Was wusste der Westen im Kalten Krieg?

Welche »Quellen« die Geheimdienste der Westalliierten und der Bundesrepublik CIA, MI6, DGSE und BND im Osten besaßen

31.07.17
Der höchstrangige öffentlich bekannte Überläufer des KGB in den Westen zu Besuch beim US-Präsidenten am 21. Juli 1987: Oleg Gordijewskij (rechts) und Ronald Reagan Bild: CF

Manche „Experten“ behaupten, westliche Nachrichtendienste hätten damals vom Sowjetblock „nichts gewusst“ und die deutsche Wiedervereinigung sei „völlig überraschend“ erfolgt. Genau das Gegenteil ist der Fall.

Und wenn nach rund 50 Jahren auch viele Akten verschlossen bleiben, so darf man heute doch größere Spionagefälle darlegen. Mögen die technischen Möglichkeiten damals auch begrenzt gewesen sein, so konnten doch der Auslandsgeheimdienst der Verei­nigten Staaten CIA (Central Intelligence Agency) und dessen britisches Pendant, der MI6 (Military Intelligence, Section 6), vom Teufelsberg in Berlin alle sowjetischen Telefongespräche bis nach Moskau abhören. Dem französischen Auslandsnachrichtendienst DGSE (Direction Générale de la Sécurité Extérieure) gelang dies wiederholt bei Sitzungen des Politbüros des Zentralkomitees (ZK) der SED. Der für die Auslandsaufklärung zuständige bundesdeutsche Nachrichtendienst BND (Bundesnachrichtendienst) betrieb während der damaligen Streitigkeiten Mos­kaus mit Peking mit Billigung chinesischer Stellen intensive Fernmeldeaufklärung gegen die UdSSR.
Beste Nachrichten gewinnt man indes durch „Quellen“ auf der Gegenseite. Nur sie können deren Gedankenwelt und Pläne erkennen. Die Motive, für die westliche Spionage unter Gefahr des Lebens tätig zu sein, waren vielfältig. Geld allein dürfte kaum jenes Risiko überwogen haben. Eigentlich ist immer eine innere Überzeugung zu finden. Prominente Russen waren oft voller Verachtung für und Hass auf ihr Sowjetsystem. Bei vielen Mitteldeutschen und manchen Polen dominierte das patriotische Pflichtgefühl, den Westen vor der Aufrüstung des Kreml und der Gefahr eines dritten Weltkrieges warnen zu müssen.
Stellvertretender Generalsekretär der UNO in New York und damit höchster Sowjetbeamter dort war Arka Schew­tschenko, der 1970 persönlicher Berater des sowjetischen Außenministers wurde und bald mit Leonid Breschnew sowie anderen Politbüromitgliedern am Tisch saß. „Ihre Heuchelei und Korruption bis in die letzten Winkel ihres Lebens“ ließen ihn zum Mitarbeiter des CIA werden, dem er Interna aus dem Kreml lieferte. Als ihm Gefahr drohte, bat er in den USA um Asyl.
Rund zehn Jahre leitete Oleg Kalugin das Büro des sowjetischen In- und Auslandsgeheimdienstes KGB in der Sowjetbotschaft in Washington. Seine Nebentätigkeit ist nicht direkt erwiesen, doch später nahmen die USA den KGB-General allzu gerne auf, und allzu schnell wurde er US-Staatsbürger.
In der DDR übergab der Oberstleutnant des russischen militärischen Aufklärungsdienstes GRU (Glawnoje Raswedywatelnoje Uprawlenije) Wladimir Popow der CIA die vertrauliche Rede des Marschalls Georgij Schukow über Moskaus neue Militärstrategie sowie vieles über die neuen Atom-Unterseeboote. Sieben Jahre später wurde er hingerichtet.
Der Professor für Physiologie an die Humboldt-Universität zu Berlin und Leiter des Instituts für Arbeitsphysiologie Adolf-Henning Frucht erfuhr durch einen DDR-General von einem neuen sowjetischen Kältekampfstoff, der die Radarbeobachtungsbasen in Alaska stundenlang lahmlegen und damit Sowjetflugzeugen das ungehinderte Eindringen in den Luftraum der USA ermöglichen konnte. Anfangs zeigte sich die CIA an der Information desinteressiert, erst später verstand sie die große Gefahr für ihr Land. Nach fünf Jahren Spionage wurde Frucht von seinem Gärtner verraten. Nach zehn Jahren Haft wurde er gegen ein Mitglied des ZK der Kommunistischen Partei Chiles ausgetauscht. Dabei spielte die Heirat der Tochter
