Wenn für Fortschritt keine Zeit bleibt

Der Boom der deutschen Wirtschaft nimmt kein Ende − Experten warnen jedoch vor Nebenwirkungen

09.01.18
Keine Minute Stillstand: Fließbandarbeiter bei BMW in Berlin Bild: Imago

Die deutsche Wirtschaft brummt und brummt seit mehr als acht Jahren. Der Dauerboom könnte langfristig jedoch zum Bumerang geraten.

„Hervorragend“ − mit diesem glänzenden Prädikat beschreibt die Bundesbank die Ertragslage der deutschen Wirtschaft. Der Aufschwung habe sich auch 2017 fortgesetzt, nachdem die Unternehmen schon 2016 die höchste Umsatzrendite seit der Krise von 2009 erreicht hatten.
Beeindruckend erscheint vor allem die Dauer des Aufschwungs, der nun schon ins neunte Jahr geht. Ausgerechnet hierin aber wittern kritische Experten nicht zu unterschätzende Gefahren.
Hintergrund der Skepsis: Für gewöhnlich dauert ein Konjunkturkreislauf vier bis fünf Jahre. Er besteht aus Rezession (Krise), Aufschwung, Boom, Abschwung und wieder Rezession. Was wie eine ungesunde Fieberkurve aussieht und von Anhängern sozialistischer Wirtschaftsmodelle denn auch gern als Zeichen für die Krisenanfälligkeit des Kapitalismus gegeißelt wird, macht in Wahrheit gerade die Stärke der Marktwirtschaft aus.
Denn Krisen sind nicht einfach Störfälle in der wirtschaftlichen Entwicklung. Sie wirken vielmehr wie eine Entschlackungskur, die eine Wirtschaft fit macht und langfristig konkurrenzfähig hält.
In den Rezessionen gehen unrentable Unternehmen unter, verschwinden Marken und Produkte vom Markt, die sich überlebt haben. Das macht Raum frei für die zukunftsfähigen Betriebe, welche die frei gewordenen Marktanteile übernehmen können, und für neue Firmen. Die Kredite und Ressourcen, die vorher von unrentablen Unternehmen absorbiert worden waren, stehen nun den Aufsteigern zur Verfügung.
Bei einem acht- oder mehrjährigen Daueraufschwung ist eine solche Reinigungs- und Erneue­rungsphase mehr als überfällig. Dass sie immer noch nicht eingetreten ist, hat benennbare Gründe. Da sind zum einen die rekordniedrigen Zinsen. Sie ermöglichen es Betrieben, die sich zu Zinssätzen auf Normalmaß schon längst nicht mehr finanzieren könnten, am Markt zu bleiben, weil ihre Kreditkosten historisch einmalig gering sind.
Speziell für Deutschland verzerrt zudem der Euro die Konjunkturentwicklung. Er stellt das Mittelmaß zwischen den starken und schwachen einstigen Nationalwährungen dar. Früher spiegelte sich die Stärke der deutschen Wirtschaft in der Härte der Deutschen Mark wider. Heute operiert die deutsche Wirtschaft mit einer Währung, die viel zu weich ist angesichts der Potenz der deutschen Unternehmen.
Das bringt zunächst einmal große Vorteile, wie sich am Export ablesen lässt. Zu D-Mark-Zeiten lag der Exportanteil der deutschen Wirtschaft bei rund einem Drittel, unter dem Euro ist er auf etwa die Hälfte emporgeschnellt.
Damit jedoch erhöht sich nicht allein die Abhängigkeit von ausländischen Märkten. Es sinken auch Drang und Notwendigkeit, die eigene Konkurrenzfähigkeit durch technische Innovationen oder neue Marktstrategien zu verbessern. Als Deutschland wegen der starken D-Mark kaum mit günstigen Preisen konkurrieren konnte, musste es dies durch qualitativen Vorsprung wettmachen. Ökonomen sprachen von der Mark als „Innovations-Peitsche“. Diese Peitsche ist weg, weil es heute leichter fällt, auch mit weniger Anstrengung den Weltmarkt zu erreichen.
Eine Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), von der die „Welt“ kürzlich exklusiv berichtete, hat etwas geradezu Groteskes zutage gefördert. Danach sieht die große Mehrheit der Betriebe sehr wohl die Chancen der Digitalisierung als Sprung auf eine neue Ebene der Technik. Die Unternehmen sind aber dermaßen mit dem Abarbeiten ihrer prall gefüllten Auftragsbücher beschäftigt, dass ihnen die Kapazitäten für techni­sche Innovationen fehlen − der technische Fortschritt lahmt, weil die Geschäftslage so gut ist, dass man sich kaum mit etwas anderem als Produktion und Verkauf befassen kann.
Rekordniedrige Zinsen und Daueraufschwung wirken letztlich auf die deutsche Wirtschaft wie Doping auf einen Sportler: Er bringt aktuell maximale Leistung, wodurch seine Gesundheit langfristig aber untergraben wird. Die für Deutschland zu weiche Währung ermöglicht es, den Konkurrenzdruck auf dem Weltmarkt einfacher zu meistern, als dies unter einer härteren Valuta wie der D-Mark möglich wäre − so als müsste der Sportler Gewichte heben, die nur halb so viel wiegen, wie draufsteht.
In den früheren Weichwährungsländern der Euro-Zone verhalten sich die Dinge, zumindest was die Währung angeht, naturgemäß spiegelverkehrt. Sie ächzen unter mangelnder Wettbewerbsfähigkeit und flüchten sich daher in die Verschuldung, die ihnen durch die Nullzinspolitik der von den Südländern beherrschten Europäischen Zentralbank billig gemacht wird.
In Deutschland wie im Süden der Euro-Zone wachsen daher die Verzerrungen. Austritte aus dem Euro (über Italien als Ausstiegskandidaten wird bereits gemunkelt), das Scheitern der Einheitswährung insgesamt oder eine nicht mehr zu verhindernde Wende zurück zu „normalen“ Zinssätzen dürften unweigerlich zu massiven Anpassungen führen. Wie die aussehen und wie scharf sie ausfallen werden, darüber streiten die Experten, denn es gibt für die heutige Ausgangslage keinerlei geschichtliches Vorbild.
    Hans Heckel


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Kommentare

Jürgen Umfahr:
20.01.2018, 11:06 Uhr

Die global EU-Niedrigzinspolitik ist garantiert kein Zufall: Die deutsche Wirtschaft SOLL sich erstens gar nicht höherentwickeln, sondern im Niveau absinken. Stattdessen soll sie lieber so viele wie möglich an Arbeitsplätzen, auch viele für Unqualifizierte, bereitstellen. Nur so können die Heerscharen an Hereingelassenen in den Arbeitsmarkt "eingebaut" werden. Dadurch würden sie dann plötzlich "gebraucht".
Zwei Fliegen mit einer Klappe, um den großen Austausch zu vollenden und unumkehrbar zu machen.


Lothar Liedtke:
9.01.2018, 17:22 Uhr

Das erinnert auch etwas an die DDR.
Es gibt die Anekdote, daß Ingenieure vom VEB Sachsenring Zwickau beim Politbüro vorstellig wurden und baten, die Partei möge doch einen Beschluß fassen, das eine neuer Trabant entwickelt werden dürfe. Die Genossen berieten sich und antworteten, daß dazu keine Notwendigkeit bestehe. Der Trabi ist ein bewährtes Modell, das sich gut verkaufe, wie man auch an den Wartelisten sehen kann.
So blieb alles beim alten, das Ende ist bekannt.


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