Wenn der Hunger satt bis in den Tod macht

Rund 600000 Menschen leiden in Deutschland unter Essstörungen. Die Ursachen sind viel komplexer als oft dargestellt

22.09.17
Das Maß aller Dinge? Das herrschende Schlankeitsideal hat einen regelrechten Gewichtsrassismus hervorgebracht Bild: pa

Sieben Scheiben Weißbrot dick mit Nutella, Honig oder Käse bestrichen, 1000 Gramm Quark mit Haferflocken, acht Stück Torte, mehrere Hundert Gramm Kuchenteig, fünf Tafeln Schokolade und zwei Familienpackungen Eiscreme – diese Menge an Nahrungsmitteln stopfte Nicole K. während eines Essanfalls innerhalb weniger Minuten in sich hinein, woraufhin sie dann alles wieder gezielt erbrach. So steht es im Protokoll, das sie für den Therapeuten führt, der ihre Essstörung namens Bulimie kurieren soll.

Menschen wie Nicole K. gibt es in Deutschland rund 600.000. Dazu kommen zahllose andere, deren Essverhalten ebenfalls krankhaft ausfällt. Glaubt man den Medien, handelt es sich hierbei um ein gänzlich neues Phänomen, doch das stimmt so nicht: Verschärft Fastende oder maßlos Prassende kannte man auch schon in früheren Zeiten. Jedoch nehmen die Essstörungen seit einigen Jahrzehnten spürbar zu. Dabei sorgen individuelle, familiäre und gesellschaftliche Gründe dafür, dass immer mehr Menschen außerstande sind, ihr Essverhalten in den Griff zu bekommen.
So vermag die Befriedigung nach dem Essen oder aber angesichts der spürbaren Gewichtsreduzierung durch Hungern Erfolgserlebnisse auf anderen Gebieten sowie auch die schmerzlich vermisste emotionale Zuwendung zu ersetzen. Bei der Magersucht spielen zudem Kontrollzwänge und Perfektionsstreben eine maßgebliche Rolle. Ebenso führt die bewusst herbeigeführte Abmagerung dazu, dass die Betroffenen als Sexualobjekt „ausfallen“, was insbesondere bei vorhergehendem Missbrauch ein gewollter Effekt des Ganzen ist. Weitere persönliche Triebkräfte fürs rigide Abnehmen bis hin zum Tode sind ausgeprägte Genussfeindlichkeit und übertriebener Ehrgeiz bei der „Selbstoptimierung“ in Kombination mit gestörter Wahrnehmung der eigenen Körperformen. Esssüchtige wiederum empfinden manchmal die Gewichtszunahme als Segen, weil so eine Art von „undurchdringlichem Panzer“ entsteht, der vor Angriffen und Kränkungen schützt. Und die Bulimiker nutzen die Fressorgien nicht zuletzt, um unangenehme Aufgaben auf später zu vertagen.
Neben diesen Auslösern von Essstörungen, die eher im Bereich der Persönlichkeit liegen, können auch die Familienverhältnisse und der Erziehungsstil der Eltern höchst fatale Wirkung entfalten. Werden Kinder beispielsweise gezwungen, zu essen, bis der Teller leer ist, verkümmert ihre Fähigkeit, auf die Sättigungssignale aus dem eigenen Körper zu achten. Dann enden die Mahlzeiten später nur noch aufgrund äußerer Faktoren wie Zeitmangel oder eben nach dem Verzehr zu großer Mengen an Nahrungsmitteln – was geradewegs in die Fettsucht führen kann.
Die Anorektiker wiederum empfinden oftmals eine starke Unlust am Erwachsenwerden. Schuld daran sind schädliche Familiennormen und Rollenkonstellationen im Elternhaus sowie auch Konflikte, durch die die Kinder in eine Schiedsrichterrolle gedrängt werden. Da hilft dann nur noch das „Dünnemachen“, um sich nicht auf die Seite des Vaters oder der Mutter schlagen zu müssen und so vielleicht die Liebe der anderen Partei zu verlieren.
Die Bulimiker ihrerseits stehen meist unter noch größerem Druck: Den überhöhten elterlichen Erwartungen können sie vielfach nur mit äußerster Mühe nachkommen. Daraus resultiert die Neigung, mit Tricks zu arbeiten, um zum Erfolg zu gelangen – auch beim Äußeren, das ja lediglich deshalb so perfekt wirkt, weil die Figur durch Erbrechen nach dem Essen „gerettet“ wurde. Die heimliche Magenentleerung hat allerdings ihren Preis: Sie führt den Menschen beispielsweise zunehmend in die Isolation. Wichtige soziale Kontakte werden gekappt, denn bei den Ess-Brech-Anfällen sind Augenzeugen definitiv unerwünscht.
Manche Essstörungen entstehen des Weiteren infolge der negativen Vorbildwirkung seitens mancher Identifikationsfiguren in der Gesellschaft: Wenn eine Prinzessin Diana Bulimie hatte, dann kann sich Nicole K. gleichfalls ein wenig „geadelt“ fühlen, wenn sie es der toten royalen Ikone gleichtut. Das ist jedoch nicht die einzige gesellschaftliche Ursache für die vielen krankhaften Abweichungen beim Essverhalten in der heutigen Zeit. Das allergrößte Problem ist dabei wohl das herrschende Schlankheitsideal, welches inzwischen einen regelrechten „Gewichtsrassismus“ hervorgebracht hat. Wie Untersuchungen von Psychologen ergaben, sank die Bereitschaft, Menschen mit normaler oder gar stämmiger Figur als Freund zu akzeptieren, in den letzten Jahrzehnten in beängstigendem Maße. Darüber hinaus verwechselt die Mehrheit der Deutschen mittlerweile das Untergewicht mit dem Idealgewicht. Und natürlich steht Schlanksein für den beruflichen und gesellschaftlichen Erfolg – dick sind heute nicht mehr die Reichen, sondern die „Verlierer“ auf den unteren Stufen der sozialen Leiter. Das ist das Bild, was viele im Kopf herumtragen und zur gnadenlosen Selbstkasteiung gemahnt, aus der dann nur zu oft Essstörungen resultieren.
Eine entscheidende Rolle spielen in diesem Zusammenhang Fernsehsendungen wie „Germany‘s Next Topmodel“, in denen figürliche Maßstäbe gesetzt werden, die jungen Menschen den Kopf verwirren. Noch schlimmer ist allerdings das Treiben der Modemacher, welche ja überhaupt erst für die Nachfrage nach Magermodels verantwortlich zeichnen. Darauf verwies unter anderem Alexandra Shulman, die Chefredakteurin der britischen Zeitschrift „Vogue“: selbst seit Jahren etablierte Supermodels gelten heute als zu „dick“, um die exklusiven Kreationen aus den Häusern Dior, Chanel, Prada, Versace und Yves Saint Laurent zu präsentieren. Nach Ansicht der prominenten deutschen Modeschöpferin Anja Gockel liegt die Ursache hierfür in der Homosexualität der wichtigsten männlichen Star-Designer: Deren Idealbild sei nun einmal die knabenhafte Figur. „Deshalb dürfen die Models nicht zu viel Busen und nur wenig Hüfte haben. Alles Volumige ist unerotisch, nicht akzeptabel.“
Ob es wirklich legitim ist, Marc Jacobs, Harald Glööckler, Giorgio Armani und Co. derlei krude Gedankengänge zu unterstellen, sei dahingestellt. Immerhin versuchen nun Länder wie Frankreich und Israel extrem untergewichtige Models per Gesetz vom Laufsteg zu verbannen.     Wolfgang Kaufmann

