesen. Dabei drängt sich allerdings die Frage auf, wieso er Derartiges zu wissen glaubt, denn entweder durfte er deren sämtliche Geheimakten einsehen oder jene hätten ihm ihr Nichtwissen gebeichtet – beides ist unmöglich.

Die Wahrheit ist, dass der Bundesnachrichtendienst (BND) gerade in den letzten Jahren der DDR überaus gut informiert war. Sein Präsident war ab 1985 Hans-Georg Wieck, zuvor langjähriger bundesdeutscher Botschafter in Moskau. Er sah die Sowjetunion „in einem Prozess der Versteinerung“, in einer „verstärkten Stagnation“. Schon überaus früh vertrat er die Ansicht, zwangsläufig werde es angesichts seiner Wirtschaftsmisere eine strategische Neuorientierung suchen und ebenfalls zu der Erkenntnis kommen, es könne seine Interessen mit einem vereinten Deutschland letztlich besser gewahrt sehen als mit seiner gewaltsamen Vorherrschaft in Mitteleuropa. Dabei werde der Kreml auch die DDR fallen lassen, da diese für ihn nur noch einen wirtschaftlichen Ballast darstelle, hatte Moskau doch schon nach Josef Stalins Tod die deutsche Einheit gegen massive Wirtschaftshilfe angeboten, zur Voraussetzung aber die Neutralität Deutschlands gemacht, welche die Westmächte ablehnten.
Wieck, eine Persönlichkeit geballter Dynamik und Energie, baute sehr rasch sein Nachrichten-Netz gerade in den Führungsschichten Ost-Berlins und in der sowjetischen Besatzungsarmee aus, was auch die Stasi in ihren Akten zugeben musste. Im August 1988 prognostizierte er baldige „grundlegende Veränderungen“ in der DDR. Einige Monate später hatte der BND ein Mitglied des Zentralkomitees (ZK) der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) mit recht guten Verbindungen zu Erich Honecker sowie zu Erich Mielke für sich gewonnen, das bis zuletzt „äußerst wichtige Nachrichten“ lieferte. Vieles erfuhr man über Vertrauensleute in den SED-Bezirksleitungen, oft ebenfalls durch Sekretärinnen und Fahrer hoher SED-Führer. Dass der Devisenbeschaffer der DDR, Alexander Schalck-Golodkowski, bei seinen Besuchen vor 1989 in München viele Interna Ost-Berlins verriet, deren sofortige Weitergabe an den BND er unterstellen musste, ist ein offenes Geheimnis. Wieck zufolge wollte Bonn ihm 1990 eine neue Identität verschaffen, was offiziell jedoch abgestritten wird. Solches ist äußerst selten und setzt wirklich große Verdienste für den Staat voraus. „Weiß Schalck zuviel?“, fragten Wolfgang  Seiffert und Norbert Treutwein in ihrem Buch „Die Schalck-Papiere. DDR-Mafia zwischen Ost und West. Die Beweise“. Der Bundesnachrichtendienst jedenfalls sah ihn nie als seinen Mitarbeiter. Er dürfte der typische Doppel-Agent gewesen sein. Ob er ahnte, dass sein Apparat an mehreren hohen Positionen von diesem unterwandert war? Ende 1988 kannte die Zentrale in der Heilmannstraße 30 in Pullach die Namen und Adressen sämtlicher MfS-Angehöriger. Sicherlich besaß man auch geheime Informanten direkt in der Stasi. Eine Anwerbungs-Aktion des BND im Oktober 1989 bei MfS- und SED-Funktionären mit dem Hinweis, der Fall der Berliner Mauer und das Ende der DDR stünden bevor und „es wäre gut, sich auf diese Zeit einzurichten“, trug zumindest zur weiteren Lähmung des Regimes bei.
