Warum Müller Diess weichen musste

Selten bündelten sich bei VW derart viele Aufgaben und Funktionen bei einem Vorstandsvorsitzenden

01.05.18
Der Ex und sein Nachfolger: Matthias Müller und Herbert Diess (von links) Bild: pa

Über die Gründe des Wechsels an der VW-Vorstandsspitze von Matthias Müller zu Herbert Diess wird heftig spekuliert. Müller hatte den Konzern auf dem Höhepunkt der Abgasaffäre 2015 übernommen und nach Einschätzung von Experten gar nicht schlecht geführt. Dennoch soll er einer der wenigen bis zum Schluss nicht in die Pläne des Aufsichtsrates eingeweihten Spitzenmanager gewesen sein.

Der Konzern arbeitet derzeit am bislang größten Umbau seiner Geschichte. Eingeführt werden sollen die einzelnen Markengruppen „Volumen“ mit VW, Skoda und Seat, „Premium“ mit Audi sowie „Super Premium“ mit Porsche, Bentley, Bugatti und perspektivisch auch Lamborghini. Für die Nutzfahrzeugeinheit „Truck & Bus“ sollen die Voraussetzungen für einen Börsengang geschaffen werden. Damit will man zusätzliche Einnahmen generieren. Von der „Weiterentwicklung des Konzerns“ sprechen Diess und der Aufsichtsratsvorsitzende Hans Dieter Pötsch. Diess bleibt übrigens trotz der Übernahme des Vorstandsvorsitzes weiterhin Chef der wichtigsten Konzernmarke Volkswagen und außerdem verantwortlich für Entwicklung und Fahrzeug-IT.
Innerhalb des Konzerns war der 59-Jährige, der vor drei Jahren von BMW kam, zunächst heftig angeeckt. Dass der Betriebsrat dennoch die Entscheidung durchnickte, liegt wohl daran, dass Gunnar Kilian, bisher Generalsekretär des Konzernbetriebsrats und enger Vertrauter von Betriebsratschef Bernd Osterloh, neuer Personalvorstand wird. Dafür musste der frühere SPD-Politiker Karl-Heinz Blessing seinen Stuhl räumen.
Die Großaktionäre sind auch zufrieden. Niedersachsens Wirtschaftsminister Bernd Althusmann (CDU), der im Aufsichtsrat sitzt, sagte dem Deutschlandfunk: „Ich denke, dass es auch so etwas wie ein Befreiungsschlag war, zweieinhalb Jahre nach der Diesel-Affäre Strukturen neu zu ordnen.“ VW sei in seiner bisherigen Gliederung „sehr breit aufgestellt“ gewesen. Das Thema Vernetzung von Fahrzeugen etwa beim neuen Vorstandschef anzusiedeln, sei sinnvoll. In der Aufarbeitung des Abgasskandals habe Ex-VW-Chef Müller einen „ganz guten Job gemacht“, meinte Althusmann. „Er hat vieles bewegt, in einer schwierigen Zeit diesen Konzern übernommen. Er hat den viel beschworenen Kulturwandel eingeleitet. Aber da gab es sicher kommunikative Prozesse, die besser hätten laufen können.“
Die Führung von Volkswagen war immer eine Sache für Patriarchen. Der langjährige Aufsichtsratschef und Miteigentümer Ferdinand Piëch und Martin Winterkorn prägten den Konzern über Jahrzehnte. Damit schien es vorbei. „Piëch, der alte Zampano dieses Konzerns, verlor im Frühjahr 2015 interne Machtkämpfe und zog sich zurück. Winterkorn, der penible Vorstandsvorsitzende, von dem es hieß, dass er hier alles und jeden kontrollierte, wurde vom Dieselskandal aus dem Amt gefegt“, schreibt das „Manager Magazin“. Irgendwann stand Müller oben. Er war vier Jahrzehnte im Konzern, hat eine regelrechte Tellerwäscherkarriere hingelegt. „Lieb“ sei er gewesen, sagen Betriebsräte. Auf dem Höhepunkt der Abgaskrise, als niemand auf den Schleudersitz bei VW wollte, habe man auf Müller zurückgegriffen, weil sonst niemand da war, berichten Konzernkenner. Nun sei das Schlimmste überstanden. Zeit für ein neues Alphatier. Müller muss gehen und soll als Berater doch irgendwie bleiben. Ausgestattet mit einer satten Vergütung, Schmerzensgeld sozusagen. Nun steht Diess ganz oben. „Dem wurden so viele Aufgaben und Funktionen übertragen, wie sie nicht mal ein Martin Winterkorn hatte“, wundert sich ein VW-Manager gegenüber der Tageszeitung „Die Welt“.
Dass dessen Machtfülle nicht zu groß wird, dafür soll der neue Personalchef sorgen. Kilian ist Sprachrohr der Arbeitnehmer und bestens vernetzt im Konzern. Er gilt gemeinsam mit dem Betriebsratsvorsitzenden Osterloh als Architekt der neuen Konstellation.
„Diess hat bei der Marke Volkswagen erfolgreich bewiesen, mit welchem Tempo und welcher Konsequenz er tiefgreifende Transformationsprozesse umsetzen kann“, daher sei er für das Amt des Konzernchefs prädestiniert gewesen, erklärte Aufsichtsratschef Pötsch. Für Diess’ Vorgänger Müller hatte er milde Worte übrig. In Zeiten der Krise sei er standhaft gewesen und habe Vertrauen geschaffen und mit dazu beigetragen, die Vergangenheit aufzuarbeiten. Die ist in Wolfsburg nun offiziell vorbei. Auch wenn noch zahlreiche Gerichtsverfahren anhängig sind. Diess, so hofft der Aufsichtsrat, solle „mit vollem Tempo“ die Neuausrichtung vorantreiben. „Ein kleines bisschen Revolution“, nennt das Nachrichtenmagazin „Focus“ das.    
    Peter Entinger


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Kommentare

James Ostenmoordorf:
2.05.2018, 04:50 Uhr

VW muss das untergehende US-Imperium überstehen
das hier um sich schlägt, nicht nur beim Diesel-Theater.


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