Wie ein Wutbürger

Luther, der Populist – Ein etwas anderes Martinisingen zum Geburtstag des Reformators am 10. November

17.11.17
Konservativer Rebell: „Junker Jörgs“ Lutherstube auf der Wartburg Bild: tws

Viel Aufwand, wenig Ertrag. Dieses Fazit kann man zum Reformationsjahr ziehen, das seit dem 31. Ok­tober offiziell beendet ist. Das lag wohl auch daran, dass Luther für viele keine Lichtgestalt ist.

Das für viele wichtigste Ergebnis des Reformationsjubiläums war sicher der bundesweit außerplanmäßige Feiertag am 31. Oktober anlässlich des 500. Jahrestags des Thesenanschlags in Wittenberg. Was man sonst nach zehnjähriger Vorbereitung mit Bundesmitteln in Höhe von 50 Millionen Euro auf die Beine gebracht hat, war mehr als dürftig: Der evangelische Kirchentag in Berlin und Wittenberg erwies sich als Besucherflop; eine Ausstellungsorgie in den Luther-Städten täuschte geschickt über die mangelnde Qualität des Ge­zeigten hinweg; ein gigantisches Luther-Oratorium mit 4000 Sängern verniedlichte Luther als Musical-Star, und ein Playmobil-Luther, mit dem die Evangelische Kirche das Reformationsjahr vermarktete, verballhornte den Reformator als Kinderspielzeug.
Die Banalisierung Luthers war seitens der Organisatoren um „Re­formationsbotschafterin“ Margot Käßmann beabsichtigt. Sie wollten Luther auf kleiner Flamme halten. Denn heutzutage haben viele ein zwiespältiges Verhältnis zu ihm. Seine Juden-, Frauen- und Islamfeindlichkeit ist wenig opportun.
Stattdessen sollte die Reformation groß aufgetischt werden. Weil aber Reformation ohne Luther nicht geht, wurde es im Jahr 2017 kein so rauschendes Fest, wie es das in ideologisch weniger belasteten Zeiten vor vielleicht zehn Jahren noch hätte werden können, als die Lutherdekade mit ihrer Veranstaltungsflut begann.
Inzwischen geht die Angst um, wenn von Luther die Rede ist. Es ist die Angst vor einem „Rechtspopulisten“, einem, der den bestehenden gesellschaftlichen Konsens infrage stellt. So bezeichnet der Luther-Biograf Willi Winkler den Reformator nicht nur als „Rebell“, sondern auch als „konservativen Revolutionär“, der etwas Fortschrittliches erreicht hat, nämlich die Reformation.
Tatsächlich fällt es nicht schwer, in ihm einen jener „Wutbürger“ zu sehen, die sich in der Masse als konservative Gegenbewegung zur etablierten Meinung begreifen. Herrschende Kraft zu Luthers Zeiten war die Katholische Kirche, die er nicht be­kämpfte, wohl aber deren Dogmen, starre kirchliche Rituale und korrupte Machenschaften wie den Ablasshandel.
Luthers Brüssel war Rom, welches für den Unterhalt des riesigen Apparats das Geld aus den reichen Kleinstaaten saugte und ihnen als einzige Gegenleistung Regeln und Gesetze diktierte. Was für Brüssel die Krümmung der Banane war für Rom die nicht vorhandene der Welt: sie blieb eine Scheibe.
Luther wagte den Widerspruch. Und er tat es mit drastischen Worten: Bei ihm „platzen die Geister aufeinander“, er erfand Bibelwörter wie „Bluthund“, „Schandfleck“ oder „Lästermaul“, sprach von den Deutschen als „aller Völker Affen“ und schimpfte auf die „Huren- und Hermaphroditenkirche“. Wer als Politiker heute so zu sprechen wagt, wird als Populist geächtet.
Provokation als Mittel zur Auseinandersetzung setzte schon Lu­ther geschickt ein. Dabei verstieß er gegen eine weitere Konvention: Er verzichtete auf Latein als Ge­lehrtensprache der Humanisten und sprach – Deutsch. Wenn man sieht, wie heute das Gendersprech der Eliten oder Englisch zum neu­en Latein wird, wo selbst im Re­formationsjahr einige Kirchen zu „After-Work-Gottesdiensten“ aufgerufen hatten und sich eine Luther-Ausstellung „Here I stand“ (nach dem Luther-Spruch „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“) nannte, wünschte man sich einen neuen Luther herbei.
Die Rückbesinnung auf deutsche Sprache, Kultur und ein deutsches Volk (dem man lutherisch „aufs Maul schaut“) wiederholt sich in unsicheren Zeiten, da sich die Welt dank Internet in einem ähnlichen Wandel befindet wie vor 500 Jahren. Schon damals wurde der Konsens durch Globalisierung (Entdeckung Amerikas), Wissenschaft (heliozentrisches Weltbild durch Copernicus) und neue Medien gestört. Luther nutzte die Erfindung der Druckerpresse so, wie Donald Trump heute Twitternachrichten aussendet.
Dass eine Veränderung der Welt nicht nur Positives bewirken kann, zeigt die Zuwanderungsproblematik. Sie bereitet Sorgen, die nach einem „nicht weiter so“ ruft. Auch Luther fühlte diese Hilflosigkeit. Als die Osmanen Konstantinopel erobert hatten, rief er nach der Einheit der Nation, um deren Vormarsch zu stoppen: „Deutschland ist wie ein kräftiges Pferd … Es fehlt ihm aber an einem Reiter.“
Sucht man nach weiteren Parallelen, könnte man Luthers – zeitgeschichtlich erklärbaren – Antisemitismus mit heutiger Islamophobie gleichsetzen. In manchen Dingen wie seinem Hexenwahn oder seiner sozialen Kälte gegen­über den Bauern bei ihren damals niedergeschlagenen Aufständen mag er sogar reaktionär wirken.
Trotzdem wollte Luther die Katholische Kirche vor ihrem eigenen Verfall retten, ähnlich wie heutige konservative Politiker die Demokratie gegen die Aushöhlung durch einen öko- oder genderbeseelten Tugendwahn schützen wollen. Dass es dabei zur Kirchenspaltung kam, war nicht von Lu­ther beabsichtigt. Aber das wollten die Briten hinterher auch nicht, als es zum Brexit kam. Luthers Exit, sein „Lexit“, aber war die viel be­deutungsvollere konservative Re­volution, die vom linken Zeitgeist stets als Gefahr für dessen Macht betrachtet wird.    Harald Tews


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