Die häufigsten Essstörungen

Bei der Anorexia nervosa (psychisch bedingter Appetitlosigkeit), die auch Magersucht genannt wird, nehmen die zumeist weiblichen Patienten nur minimale Mengen an Nahrung zu sich, weswegen sie oft derart an Gewicht verlieren, dass akute Lebensgefahr besteht.

Die Bulimie (Ess-Brech-Sucht beziehungsweise wörtlich übersetzt eigentlich der „Ochsenhunger“) ist durch heftige Essattacken gekennzeichnet, nach deren Ende die Betroffenen – in der Regel wiederum Mädchen oder Frauen – sich gezielt erbrechen, um eine Gewichtszunahme zu verhindern. Auch hier drohen schwere körperliche Schäden oder gar der Tod. Die Bulimie gilt als Krankheit der Heimlichkeit und Täuschung. Im Gegensatz zur Anorexie  lässt sie sich verstecken, was die Betroffenen auch mit sehr viel Ideenreichtum praktizieren. 

Dazu kommen weitere, neuerdings gleichfalls immer öfter diagnostizierte Essstörungen wie die Esssucht und die Binge-Eating-Störung mit periodischen Essanfällen ohne nachfolgendes Erbrechen, welche beide zu Adipositas (erheblichem Übergewicht) führen, das Pica-Syndrom, bei dem die Erkrankten ungewöhnliche Dinge (also zum Beispiel Erde oder Haare) verschlingen, sowie die Orthorexia nervosa, das krankhaft übertriebene „Gesund Essen“.     WK


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