Erich Honeckers mit einem Chilenen eine entscheidende Rolle.
Gut informiert war die CIA über die Wismut AG, die atomwaffenfähiges Uran für die UdSSR förderte. Ihr Helfershelfer erhielt „lebenslänglich“. Anna Kubiak, Haushälterin des Leiters der militärischen DDR-Spionage, floh als langjährige CIA-Agentin mit all dessen Geheimunterlagen in den Westen. In der Spionage Ost-Berlins gegen die Bundesrepublik arbeitete 32 Jahre lang ein CIA-Informant, der BND erfuhr davon erst nach dem Ende der DDR. Er war keineswegs der einzige Spion der CIA dort.
Etliche „Quellen“ saßen in hohen Positionen der politischen Spionage. Oberst Ryszard Kuklinski, der zum innersten Zirkel des Warschauer Vertrages gehörte, spielte ab 1970 Washington 40265 Seiten Geheimdokumente zu. Im Herbst 1981 wurden er und seine Familie abenteuerlich im Postwagen der US-Botschaft in Warschau nach West-Berlin geschleust. In den USA erhielten sie neue Identitäten.
Zu den erstaunlich vielen Helfershelfern in der sowjetischen Spionage gehörte auch GRU-Oberst Oleg Penkowskij, dessen rund 10000 Seiten geheime Militärunterlagen die CIA anfangs für Fälschungen hielt. Seine Nachrichten führten dann aber schließlich zur harten Haltung der USA in der Kubakrise.
Die Weigerung Moskauer Behörden, für sein todkrankes Kind ein Medikament zu kaufen, trieb Generalmajor Dmitrij Poljakow in die Armee der US-Spionage. Er wurde zur besten „Quelle“ im Sowjetmilitär. Nach einem Vierteljahrhundert konnte er enttarnt werden. Bei seiner Erschießung blieb er ohne Reue.
Das Hauptziel des MI6 war stets die UdSSR. Der wohl größte Fall war KGB-Oberst Oleg Gordijewskij. Als junger KGB-Offizier an der sowjetischen Botschaft in Kopenhagen wurde er von dem damaligen sowjetischen Einmarsch in die Tschechoslowakei in seinem Weltbild erschüttert. 1970 nahm er Kontakt zur dänischen Abwehr auf, die ihn „umdrehte“. Vier Jahre später warb der MI6 ihn an. Als er nach London kam, sorgte der MI6 dafür, dass erst der sowjetische Spionagechef in Großbritannien und anschließend auch dessen Nachfolger das Land verlassen mussten, sodass die Stelle frei wurde für seinen Schützling. Wohl aufgrund des Verrats eines KGB-Spions in den USA musste Gordijewskij 1985 nach Moskau, wo er verhört und überwacht wurde – und dennoch Kontakt zur dortigen britischen Botschaft aufnehmen konnte. Vorgeblich wegen einer „speziellen ärztlichen Behandlung“ fuhr eine der Botschaftsangestellten täglich nach Finnland. An der stark bewachten sowjetisch-finnischen Grenze warf sie unter dem Gelächter der Sowjetsoldaten den Wachhunden stets Würstchen zu. Nach einem vergeblichen Treffen sprang dann Gordijewskij an einer nicht einsehbaren Stelle im Gorki-Park in das fahrende Auto, und an der Grenze warf die Britin den Hunden besonders viele Würstchen zu und brachte sie so zum Schweigen. An jenem 20. Juli um 15.30 Uhr erreichten beide Finnland. Tags darauf mussten 31 Sowjetspione Großbritannien verlassen. Damit war das gesamte Agentennetz zerschlagen. Erstaunlicherweise erlaubte der Kreml später die Ausreise von Gordijewskijs Familie. Welcher Preis in welcher Art dafür gezahlt wurde, ist bis heute unbekannt.
