Warum sich Görings Großnichte sterilisieren ließ

Ein moralischer Zwangsgedanke beherrscht die Deutschen – Der Schuldwahn bringt das Land in Gefahr und ist völlig unsinnig

02.06.17
Dunkle Schatten aus der Vergangenheit: Schuldwahn ist die krankhafte Überzeugung, für unverzeihliche Sünden verantwortlich zu sein Bild: akg

Wird sich der Bundespräsident demnächst für das „fremdenfeindliche Niedermetzeln“ der römischen Legionen des Varus vor 2000 Jahren entschuldigen? Das klingt verrückt. Genauso irrsinnig ist aber Deutschlands genereller Umgang mit seiner Vergangenheit – eine psychologische Analyse.
„Vergesst Auschwitz!“, betitelte der jüdische Publizist Henryk M. Broder 2012 sein damals neuestes Buch, in dem er auf höchst polemische Weise mit der deutschen Erinnerungskultur abrechnete. Darin heißt es: „Die Deutschen leiden an Hitler wie andere an Schuppenflechte. Aus dem Versuch, sich gegen die eigene Geschichte zu immunisieren, ist eine Autoimmunerkrankung geworden.“
Dieser kluge, provozierende Gedanke lässt sich sogar noch erweitern. Deutschland laboriert nicht nur an den Folgen mangelnder Abwehrkräfte gegen den Bazillus der historischen Korrektheit, sondern auch an einer parallelen mentalen Störung: dem Schuldwahn. Psychologen kennen den Begriff. So wird die krankhafte Überzeugung genannt, schwere moralische Schuld auf sich geladen zu haben, eine schwere, unverzeihliche Sünde, die letztlich niemals abgetragen werden kann.
Der „moralische Zwangsgedanke“ (Lexikon der Psychologie) ist natürlich zuvörderst eine Reaktion auf die Verbrechen der Nationalsozialisten, aber im Prinzip erfahren auch alle anderen tatsächlichen oder vermeintlichen Untaten von Deutschen ihre pathologische Würdigung: die „Auslösung“ des Ersten Weltkrieges, der „Völkermord“ in den Kolonien des wilhelminischen Kaiserreichs, die „brutale“ deutsche Ostexpansion im Hochmittelalter und so weiter und so fort.  
Dabei steht der Schuldkomplex  auch im Falle echter dunkler Flecken in der deutschen Geschichte  für eine Fehlbeurteilung der Realität, weil es – unabhängig davon, wie kurz oder lange die moralischen und sonstigen Verfehlungen zurückliegen – keine kollektive Schuld geben kann. Schuld ist, außer im religiösen Kontext, immer etwas Individuelles. Kollektive Sühnemaßnahmen sind deswegen von der Weltgemeinschaft auch geächtet, beispielsweise durch die Artikel 33 und 87 der Genfer Konvention vom 12. August 1949. Das schert den Schuldwahn-Kranken freilich wenig. Der Zwangsgedanke führt zur Zwangshandlung. Das zeigte sich besonders auf dem Höhepunkt der sogenannten Flüchtlingskrise von 2015. Die ausländische Presse kommentierte es mal positiv, mal negativ. Die „Washington Post“ befand, dass die allgegenwärtigen Schuldgefühle der Deutschen zu einer vorbildlichen Willkommenskultur geführt haben, während der britische „The Guardian“ meinte, der bundesdeutsche Schuldkomplex werde ganz Europa in Gefahr bringen – eine zutreffende Prognose, wie wir inzwischen wissen.
Erstaunlicherweise ist die Monstrosität der nationalsozialistischen Verbrechen nur vordergründig Auslöser der heftigen und teilweise pathologische Schuldgefühle. Es ist tatsächlich das heutige gesellschaftliche Klima. Wie Psychiater der Universitäten Bochum und Zürich herausfanden, können Wahnvorstellungen zwar grundsätzlich bei jedermann auftreten, jedoch bestimmt die kulturelle Identität des Betroffenen die inhaltliche Ausrichtung: So zählt religiöser Wahn in vollkommen säkularen Staaten zu den extrem seltenen Phänomenen. Dies bedeutet, dass es in einem Deutschland ohne von oben verordneten „Antifaschismus“ kaum irrationale Schuldgefühle wegen des Dritten Reichs geben würde.
Das gilt auch für die Kinder, Enkel und anderen Nachfahren führender Nationalsozialisten, die unter den obwaltenden Umständen einen teilweise selbstzerstörerischen Schuldwahn entwickelt haben, obwohl sie in keiner Weise für die Taten ihrer jeweiligen Verwandten verantwortlich zeichnen. Ein eindrucksvolles Beispiel hierfür bieten die fünf Abkömmlinge von NS-Größen, welche der israelische Filmemacher Chanoch Ze’evi für seinen dokumentarischen Streifen „Meine Familie, die Nazis und ich“ interviewte. Im Verlaufe dieser Befragungen äußerte Bettina Göring, eine 1957 geborene Großnichte des Reichsmarschalls und Oberbefehlshabers der Luftwaffe: „Ich ließ meine Eierstöcke im Alter von 30 Jahren abschnüren, da ich befürchtete, ich könnte noch so ein Monster hervorbringen. Ich habe mich für den Holocaust verantwortlich gefühlt.“
Ähnlich gnadenlos der eigenen Person gegenüber agieren viele andere Nachgeborene von NS-Tätern, womit sie kurioserweise aber der Irrlehre der Nationalsozialisten huldigen, dass zentrale Eigenschaften von Menschen durch das „Blut“ weitergegeben werden. Und diese Selbstzerfleischung soll offenbar sogar noch Schule machen. So fühlte sich das von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) finanzierte Magazin „Chrismon“ vor einiger Zeit bemüßigt, folgenden Artikel zu publizieren: „Was machte Großvater in der Nazizeit? Eine Anleitung zur Recherche.“
Aber wodurch konnte ein derartiger nationaler Schuldkomplex entstehen? Etwas, das so tief im Unterbewusstsein vieler Deutscher wurzelt, dass sie – wie es der britische Bestsellerautor Frederick Forsyth ausdrückte – weiterhin gleich Ackergäulen schuften, „um für die Faulenzer unter ihren Olivenbäumen zu bezahlen“? Die Antwort ergibt sich aus dem Blick auf die Aktivitäten der Psychological Warfare beziehungsweise Information Control Division des Obersten Hauptquartiers der Alliierten. Die dort versammelten US-amerikanischen Experten für psychologische Kriegführung unter dem Kommando von Brigadegeneral Robert McClure initiierten 1945 den Prozess der „Re-education“ der Deutschen. In dessen Verlauf sollte ausdrücklich auch ein Gefühl der Kollektivschuld erzeugt werden. Dabei bedienten sie sich unter anderem diverser Emigranten, die einen abgrundtiefen Hass gegen alles Deutsche empfanden. Im Falle des Soziologen Theodor Ludwig Wiesengrund alias Adorno führte er zu widerlichen Auslassungen: „Mögen die Horst-Güntherchens in ihrem Blut sich wälzen und die Inges den polnischen Bordellen überwiesen werden … Alles ist eingetreten, was man sich jahrelang gewünscht hat: Das Land vermüllt, Millionen von Hansjürgens und Utes tot.“
Die unablässige Gehirnwäsche durch die Sieger des Zweiten Weltkriegs und deren Helfershelfer vom Schlage Adornos sorgte für ein sogenanntes „induziertes Irresein“, den von außen in die Köpfe der Deutschen eingepflanzten Schuldwahn. Therapieren ließe er sich sogar auch:  Psychiater würden eine  kognitive Therapie empfehlen. Der Erkrankte wird angehalten, sich von all den irrationalen Denkweisen zu verabschieden, die zur Entstehung der unbegründeten Schuldgefühle geführt haben. Dazu zählt natürlich die Auffassung, dass historische Schuld kollektiviert und zugleich auch noch von Generation zu Generation weitergereicht werden kann – um quasi das Perpetuum Mobile der nationalen Selbsterniedrigung endlos am Laufen zu halten.
Ob sich jemand findet, der den Patienten Deutschland einer solchen Heilbehandlung unterzieht, bleibt freilich abzuwarten. Erfolgt diese nicht, wird der Schuldwahn auf jeden Fall weiter zu irrationalen Handlungen wie der Grenzöffnung von Anfang September 2015 führen – mit vielleicht noch fataleren Konsequenzen für unsere Gesellschaft.
    Wolfgang Kaufmann