Auch das recht abgeschirmte sow­jetische Militär in der DDR war kein Geheimnis. Seine Kasernen sowie deren Mannschaftsstärke und Waffen wurden stets von „harmlosen Spaziergängern“ beobachtet. Zudem arbeiteten ständig 2000, gelegentlich bis zu 6000 DDR-Bewohner bei den Besatzungstruppen und sahen vieles. Eine weitere Art der Informationsbeschaffung war die totale Überwachung ihres Funkverkehrs, was teilweise mit Hilfe der Bundeswehr erfolgte. Awacs-Flugzeuge mit ihrem Radardom, die westlich der Zonengrenze flogen, hatten den Luftraum bis Polen unter Kontrolle. Die Preußische Allgemeine Zeitung war die erste Europas, die schon vor Jahren meldete, dass die deutsche Geliebte des damaligen KGB-Oberst Wladimir Putin in Dresden jahrelang in BND-Diensten stand. In der Deutschland-Abteilung des KGB-Hauptquartiers im südöstlich von Moskau gelegenen Jasenewo glück­te Oberst Leonid Kutergin die rechtzeitige Flucht. 16 Jahre lang war er für den Bundesnachrichtendienst tätig gewesen. Auch im sowjetischen Außenministerium hatte dieser seine „Quellen“. Im Juni 1989 wusste Pullach, dass Michail Gorbatschow Honecker längst deutlich gemacht hatte, er könne bei Unruhen in seinem Staat nicht mehr auf sowjetische Panzer hoffen. Das beste Bild hatte man über die DDR-Armee, die Zahl der heimlichen Augen und Ohren in höchsten Offizierskreisen dürfte sehr hoch gewesen sein.
War es vor der sozialliberalen Koalition in Bonn üblich gewesen, bei der alljährlichen „Rede an die Nation“ die BND-Erkenntnisse über die Wirtschaftslage jenseits der Zonengrenze zu verwenden, so wurden dann die offiziellen Zahlen Ost-Berlins zugrunde gelegt. Das Unverständliche war, dass am Rhein diese Propaganda tatsächlich auch geglaubt wurde. Bundeskanzler Helmut Kohl meinte später entschuldigend, „wir alle lebten ja unter dem Einfluss einer unentwegt marschierenden Propaganda­glocke, wonach die DDR das zehntgrößte Industrieland der Welt war“. Bundesfinanzminister Theo Waigel behauptete ebenso realitätsfremd, die Wiedervereinigung „mit der Portokasse bezahlen“ zu können. Hätten sie doch nur die ihnen vorliegenden Analysen des Bundesnachrichtendienstes gelesen und damit die Wahrheit über die riesengroßen Schulden Ost-Berlins erfahren. Ein Bericht von 1988 aus Pullach stellte fest: „Moskau ist nicht mehr in der Lage, die DDR finanziell zu unterstützen.“ Diese sei am Ende.
Indes wurden solche Lageberichte am Rhein durchweg als Utopie verlacht und als Störfaktor der Entspannung gewertet. Hinzu kam, dass zwischen Kanzler Kohl und dem BND-Präsidenten das nötige Vertrauensverhältnis fehlte. Verbittert sprach Wieck einmal sogar von einem „gegenseitigen Miss­trauen“. Insider wissen von recht schweren Zusammenstößen zwischen beiden. Der Bundeskanzler glaubte, stets besser informiert zu sein als sein eigener Nachrichtendienst, gegen den er ohnehin starke Abneigungen hatte. Zudem gehörte Wieck nicht zu den beliebten Ja-Sagern in Bonn, sondern vertrat pflichtgemäß seine Erkenntnisse. Kohl vertraute hingegen aus wohl wahltaktischen Überlegungen dem – allerdings völlig falsch liegenden – Zeitgeist und insbesondere der Ständigen Vertretung, faktisch die Botschaft der Bundesrepublik in der DDR. Deren Juristen glaubten, dieses – zweifellos auch deutsche – Gebiet zu kennen. In Wirklichkeit hatten sie keinerlei Gespür für die aufkommenden Stürme in dem für sie letztlich fremden Staat. Sie unterschätzten die Bürgerbewegung völlig, und ihr Leiter Hans Otto Bräutigam lehnte noch im Oktober 1989 die Wiedervereinigung ab. Welch eine Blamage, als er am 8. November und damit rund 24 Stunden vor dem Fall der Mauer überaus selbstbewusst bei der UN in New York „eine Änderung der sowjetischen Haltung in der Deutschland-Frage für ausgeschlossen“ hielt.
Am 9. Oktober 1989 sollten 8000 schießbereite Einsatzkräfte der DDR die Demonstrationen in Leipzig beenden, der dortigen SED-Zeitung zufolge „notfalls mit Gewalt“. Trotz aller Gefahren kamen 70000 Menschen mit ihrem Freiheitsruf „Wir sind das Volk!“ Das befürchtete Blutbad aber blieb aus, das Regime wurde zum Rück­zug gezwungen. Für den Bundesnachrichtendienst war dies der Anfang vom Ende der DDR. Das ferne Bundeskanzleramt indes fragte in Pullach an, ob es sich bei den Demonstranten um westdeutsche Neo-Nazis handele. Ganz offensichtlich hatte Bonn die BND-Meldungen über die psychologische Lage im anderen Teil Deutschlands niemals gelesen.
