Weltfremd, dreist und bizarr
Wie fasst man Sprachlosigkeit in Worte? Zumindest das letzte Kapitel von „Einfache Dinge, die sie tun können, um die Gesellschaft zu verändern“ macht einen sprachlos, die meisten der vorherigen Kapitel hingegen laden dazu ein, die verschiedenen Autoren zu fragen, in welcher Welt sie bitte leben. Ja, das Buch ist von der „taz“ herausgegeben, da weiß man, dass die Autoren an vorhandene Probleme etwas anders ran gehen als bei der PAZ, doch manche Vorschläge zur Veränderung der Gesellschaft verwundern doch sehr. So empfiehlt „taz“-Kolumnist Peter Unfried den persönlichen CO2-Ausstoss zu verringern, indem man ein Auto mit geringem Benzinverbrauch fährt und seine Reisen reduziert. So fliegt er jetzt nur noch alle zwei Jahre mit der Familie nach Kalifornien! Und der Agraringenieur Heiko Piepelow, der wissen müsste, dass wir uns hier in Deutschland in einer sehr wasserreichen Gegend befinden, rät, Wasser einzusparen, da schließlich in vielen Teilen der Welt Wasser knapp ist. Da er erkannt hat, dass sich nicht jeder ein teures Passivhaus leisten kann, rät er zu einer anaeroben Trockentrenntoilette. Was das allerdings den durstenden Menschen in Afrika hilft, erfährt der Leser nicht.
Faszinierend ist, dass fast jedes der 50 Kapitel mit Hinweisen auf Firmen oder Organisationen endet. Es ist schon dreist, dass auf die Frage, wie man sich vor dem nächsten Finanzcrash schützen soll, vom Kauf von Goldbarren abgeraten und stattdessen zu einer Spende für die globalisierungskritische Nichtregierungsorganisation attac geraten wird. Christian Felber, der Sprecher von attac in Österreich, darf im Kapitel „Gemeinwohl-Ökonomie“ dazu aufrufen, Ratingagenturen, Fonds und Börsen zu schließen und Aktiengesellschaften in Bürgerbeteiligungsgesellschaften umzuwandeln. Und Adrienne Goehler, ehemalige Senatorin für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Berlin, darf für ein bedingungsloses Grundeinkommen ohne Zwang zur Arbeit werben. Wer das aber finanziert und wer dann dafür sorgt, dass der Müll abgeholt und getrennt wird und der Bus uns umweltfreundlich in die Stadt bringt, lässt sie offen.
Aber immerhin, der grüne EU-Parlamentarier Daniel Cohn-Bendit gibt in „Global denken und global handeln“ zu erkennen, dass die Unterstützung von vermeintlichen Befreiungsbewegungen in Nicaragua oder Kambodscha die Welt eher schlechter als besser gemacht habe, da viele Linke in den 60er, 70er und 80er Jahren aufs falsche Pferd im Kampf gegen den US-Imperialismus gesetzt hätten. Für die Gegenwart empfiehlt er daher, Ökobewegungen im internationalen Kampf gegen den Klimawandel zu unterstützen. Die ehemalige „taz“-Redakteurin Imma-Luise Harms mag es hingegen regional und schlägt einen ortsgebundenen Tauschring zur Lösung der Euro-Krise vor. Andere Autoren wiederum werben immer schön mit Angabe der Kontaktadresse gezielt für ökologische Betriebe, Banken, Fonds, das Gärtnern, erneuerbare Energien oder grüne Stromerzeuger.
Einzig wertvoll sind die Hinweise auf Organisationen, bei denen man sich ehrenamtlich als Nachhilfelehrer beziehungsweise Mentor von Kindern aus Migrantenfamilien engagieren kann, oder auf eine Laientheatertruppe, die muslimische Kinder über Gleichberechtigung aufgeklärt.
Ob man sich allerdings an die Initiatoren der interessanten Internetseite www.wortwarte.de, auf der neue deutsche Begriffe für in den deutschen Sprachgebrauch eingewanderte Worte gesucht werden, wenden kann, um Worte für die Beschreibung des letzten Vorschlags zu finden? In „Selber sterben statt gestorben werden“ rät Werner Pieper zum rechtzeitigen Freitod durch „Fasten“. Allerdings lässt der Autor offen, wann der richtige Zeitpunkt hierfür ist. Er selbst ist 63 Jahre, so dass sich in den nächsten Jahren zeigen wird, ob er seinen eigenen Rat befolgt. Rebecca Bellano
Ines Pohl (Hrsg.): „Einfache Dinge, die sie tun können, um die Gesellschaft zu verändern“, Westend, Frankfurt/Main 2011, broschiert, 192 Seiten, 12,95 Euro
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