Liebeswahn und Größenwahn

Irrationale, krankhafte und nur schwer korrigierbare Fehlwahrnehmungen der Wirklichkeit gibt es viele: Liebeswahn, Eifersuchtswahn, Verfolgungswahn, Vergiftungswahn, Verarmungswahn, Nich-tigkeitswahn, Größenwahn, Erfinderwahn und eben auch den Schuldwahn. Diese und weitere ähnlich gelagerte Störungen listet das Fünfte Kapitel der Internationalen Klassifikation der Krankheiten ICD-10 auf – im Falle des Schuldwahns unter der Diagnosenummer F32.30.
Normalerweise werden die Wahnvorstellungen Einzelner von den Mitmenschen problemlos als solche erkannt, was eine Übernahme durch andere im Prinzip ausschließt. Der mit historischen Vorkommnissen begründete Schuldwahn scheint hier aber offensichtlich die Ausnahme zu sein, welche die Regel bestätigt.


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Kommentare

Hein ten Hof:
5.06.2017, 16:17 Uhr

In Nizza, Süd Frankreich, befindet sich in Hafennähe der Schlossberg, auf diesem ein jüdischer Friedhof.
Vor einigen Jahren habe ich dort eine Tafel gesehen mit dem Text. Sinngemäss. "Hier wurde Seife hinterlegt, die die Deutschen im 3. Reich aus unseren deportierten Brüdern angefertigt haben."

Ein Vorgang den es NIE gegeben hat.

Ich vermute mal, dass diese Tafel noch existiert. Sollte dem so sein, dann könnte Herr Broder sich für eine Entfernung derselben stark machen. Genügend Verbindungen sollte er haben.
Wer weiss was es sonst noch für öffentliche Behauptungen ähnlicher Art gibt.
Also, Her Broder, packen mirs.


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