Was aus dem Zentralorgan der SED wurde

Das »Neue Deutschland« überlebte das Ende der DDR und hat heute noch eine verkaufte Auflage von 28669 Exemplaren

19.04.16
Das ehemalige Osthafen-Kraftwerksgebäude an der Elsenbrücke in Berlin: Sitz der „ND“-Redaktion von 1993 bis 2005

Das vor 70 Jahren erstmals erschienene „Neue Deutschland“ war das offizielle Sprachrohr der Führung der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) und damit eines der wichtigsten Propagandainstrumente des Regimes in Ost-Berlin. Nichtsdestotrotz überlebte es dessen Sturz, musste danach aber einen gravierenden Bedeutungsverlust hinnehmen.

Über kein Massenmedium wurde in der DDR mehr gelästert als über das „Organ des Zentralkomitees“ der SED: Ob man im „Neuen Deutsch­land“ auch Elefanten einwickeln könne? Selbstverständlich – wenn eine Rede von Erich Honecker darin abgedruckt sei. Und tatsächlich kannte das Blatt keine Grenzen bei der Zelebrierung des Personenkultes um den geltungssüchtigen Staats- und Parteichef. So enthielt alleine die Nummer vom 16. März 1987 über 40 Fotos von Honecker. Dabei sollte das „Neue Deutschland“, das überwiegend unter der Kurzbezeichnung „ND“ firmierte, eigentlich das Ansehen der SED „blank und sauber“ halten, wie es im Geleitwort der SED-Vorsitzenden Wilhelm Pieck und Otto Grotewohl zur ersten Ausgabe hieß.
Die erschien vor nunmehr 70 Jahren, also am 23. April 1946, unter der Lizenznummer 74 der Sowjetischen Militäradministration, nachdem sich am Tage zuvor KPD und SPD zur SED zusammengeschlossen hatten. Seitdem unterstützte die Zeitung, deren Name übrigens der in Mexiko produzierten kommunistischen Exil-Gazette „Nueva Alemania“ entlehnt war, die Bemühungen der SED beim Aufbau eines „antifaschistischen und demokratischen Systems“ mit propagandistischen Mitteln. Aufgrund der Wichtigkeit dieser Aufgabe kamen die Chefredakteure, darunter Hermann Axen, Joachim Herrmann und Günther Schabowski, stets aus der Riege der obersten SED-Führung. Und über mangelnde materielle und personelle Ressourcen konnte sich beim „ND“ auch niemand beklagen. In dem repräsentativen Redaktionsgebäude am Franz-Mehring-Platz in Berlin-Friedrichshain arbeiteten bald an die 500 Menschen, deren Beschäftigung darin bestand, die rund zehn Seiten jeder Ausgabe zu füllen. Allerdings wurde die Auflage von 1,1 Millionen Stück pro Tag noch von der „Jungen Welt“ übertroffen. Sie erfreute sich deutlich größerer Beliebtheit. Von ihr gelangten sogar 1,5 Millionen Exemplare in Umlauf.
Das „ND“ spielte bis zuletzt die Rolle des nibelungentreuen Erfüllungsgehilfen der SED und brachte in diesem Zusammenhang oftmals extrem scharfmacherische Artikel, die andere Zeitungen des „Arbeiter- und Bauernstaates“ so nicht publizierten. Beispielsweise wurde die Erschießung eines jungen „Republikflüchtlings“ an der Berliner Mauer durch DDR-Grenzsoldaten dergestalt zynisch kommentiert: „Wir begnügen uns keineswegs mit der Feststellung, Peter Fechter und andere seien selbst schuld an ihrem Tod. Sie haben alle Warnungen in den Wind geschlagen; sie haben die gesetzlich festgelegte Ordnung verletzt. Nein, wir klagen an! Auch das Blut dieser Toten kommt auf das Haupt jener Besessenen in Bonn und West-Berlin, denen zwei Weltkriege nicht genug sind.“
Und als im Sommer 1989 die große Fluchtwelle via Ungarn und die Botschaften der Bundesrepublik im Ostblock einsetzte, erfand man beim „ND“ die Mär von den „kaltblütigen, berufsmäßigen Menschenhändlern“, die arglose DDR-Bürger wie den Mitropa-Koch Hartmut Ferworn mit präparierten Menthol-Zigaretten betäubten und gegen ihren Willen in den Westen verschleppten.
Infolge des Zusammenbruchs der DDR und der nachfolgenden Wiedervereinigung geriet das „Neue Deutschland“ in massive Turbulenzen. Zum ersten fiel die Zahl der verkauften Exemplare ins Bodenlose. Aktuell liegt sie bei gerade noch 28669. Zum zweiten kam die Zeitung als Bestandteil des SED-Parteivermögens trotz heftiger Gegenwehr und lautstarker Berufung auf den Artikel 5 des Grundgesetzes (Pressefreiheit) in die Obhut der Treuhandanstalt, in der sie bis 1995 verblieb. Und zum dritten gab es diverse Skandale. So wurde beispielsweise verschwiegen, dass Artikel in der Beilage „ND Extra“ von Werbekunden stammten.
Die Eigentumsverhältnisse sind mittlerweile reichlich undurchsichtig geworden. Nachdem das Blatt zunächst wieder in den alleinigen Besitz der PDS beziehungsweise Linkspartei übergangen war, wurde Ende 2006 die Hälfte der Anteile an der Neues Deutschland Druckerei und Verlag GmbH an die Communio Beteiligungsgenossenschaft e.G. veräußert, die wiederum zu 96 Prozent Matthias Schindler gehört, einem ehemaligen Referatsleiter in der Auslandsspionage-Abteilung des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit. Der hatte sich vertraglich verpflichtet, den Kaufpreis von 1,6 Millionen Euro in 16 Jahresraten abzustottern, die dann jeweils in die Parteikasse der Linken fließen sollten. Aber Schindler zahlte offenbar nur dreimal. Deshalb wird seit einiger Zeit von einem Scheingeschäft gemunkelt, mit dem die Ostgenossen verhindern wollten, dass ihre neuen, aber nicht unbedingt wohlgelittenen Parteifreunde aus dem We­­sten um den früheren SPD-Vorsitzenden Oskar Lafontaine das „ND“ in ein Instrument der „Diktatur des Oskariats“ verwandeln.
Nachdem das Blatt zwischenzeitlich dem Bundesfamilienministerium als „linksextremistisch“ galt, ist das jetzt nicht mehr der Fall. Und in der Tat vertritt das „ND“ eher konformistische Positionen, womit es sich auch und gerade unter radikalen Linken Feinde gemacht hat. Der neue Chefredakteur Tom Strohschneider – übrigens der erste „Nicht-Wessi“, der diesen Posten seit der sogenannten Wende bekleidet –verfolgt die Linie, statt auf plumper politischer Agitation künftig lieber auf „Heimatpflege“ zu setzen, also die Bewahrung mitteldeutscher Identität. Ob das freilich ausreicht, um das „Neue Deutschland“ langfristig aus dem Auflagentief herauszuführen, muss sich erst noch erweisen. Bislang ging es jedenfalls immer nur bergab, wie die Zahlen der Informationsgesellschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern (IVW) Quartal für Quartal belegen. Wolfgang Kaufmann


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Kommentare

H. Schinkel:
12.05.2016, 13:26 Uhr

Das Zentralorgan der SED sitzt heute in der CDU und heißt Angela Merkel.


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