Stolz, wenn auch mit Einschränkungen, ist die DSGB auf ihren Spion „Farewell“. Das Motiv dieses Wladimir Wetrow war die Liebe zu Frankreich, zu dessen freiem Leben im Gegensatz zum Sowjetsystem. Er hatte sich selber über einen Pariser Geschäftsmann angeboten, doch aus außenpolitischen Gründen hatte der französische Nachrichtendienst zunächst kein Interesse, einen „Maulwurf“ im Herzen des Sowjetgeheimdienstes zu haben. 1980 wurde Wetrow von der sowjetischen Botschaft in Paris nach Moskau in das neue Direktorat des KGB versetzt. In dessen Zentrale arbeiteten zirka 1000 Techniker und Analytiker an der Hauptaufgabe, wissenschaftlich-technische Neuerungen aus dem Westen zu beschaffen. „Farewell“ lieferte 4000 Dokumente, darunter 3000 streng geheime, und nannte die Namen von 200 Geheimdienstoffizieren und 100 Spionen im Westen. Allein Frankreich wies 47 Russen aus, darunter den KGB-Chef. Seine Verhaftung ist wahrscheinlich auf einen Direktor im fran­zösischen Außenministerium zurückzuführen, der in seinem Zorn leichtsinnig einen Vertreter der sowjetischen Botschaft für nur wenige Minuten Fotokopien von kompromittierenden Dokumenten überließ. Danach war es nicht schwer, „Farewell“ zu identifizieren und hinzurichten.
Der Vorläufer des BND, die Organisation Gehlen (OG), verfügte in den ersten Nachkriegsjahren über sehr gute „Quellen“ in Mitteldeutschland. Man denke an Werner Gramsch, der als Verkehrsminister vorgesehen war und ständig Einblicke in das Transportsystem der Sowjettruppen hatte, oder an Elli Barczahn, die persönliche Chefsekretärin des Ministerpräsidenten Otto Grotewohl, sowie an den einstigen Generalleutnant der Wehrmacht Vincenz Müller, Vizepräsident der Volkskammer und zeitweise Stellvertreter des Verteidigungsministers, der angesichts seiner inneren Zerrissenheit später Selbstmord beging. Dem stellvertretenden Ministerpräsidenten Hermann Kastner bot der sowjetische Hochkommissar in Ost-Berlin am 13. Juni 1953 den Posten des Ministerpräsidenten an – anstelle Walter Ul­brichts. Ob der Kreml dies letztlich bejaht hätte, erscheint zweifelhaft. Durch den Volksaufstand vom 17. Juni jedenfalls sah Moskau sich gezwungen, Härte zu zeigen – Ulbricht war gerettet. 1956 wurde Kastner in den Westen geschleust, hatte er doch acht Jahre für die OG sein Leben eingesetzt. Damals wurde letztere in „Bundesnachrichtendienst“ umbenannt, Standort blieb Pullach. Es gelang, den Chefdolmetscher der sowjetischen Botschaft in Ost-Berlin für sich zu gewinnen. Der Bau der Berliner Mauer wurde monatelang zuvor angekündigt. Angesichts der Untätigkeit des Westens damals war es lange schwierig, Mitarbeiter in höheren DDR-Positionen anzuwerben. Dennoch besaß der BND stets ein sehr umfassendes Bild über die militärische Situation im anderen Teil Deutschlands. Anfang 1989 waren ihm alle Namen und Adressen des Staats­si­cherheitsdienstes bekannt. Dort hatte Pullach einige Informanten. Im Spätsommer 1988 war die Anwerbung eines Mitglieds des ZK der SED gelungen, das über sehr gute Verbindungen zu Honecker wie Erich Mielke verfügte und bei jedem Treffen mit BND-Vertretern über die Stimmung und Pläne der Machthaber berichtete und das bis zuletzt. Obwohl die Staatssicherheit auf seine Spur kam, überlebte er das System. Sein Name ist noch heute geheim.
Der Einmarsch der Truppen des Warschauer Vertrages in die CSSR 1968 wurde drei Monate zuvor erkannt, wie eine gutinformierte „Quelle“ in Moskau bestätigte. Ein BND-Abgesandter warnte Alexander Dubcek damals persönlich, aber er – wie auch der We­sten – wollten es nicht glauben.
In der Sowjetunion besaß Pullach ab 1988 einen hochrangigen Mitarbeiter im Außenministerium, der laufend über die Deutschlandpolitik Moskaus berichtete. Ein einmaliger Informant war Leonid Kutergin, der 1967 beim westdeutschen Konsulat in Salzburg um Kontakte zum BND bat. Jahre später, als Oberst in der Deutschlandabteilung der KGB-Hauptzentrale in Jasenewo bei Moskau, übergab er dem deutschen Nachrichtendienst die Namen von rund 100 Sowjetspionen in der Bundesrepublik. Bei einem Einbruch stießen Kriminelle 1983 auf sein Geheimtintenpapier. Um seiner drohenden Verhaftung zu entgehen, flüchtete er mit seinem Sonderausweis nach Pullach. Seine Angehörigen hat er nie wiedergesehen.    
    Friedrich-Wilhelm Schlomann

