Wenn Anna und Katharina Fritz spielen
Arte eröffnet das Friedrich-Jahr mit einem Dokudrama mit Mutter und Tochter Thalbach in der Titelrolle
Er wurde schon zu Lebzeiten der „Große“ genannt – Friedrich II., König von Preußen; oder kurz: der Alte Fritz. So ist er jedem von uns seit Schultagen geläufig. Verehrt und verteufelt, geliebt und gehasst – eine schillernde Persönlichkeit und zugleich einer der berühmtesten Deutschen. Es gibt Grund, ihn zu feiern. Vor 300 Jahren, am 24. Januar 1712, wurde er als Sohn von Friedrich Wilhelm I., dem „Soldatenkönig“, in Berlin geboren. 2012 wird zum „Friedrich-Jahr“.
Mehr als 150 Veranstaltungen (grob geschätzt) wird es zu seinen Ehren geben. Potsdams Neues Palais und das Deutsche Historische Museum in Berlin laden ab März beziehungsweise ab April zu mehrmonatigen Ausstellungen ein. Namhafte deutsche Verlage sind schon seit Wochen mit neuen Friedrich-Ansichten und -Einsichten auf dem Markt. Die Deutsche Post erinnert mit einer Briefmarke an den Preußenkönig, postfrisch und gezähnt ist sein Porträt seit dem 2. Januar am Schalter. Hörfunk und Fernsehen stehen all diesen ehrenden, erinnernden, kritisch beleuchtenden und zu Diskussionen reizenden Anstrengungen nicht nach.
Der deutsch-französische Kulturkanal Arte und das Erste Programm der ARD eröffnen den Reigen der TV-Sendungen zum 300. Geburtstag. „Friedrich – ein deutscher König“ heißt ganz unspektakulär der 90-Minuten-Beitrag, den Arte diesen Sonnabend, 7. Januar, um 20.15 Uhr und das Erste am Montag, 16. Januar, 22.45 Uhr ausstrahlen. Es ist eine Gemeinschaftsproduktion des federführenden Radio Berlin-Brandenburg (RBB) mit den Sendern MDR, SWF, WDR und Arte, hergestellt von der bewährten DOKfilm Fernsehproduktion, Potsdam.
Der auch als DVD erhältliche Film beginnt höchst ungewöhnlich mit einem Hinweis, fast möchte man sagen mit einer Warnung: „Wenn Ihnen zum Stichwort ‚Großer König‘ nur preußischer Militarismus und große Schlachten einfällt, dann haben wir vielleicht etwas mehr zu bieten …“ Dieses Mehr ist dann, wie es Projektleiter Rolf Bergmann sagt, „kein Fridericus-Rex-Otto-Gebühr-Aufguss, also keine Hommage, keine ideologische Vereinnahmung, sondern ein frischer, zeitgemäßer Blick auf eine historische Figur“. Aus.
Durch Spielszenen, auch mit Zeitsprüngen, die dem nicht so geschichtsfesten Zuschauer durch Datenzeilen angezeigt werden und durch geografische Skizzen, sowie knappe erläuternde Kommentare der drei Historiker Christopher Clark, Hartmut Dorgerloh und Monica Kurzel-Runtscheiner entsteht mosaikartig ein „junger Friedrich“, ein „Alter Fritz“. „Dokudrama“ nennt die Branche diese Mischung von Realität und Fiktion: Wie er vom Vater, dargestellt durch Oliver Nägele, gedrillt und gedemütigt wird; wie er nach vergeblicher Flucht die Hinrichtung seines Freundes Hans Hermann von Katte mit ansehen muss; wie er das Soldatenleben hasst; wie er mehr Schöngeist ist als Schlachtenlenker und mit Frauen nichts anzufangen weiß; wie er aus Ruhmsucht im Siebenjährigen Krieg halb Europa gegen sich aufbringt und dabei fast sein Preußen verspielt; wie er von Sanssouci träumt, dem Schloss „ohne Sorge“.
Der große Coup des Films sind jedoch zwei Hosenrollen. Zwei Frauen spielen Friedrich – Katharina Thalbach den alten, ihre Tochter Anna den jungen. Das ist zum einen äußerst sehenswert und zum anderen mehr als nur ein Gag. Regisseur Ian Peter, der sich dem RBB durch die erfolgreiche Umsetzung der ARD-Reihe „Mein Deutschland“ empfohlen hatte, sieht es so: „Zwei Facetten von Friedrichs Person sind bei den beiden Thalbachs spürbar: das Spöttisch-Frivole und die enorme Kälte. Ihr Spiel macht die doppelte Entfremdung Friedrichs des Großen erlebbar – Schauspieler, die einen König darstellen, der einen König geschauspielert hat.“
Katharina Thalbach, von Kindsbeinen an mit einer Leidenschaft für alles Historische, erinnert sich, dass ihre Großmutter ihr den Alten Fritz immer gern vorgespielt hat. „Mit Krückstock und fürchterlich finsterem Blick. Den hab’ ich von ihr übernommen.“ Und Tochter Anna sagt: „Ich musste mich nicht anstrengen, Fritz zu spielen. Es ist die schönste Rolle, die ich jemals spielen durfte.“
Der Film ist übrigens – wenn auch eher unbeabsichtigt – so etwas wie eine Geburtstagsehrung für Katharina Thalbach. Zwei Tage nach der Premiere im Ersten wird sie 58. Am 19. Januar 1954 wurde sie in Berlin in eine Schauspieler-Ehe hinein geboren und stand mit fünf Jahren schon auf der Bühne. Helene Weigel, Witwe von Bertolt Brecht, war Mentorin ihrer Schauspielausbildung.
Als Katharina Thalbach, inzwischen vielfach gefeierte Schauspielerin und Regisseurin bei Bühne, Film und Fernsehen, vor drei Jahren in einem Interview der „Stuttgarter Zeitung“ gefragt wurde, ob sie vielleicht Angst hätte, im Alter keine attraktiven Rollen mehr zu bekommen, antwortete sie: „Es wird sich wohl eine schöne Alte für mich finden – eine Miss Marple oder so …“ Katharina Thalbach ist noch immer eine Vollblut-Mimin und ihr „Alter Fritz“ ein Kabinettstück. Karlheinz Mose
Kommentare
Keine Kommentare

