Warum musste Alfred Herrhausen sterben?

25 Jahre nach dem Mordanschlag auf den deutschen Bankmanager mehren sich die Zweifel an der Täterschaft der RAF

30.11.14
Hier waren Profis am Werk: Herrhausens gepanzerter Mercedes nach dem Sprengstoffanschlag. Bild: action press

Am 30. November 1989 fiel der damalige Vorstandssprecher der Deutschen Bank Alfred Herrhausen einem Sprengstoffanschlag zum Opfer, der lange Zeit der Rote Armee Fraktion (RAF) angelastet wurde. Inzwischen ermittelt die Generalbundesanwaltschaft allerdings gegen Unbekannt. Damit gehört der Mord an Herrhausen zu den unaufgeklärten Attentaten gegen bundesdeutsche Wirtschaftsgrößen während der Zeit von 1985 bis 1991.

Am Morgen des 30. November 1989 befand sich Alfred Herrhausen auf der Fahrt zur Arbeit in Frankfurt am Main, als um 8.37 Uhr eine Bombe detonierte, die auf dem Gepäckträger eines Fahrrades lag, das die Attentäter am Rande des Bad Homburger Seedammweges abgestellt hatten. Der Sprengsatz war durch eine Lichtschranke gezündet worden und so konstruiert, dass sich die gesamte Explosionsenergie der sieben Kilogramm TNT auf hochpräzise Weise gegen die hintere Seitentür des gepanzerten Dienst-Mercedes von Herrhausen richtete. Daher zerrissen dann auch Splitter von der inneren Wagenverkleidung die rechte Oberschenkelarterie des Bankvorstandes, der neben genau dieser Tür saß. Infolge der Verletzung verblutete Herrhausen innerhalb von acht bis neun Minuten, während seine Personenschützer in den beiden unbeschädigten Begleitfahrzeugen verharrten – wie sie später angaben, aus Angst vor weiteren Explosionen.
Noch am Nachmittag des selben Tages bekannte sich die RAF mit einem Telefonanruf zu der Tat. Dem folgte kurz darauf das obligatorische schwülstige Bekennerschreiben, in dem es hieß: „Am 30. November 1989 haben wir mit dem Kommando Wolfgang Beer den Chef der Deutschen Bank, Alfred Herrhausen, hingerichtet. Durch die Geschichte der Deutschen Bank zieht sich die Blutspur zweier Weltkriege und millionenfacher Ausbeutung, und in dieser Kontinuität regierte Herrhausen an der Spitze dieses Machtzentrums der deutschen Wirtschaft; er war einer der mächtigsten Wirtschaftsführer in Europa.“

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Damit freilich erschöpfen sich die Belege für eine RAF-Täterschaft auch schon. Dafür weist der Fall zahlreiche Ungereimtheiten auf, die in höchstem Maße stutzig machen. Zum ersten verwundert, dass die auffälligen Erdarbeiten im Zusammenhang mit der Verlegung des 86 Meter langen Kabels für die Lichtschranke, die unweit des Hauses von Herrhausen erfolgten, keinen Argwohn der Experten des Hessischen Landeskriminalamtes erregten, denen es oblag, auf genau solche Baustellen entlang der Fahrtstrecke zu achten. Ja, die Beamten fanden selbst dann nichts, als sie eine halbe Stunde vor der Explosion den Seedammweg kontrollierten. Weder wurde das einsam dastehende Fahrrad bemerkt noch das Kabel, das von der sprengstoffgefüllten Aktentasche auf dem Gepäckträger ins Gebüsch führte, noch der Reflektor der Lichtschranke auf der anderen Straßenseite. Zum zweiten wäre da der große technische Aufwand auch im Falle der Sprengladung selbst. Deren komplizierte Bauform zwecks Ausnutzung der Richtwirkung von plattenförmig gebündeltem Sprengstoff passte nämlich überhaupt nicht zum sonstigen Vorgehen der RAF. Und zum dritten bleibt die Frage offen, wieso das zweite Begleitfahrzeug mit Personenschützern am Tage des Attentats extrem weit vor Herrhausens Wagen herfuhr, was sonst nie vorkam.

