Warnung vor Seligsprechung Kardinal Hlonds

Langjähriger Vertriebenenbischof verweist in einem Protestbrief auf die Vertreibungsverbrechen des ehemaligen Primas von Polen

09.06.17
Emeritierter Weihbischof im Bistum Limburg und Familiare des Deutschen Ordens: Gerhard Pieschl Bild: Imago

„Kardinal Hlond, gewiss ein polnischer Patriot, ja; aber ein Seliger der katholischen Kirche? Nein!“ In dieser unmissverständlichen Aussage gipfelt der Protestbrief des langjährigen Vertriebenenbischofs des deutschen Epis­kopats, Gerhard Pieschl, an die Bundesregierung in Berlin, den Apostolische Nuntius, also den Botschafter des Papstes in Deutschland, und hohe vatikanische Stellen.

Der emeritierte Limburger Weihbischof zeigt sich bestürzt über die Nachricht von der in Aussicht gestellten Seligsprechung des Kardinals August Hlond (1881–1948). Ungeachtet der Tatsache, dass dem ehemaligen Primas von Polen eine unrühmliche Rolle bei der Vertreibung der Deutschen vorgeworfen wird, hat die zuständige vatikanische Kommission bereits die Belege für die Anerkennung des „heroischen Tugendgrades“ des umstrittenen Kandidaten gebilligt. Nun haben die Kardinalsversammlung der Heiligsprechungskongregation und Papst Franziskus das letzte Wort. Werden sich beide Instanzen über die Bedenken hinwegsetzen, die seit Jahrzehnten von heimatvertriebenen Ostpreußen und Schlesiern, aber auch von Sudetendeutschen, gegen Hlond geltend gemacht werden? Der Kardinal hatte im Sommer 1945 unter Berufung auf angebliche vatikanische Anordnungen Verzichtserklärungen deutscher Oberhirten in den „wiedererlangten Gebieten“ erreicht, besser gesagt: erpresst. Gelogen, unberechtigterweise, im Namen des Papstes. Die bis dahin deutschen Jurisdiktionsbezirke wurden durch polnische Administratoren (Verwalter) gezielt polonisiert.
Peinlich für Hlond: Papst Pius XII. stellte später im Gespräch mit dem Breslauer Konsistorialrat Johannes Kaps, der sich auf abenteuerlichem Weg nach Rom durchgeschlagen hatte, richtig, dass der Primas lediglich den Auftrag hatte, sich um die Besetzung der verwaisten polnischen Bischofsstühle zu kümmern. So stand es in dem vatikanischen Schreiben: in tutto il territorio polacco (auf dem gesamten polnischen Gebiet). Hlond aber hatte diese Sondervollmachten überzogen, indem er sie auf die deutschen Ostgebiete ausdehnte – vier Wochen bevor diese von der Konferenz der Großen Drei in Potsdam unter polnische Verwaltung gestellt wurden. 1946 gestand er in einem Brief an den Pontifex sein Fehlverhalten ein, blieb aber dabei, dass seine Fehler durch den Gewinn für Polen gut ausgewogen worden seien. Er fabulierte, wie andere polnische Würdenträger auch, von „mystischen“ Aufgaben in den von „germanischer Häresie“ befreiten Territorien.
„Kardinal Hlond, als liturgischer Pontifex, war kein Brückenbauer in einer gespaltenen Kirche … Er stand hinter der Vertreibung der Deutschen, um eine ,polnische Kirche‘ auf ,polnischem Boden‘ zu schaffen“, urteilte deshalb 1996 der Theologieprofessor Franz Scholz, ein Priester der Erzdiözese Breslau. Der Primas habe sich als unfähig erwiesen, die Vertreibung der Deutschen als unmenschlich und in sich böse zu entlarven, habe vielmehr „geistige Finsternis“ verbreitet. Statt „Licht der Welt“ zu sein, habe August Hlond „mit den Wölfen geheult“. Der Historiker Michael Phayer merkte 2002 in einem Aufsatz über den von 1939 bis 1958 auf dem Heiligen Stuhl sitzenden Papst an: „Als Pius XII. erfuhr, dass Hlond nach dem Krieg den Gebrauch der deutschen Sprache in der Liturgie überall dort verbot, wo noch katholische Deutsche lebten, weinte er.“
Die Billigung der Vertreibung, so schreibt der emeritierte Weihbischof Pieschl in seinem auch an die polnische Bischofskonferenz adressierten Brief, sei unter Berücksichtigung der kirchlichen Aussagen zum Schutz der nationalen Identität seit dem IV. Laterankonzil, der Enzykliken der Päpste Pius XII. und Johannes Paul II. (besonders 1980 und 1984) und vor der UNO im Oktober 1985 „fast noch gewichtiger zu werten als die schweren unberechtigten Eingriffe“ in deutsche Diözesanstrukturen. Und weiter: „Da das der ,rechtfertigende‘ Brief bezüglich der Überschreitung der Vollmacht bestätigt, ist das Verhalten gegenüber der Vertreibung desto ernster zu beurteilen.“
Vor zwei Jahrzehnten hatte auch der deutsche Episkopat noch Bedenken gegen eine Seligsprechung des polnischen Primas angemeldet. Es bestand Übereinstimmung, hieß es damals in einer Stellungnahme der Bischofskonferenz in Bonn, „dass eine Seligsprechung aus deutscher Sicht keine Zustimmung finden kann“. Die Vorbehalte seien auch gegenüber dem Heiligen Stuhl zum Ausdruck gebracht worden. Zu einer neuerlichen Warnung vor einer solchen Ehrung des umstrittenen Kirchenmannes hat sich der deutsche Episkopat dann noch nicht aufgerafft. 2013 wurde in Polen ein Hlond-Jahr begangen, in Kattowitz wurde dem Kardinal ein drittes Denkmal gewidmet. Der so öffentlich Geehrte gilt heute als eine der großen Gestalten des polnischen Katholizismus des 20. Jahrhunderts. Die Vorbehalte aus Deutschland gegen ihn stießen auf Unverständnis, resümierte der Journalist Thomas Urban („Süddeutsche Zeitung“) in seinem Buch „Der Verlust“.
Die jüngst von Radio Vatikan verbreitete Meldung in der Causa Hlond zeige, dass die Seligsprechung ohne Rücksicht auf die „vielfache Beteiligung“ des Kardinals an der Vertreibung der ostdeutschen Ordinarien und der „gesamten katholischen ostdeutschen Bevölkerung“ durchgesetzt werden solle, heißt es in katholischen Vertriebenenkreisen. Die starken polnischen Kräfte in Rom und die nationalistische Regierung in Warschau würden vermutlich alles daran setzen, „auch im Wissen, dass deutscherseits niemand mehr von Gewicht dagegen votieren wird“, dass die Seligsprechung bald mit viel polnischer Prachtentfaltung erfolge, vermutet zum Beispiel das schlesische Monatsblatt „Grafschafter Bote“. Bereits 1996 hatte die Vertretung der aus ihrer Heimat vertriebenen Einwohner der Grafschaft Glatz gegen das „unverständliche und viele Vertriebene in hohem Maße provozierende Vorhaben“ protestiert. Ohne Erfolg, wie man weiß. Doch der ehemalige Vertriebenenbischof Pieschl gibt noch nicht auf. Aus seinem Ruhestandsdomizil unterhalb des Limburger Doms schreibt er: „Die Massenvertreibung und ihre grausamen Begleitumstände, vorrangig zu verantworten durch die Kommunisten, lassen es nicht zu, die polnische, auch kirchliche Mitverantwortung zu leugnen. Durch allerhand
Tricks versuchte man lange deren Völkerrechtswidrigkeit zu leugnen und die Untaten zu verschweigen. Viele Polen beteiligten sich aus den verschiedensten Gründen (auch als Antwort auf das selbst erfahrene Unrecht) an den einzelnen Untaten bei der Massenvertreibung, und angesichts der schwachen Staatsgewalt auch nicht wenige an Raub und Mord. Viele Polen bejahten politisch auch die Westverschiebung und die Vertreibung als solche. Im Widerspruch zu den Tatsachen versuchte man sich durch Berufung auf alliierte Vertreibungsgesetze reinzuwaschen.“ Dabei will der Sudetendeutsche Pieschl, wie er anmerkt, „gerne berücksichtigen“, dass in Politik, Geschichte und Zeitgeschichte auch hohe Geistliche irren können und die Infallbilität (Unfehlbarkeit) sich keineswegs auf diese Bereiche beziehe. Eine konkrete Antwort auf seine Warnung vor einer Seligsprechung Hlonds hat der 83-jährige Mahner vom Limburger Domberg bislang nicht erhalten. Er will aber, wie er andeutete, in dieser Sache nicht locker lassen.    
    Gernot Facius