Für Kanzler Kohl „blieb die deutsche Frage offen“, doch stand sie für ihn bis weit in den Sommer 1989 „nicht auf der Tagesordnung“. Symptomatisch ist die Äußerung des damaligen Kanzleramtsministers Wolfgang Schäuble, „auf absehbare Zeit ist eine Lösung der deutschen Frage nicht erkennbar“. In seinem Buch „Der Vertrag“ gibt er zu, „dass die meisten das damals kaum Vorstellbare nicht zu denken wagten“. Eine Regierung indes hat alle Möglichkeiten zu sehen, zumal die Wiedervereinigung als Kern der westdeutschen Verfassung galt. Auch die Ministerin für innerdeutsche Fragen zeigte nur minimale Sachkenntnis über diesen ihren Arbeitsbereich.
Bonn war trotz aller Hinweise und Mahnungen aus Pullach auf die bevorstehenden Ereignisse in keiner Weise vorbereitet. Am 9. November, als das Kabinett nach Polen flog, fragte eine Senatorin West-Berlins im Kanzleramt an, ob für den Fall der Mauer „irgendetwas vorbereitet ist“ – sie wurde ausgelacht. In Warschau prophezeite der Solidarnosc-Anführer Lech Walesa dem westdeutschen Kanzler, die Berliner Mauer werde „keine drei Wochen halten“. Die Bonner nahmen das überaus zweifelnd zur Kenntnis. Auf seine weitere Frage, ob er darauf vorbereitet sei, entgegnete Kohl: „Das wird nicht geschehen!“ Als dies dennoch geschah und Schäuble dies in Warschau erfuhr, wusste der Ungläubige nichts anderes als den Rat, im Bonner Kanzleramt den Alkoholgenuss einzuschränken. Dass wir jemals die letzten Geheimnisse dieser deutschen Schicksalstage erfahren werden, erscheint zweifelhaft. Heute weiß man, dass bereits 1987 Außenminister Eduard Schewardnadse im Politbüro der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) erklärte: „Wir müssen die Idee eines einheitlichen Deutschlands ernsthaft untersuchen.“ Tatsache ist ebenso, dass am 3. November 1989 im Politbüro der KPdSU Gorbatschow feststellte, man könne die DDR „nicht mehr über Wasser halten“. Schewardnadse antwortete daraufhin wörtlich: „Die Mauer sollten sie lieber selbst beseitigen“, womit zweifellos die Deutschen in der DDR gemeint waren. Lediglich sechs Tage danach fiel die Berliner Mauer. Wirklich nur ein bloßer Zufall? Die Meldung Wiecks nach Bonn bereits Wochen zuvor, Mos­kau sei zu Kompromissen in der Deutschland-Frage angesichts seiner Misere „regelrecht gezwungen“, hatte Kohl „in den Bereich der Phantasie“ verwiesen. Am 10. November schrieb das „Luxemburger Wort“ auf Seite 1 in großen Buchstaben vom „Ende des Weltkommunismus“, doch am Rhein sah man noch im November die deutsche Einheit „erst in Jahren“.
Diese erfolgte nicht durch Kohls längere Gespräche mit Gorbatschow und dessen angeblich guten Willen gegenüber Deutschland – wozu auch nach dem Zweiten Weltkrieg? Er ließ sein Faustpfand DDR fallen, um überlebensnotwendige Kredite von der alten Bundesrepublik zu erhalten für sein System, das angesichts der sehr schlechten Wirtschaftslage und des ausbrechenden Nationalitätenproblems kurz vor seinem Ende stand.
Anlässlich seines Besuchs am 19. Dezember 1989 hatte der westdeutsche Bundeskanzler in Dresden nur einige Interessenten erwartet. Als er indes am Flughafen von Zehntausenden umjubelt wurde, erkannte er endlich die tiefe Sehnsucht der DDR-Bevölkerung nach Freiheit und Wiedervereinigung. Ab diesem Tage hat er sich dann mit einer bewunderungswürdigen Energie für die Überwindung der Teilung in unserem Lande eingesetzt. Insofern ist er wirklich „Der Vater der deutschen Einheit“.
Für den Bundesnachrichtendienst arbeiteten von 1946 bis 1990 mehr als 10000 Männer und Frauen als Spione, viele nur mit kurzfristigen Aufträgen, während andere jahrelang tätig waren. Über 4000 von ihnen haben ihren Einsatz mit hohen Zuchthausstrafen, oft mit schweren Gesundheitsschäden, nicht selten mit ihrem Leben bezahlen müssen. Vermerkt werden sollte aber auch, dass das heutige Deutschland sie längst vergessen hat.
Friedrich-Wilhelm Schlomann


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