Liebesgrüße aus Ost-Berlin

Der Osten war im Kalten Krieg an der unsichtbaren Front nicht nur Opfer, sondern oft genug auch Täter. Bei dem Versuch, die Bundeswehr zu zersetzen, machte die DDR auch vor den Ehen der Bundeswehrführung nicht halt. So erhielten Offiziere der westdeutschen Streitkräfte, die nicht an ihrem Wohnsitz Dienst taten, an ihre Heimatanschrift adressierte Schrei­ben weiblicher Absender. Dabei hatte man seitens der DDR zumeist richtig spekuliert, dass die Ehefrauen die stark parfümierten Umschläge ihrer vermeintlichen Rivalinnen lesen würden. In den 500 bekanntgewordenen, stets gleichlautenden „Liebesbriefen“ hieß es:
„Mein Liebster, endlich kann ich Dir heute den versprochenen Brief senden. Ich habe mir schon Vorwürfe gemacht, weil ich Dich so lange warten ließ. Unser letztes Zusammensein war so schön, ich kann es gar nicht vergessen. Ob Deine Frau etwas gemerkt hat? Ich grübele darüber nach. – Du hast mich ganz verwirrt und trägst allein die Schuld. Ich fühle mich seit ein paar Tagen nicht recht wohl. Ob Du eine Dummheit gemacht hast? Wenn es so ist, bitte ich Deine Frau, Dich freizugeben, denn Du sagtest mir doch, dass Eure Liebe nicht weit her sei. Sehen wir uns bald wieder, Liebster? Ich hoffe es und erwarte Dich wie immer – … Lasse mich nicht umsonst warten. Deine Dich liebende Inge. Komme bald!!!“
Da die Offiziere durchweg in alten soldatischen Begriffen dachten und erst recht ihre Ehefrauen nie an solche Aktionen glauben wollten, ist die Behauptung nicht übertrieben, dass in jenen Tagen sehr viele Offiziere sich mehr um ihre sehr misstrauischen Frauen kümmerten als um den Dienst in der Truppe. Damit hatten die fingierten Liebesbriefe ihren Zweck erfüllt.    F.W.S


Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie die PAZ mit einer Anerkennungszahlung.


Drucken


Kommentare

Keine Kommentare


Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld
*
*
*

CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz


*
 

Da Kommentare manuell freigeschaltet werden müssen, erscheint Ihr Kommentar möglicherweise erst am folgenden Werktag.
Sollte der Kommentar nach längerer Zeit nicht erscheinen, laden Sie bitte in Ihrem Browser diese Seite neu!

 
 

Die Preußische Allgemeine Zeitung – die deutsche Wochenzeitung für Politik, Kultur und Wirtschaft. Die PAZ spricht eine geschichtsbewusste Leserschaft an und vertritt den Gedanken einer deutschen Leitkultur. Preußisch korrekt statt politisch korrekt – die PAZ berichtet über Themen, die andere Wochenzeitungen lieber verschweigen. Unsere preußisch-wertkonservative Berichterstattung bietet Ihnen einen ungeschönten Blick auf das Zeitgeschehen und Woche für Woche Orientierung in der Flut oft belangloser Nachrichten. In ihren Kommentaren legt die PAZ den Maßstab preußischer Tugenden im besten Sinne an. Abonnieren auch Sie die Preußische Allgemeine Zeitung und lesen Sie wöchentlich tiefgründige Berichte von A wie Ahnenforschung, über B wie Bismarck, O wie Ostpreußen in Geschichte und Gegenwart, W wie Wochenrückblick bis Z wie Zweiter Weltkrieg. Kritisch. Konstruktiv. Klartext für Deutschland.