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Kommentare

Gudula Behm:
13.06.2017, 20:22 Uhr

An Bischof Pieschl meinen herzlichen Dank für seine Ausführungen und das Engagement gegen eine Seligsprechung

Kardinal Augustyn Hlonds. Meine deutsch-katholische Familie wurde nahezu vollzählig aus Schlesien, Ostpreußen, dem Sudeten- und Posener Land vertrieben. In Polen und Ostpreußen wurde eine größere Anzahl unter ihnen schuldlos ermordet. Die Verdrängung durch Kardinal Hlond der deutschen Ordinarien unmittelbar nach Kriegsende widerspricht Herz zerreißend unseren christlichen Werten aber auch den faktischen Anweisungen von Papst Pius XII, die der polnische Kardinal für seine Zwecke verdreht hat genauso wie die Behauptung dass die durch Polen annektierten deutschen Gebiete wiedergewonnenes polnisches Land seien. Wenn es nach den westlichen Siegermächten gegangen wäre, hätte Polen Niederschlesien nie annektieren dürfen. Dass es dazu kam, hat es lediglich Joseph Stalin zu verdanken. Erst kürzlich bin ich auf eine verlässliche Geschichtsquelle gestoßen, in der es heißt:



"It need only be mentioned that while on the one hand Churchill agreed to the expulsion of the Germans 'from the area to be acquired by Poland', on the other he intended to limit Poland's acquisition to about half of what Poland eventually took with the help of the Soviet Union and against vigorous protests from both the United States and Great Britain."




Ich werde mein Anliegen per Luftpost auch unserem Heiligen Vater in Rom unterbreiten.


Hans-Joachim Nehring:
12.06.2017, 18:30 Uhr

Mit einer Seligsprechung des Kardinal Hlond würde die katholische Kirche einen Bock zum Gärtner machen. Sein Verhalten gegenüber den Vertriebenen aus Ostpreußen, Pommern und Schlesien schließt das vollständig aus.


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