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Noch dubioser ist freilich der angebliche „Kronzeuge“, den die Ermittlungsbehörden dann am 21. Januar 1992 präsentierten. Hierbei handelte es sich um den früheren V-Mann des hessischen Verfassungsschutzes Siegfried Nonne, der zugab, die Tat gemeinsam mit den RAF-Mitgliedern Christoph Seidler und Andrea Klump sowie zwei Männer namens „Stefan und Peter“ vorbereitet und ausgeführt zu haben. Allerdings widersprachen die objektiven Spuren dem komplett; darüber hinaus widerrief Nonne sein Geständnis in einem Interview mit dem WDR-Magazin „Monitor“: Er sei vom Verfassungsschutz mittels indirekter Todesdrohungen zu dieser Aussage genötigt worden. Kurz darauf drang an die Öffentlichkeit, dass der V-Mann schon mehrfach in psychiatrischer Behandlung gewesen war und auch kurz vor seinen „Enthüllungen“ erst wieder sechs Monate in einer geschlossenen Einrichtung zugebracht hatte. Dem folgte 1996 das endgültige Fiasko für die Generalbundesanwaltschaft, als Seidler sich im Rahmen des RAF-Aussteigerprogramms den Behörden stellte und ein absolut wasserdichtes Alibi für die Tatzeit vorwies.
Seitdem wird nun nur noch „gegen Unbekannt“ ermittelt, wobei es in den letzten Jahren zu keinerlei Fortschritten kam – selbst als man 2007 nach einen Sensationsartikel im „Wall Street Journal“ darauf verfiel, zu prüfen, ob vielleicht die ominöse Sondereinheit AGM/S des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit den Mord an der Schlüsselfigur der bundesdeutschen Wirtschaft begangen haben könnte. Und das wiederum nährt natürlich Spekulationen über die wahren Täter beziehungsweise Hintergründe des Attentats.
Besonders häufig wird dabei auf das auffällige Engagement Herrhausens hinsichtlich eines Schuldenerlasses für die Entwicklungsländer verwiesen. Seine diesbezüglichen Vorschläge, die er unter anderem auf der Weltbanktagung 1987 und der Bilderberg-Konferenz 1988 vorgebracht hatte, stießen nämlich auf erbitterten Widerstand in der Finanzwelt, wobei insbesondere die US-Banken in eine ausgeprägte Kampfrhetorik verfielen. Aus diesem Grunde fühlte sich Herrhausen auch persönlich bedroht, was dazu führte, dass er auf der Konferenz der Weltbank ausnahmsweise sogar seine schusssichere Weste trug. Hieraus leiten manche Autoren eine Täterschaft des US-amerikanischen Geheimdienstes CIA ab. Auf jeden Fall verschwand das Thema Schuldenerlass nach Herrhausens Tod umgehend in der Versenkung. Sein Nachfolger Hilmar Kopper tat das Ganze als intellektuelles Experiment ab, welches niemals ernst gemeint gewesen sei.
Ein weiterer Ansatzpunkt für konträre Mordtheorien, in denen keine RAF vorkommt, sind Herrhausens Bemühungen, tiefgreifende Umstrukturierungen bei der Deutschen Bank vorzunehmen, die das Unternehmen zukunftsfähiger machen sollten. Nach Aussage der Witwe des Spitzenmanagers führten diese zu einem heftigen internen Machtkampf, dessen Höhepunkt für den Tag des Attentats erwartet wurde. Und das wirft natürlich ein merkwürdiges Licht auf die Tatsache, dass die Personenschützer, die Herrhausen verbluten ließen, ohne die geringsten Anstalten zu machen, Erste Hilfe zu leisten und das verletzte Bein abzubinden, nicht im Dienste des Bundeskriminalamtes, sondern der Deutschen Bank standen.    Wolfgang Kaufmann
 


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Kommentare

WachtamRhein bei Rhöndorf:
13.12.2014, 16:53 Uhr

Meine, nicht sachverstands-bzw. gegenstandlose These
vor allem Mit Blick auf Treuhandchef Rohwedder, verstorben in Düsseldorf '91: ausländische Geheimdienste im europäistischen Dunstkreise der unliebsamen Aufhebung der Besetzung Mitteldeutschlands sowie des am Horizont aufziehenden DM-Verrates.
Aber: ich sag' nix!


Sebastian Kenner:
12.12.2014, 13:53 Uhr

Eine klassische Aktion des Verfassungsschutzes, um einen Abweichler aus der eigenen Elite loszuwerden und die Sache den selbst aufgebauten Strohmännern von der "RAF" in die Schuhe zu schieben, um damit die Kommunisten zu diskreditieren.

Die Nummer wurde im Europa des Kalten Krieges dutzende Male durchgezogen (siehe z.B. Italien).

Der Auftrag für solche Aktionen kam natürlich nicht aus Bonn, sondern aus Washington. Die halbherzigen Polizeiermittlungen sind dabei Standard.

Die Personenschützer war eingeweiht, das ist klar, und da müsste auf jeden Fall angeknüpft werden.

Wobei ernsthafte Ermittlungen auch heute noch nicht möglich sein dürften, denn die Unterwanderung des Verfassungsschutzes durch die USA ist so aktuell wie eh und je. Heute werden solche Aktionen einfach eher mal den "Nationalisten" in die Schuhe geschoben.

Diese Dinge wird man erst aufklären können, wenn das inzwischen siebzig Jahre alte US-Regime in Berlin kollabiert.

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Karsten Voges:
6.12.2014, 17:09 Uhr

Daß das vordere Begleitfahrzeug viel zu weit vorweg fuhr ist auffällig. Aber etwas anderes ist signifikant und von alles entscheidender Bedeutung:

Die Lichtschranke konnte erst eingeschaltet werden, nachdem dieses Fahrzeug passiert hatte. Bei korrektem Abstand wäre also dieses Begleitfahrzeug sonst selbst in die Lichtschranke gefahren und nicht dasjenige von Herrhausen, da die Zeit zum Einschalten zwischen den Fahrzeugen sonst zu kurz gewesen wäre. Das bedeutet:

Das fehlerhafte Verhalten des vorderen Begleitfahrzeigs muß bereits Teil des Plans gewesen sein.

Wer dieses Attentat wirklich aufklären will, muß in der Lage sein solche Schlußfolgerungen ziehen zu können.


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