Ägypten: Demokratische Illusionen
Die große Skepsis der Ägypter beim Thema Wahlen hat nicht nur mit Ex-Präsident Hosni...
Zuwanderer aus Statistik tilgen
Den Haag – Der niederländische Rat für gesellschaftliche Entwicklung (RMO) rät der...
Beatrix von Storch: Kämpferin für den Rechtsstaat
Da sich SPD und Bundesregierung über den Fiskalpakt nicht einig werden können, dieser...

»Ab 1. Juli leben wir in anderer Republik«
Nach Ansicht des ehemaligen Chef-Volkwirtes von Barclays Capital Thorsten Polleit „büßt...
Die Preußische Allgemeine Zeitung – die deutsche Wochenzeitung für Politik, Kultur und Wirtschaft. Die PAZ spricht eine geschichtsbewusste Leserschaft an und vertritt den Gedanken einer deutschen Leitkultur. Preußisch korrekt statt politisch korrekt – die PAZ berichtet über Themen, die andere Wochenzeitungen lieber verschweigen. Unsere preußisch-wertkonservative Berichterstattung bietet Ihnen einen ungeschönten Blick auf das Zeitgeschehen und Woche für Woche Orientierung in der Flut oft belangloser Nachrichten. In ihren Kommentaren legt die PAZ den Maßstab preußischer Tugenden im besten Sinne an. Abonnieren auch Sie die Preußische Allgemeine Zeitung und lesen Sie wöchentlich tiefgründige Berichte von A wie Ahnenforschung, über B wie Bismarck, O wie Ostpreußen in Geschichte und Gegenwart, W wie Wochenrückblick bis Z wie Zweiter Weltkrieg. Kritisch. Konstruktiv. Klartext für Deutschland.



Kommentar hinzufügen