Wo die Welten aneinanderstießen
Berlin: Am »Checkpoint Charlie« soll ein »Museum des Kalten Krieges« entstehen
Am einstigen Checkpoint Charlie mitten in Berlin soll ein 3000 Quadratmeter großes Museum des Kalten Krieges entstehen. Einen Vorgeschmack liefert schon ab diesem Sommer eine provisorische „Infobox“.
Die Spuren der Ost-West-Konfrontation sind aus dem Berliner Stadtbild inzwischen nahezu komplett verschwunden. Die Forderung, die Erinnerung an die Zeit von 1945 bis 1989 mit einem Museum des Kalten Krieges wachzuhalten, steht bereits seit Jahren. Dass ein derartiges Projekt nun langsam Gestalt annimmt, ist allerdings weniger dem Berliner Senat als der Hartnäckigkeit einiger Privatpersonen zu verdanken: Bereits im Jahr 2008 machten sich Prominente dafür stark, sich in Museumsform mit der Ost-West-Konfrontation zu beschäftigen, die Berlin für mehrere Jahrzehnte geprägt hatte.
Die damalige Idee von Tschechiens inzwischen verstorbenem Ex-Präsidenten Vaclav Havel, dem früheren Außenminister Hans-Dietrich Genscher, dem polnischen Politiker Wladyslaw Bartoszewski, dem amerikanischen Ex-Außenminister James Baker und den US-Diplomaten Lawrence Eagleburger und John Kornblum scheint nun endlich Realität zu werden. Berlins Kulturstaatssekretär André Schmitz hat der Öffentlichkeit Pläne für ein Museum präsentiert, das sich mit den Jahrzehnten des Kalten Krieges beschäftigen wird. Entstehen soll es am ehemaligen Grenzübergang Checkpoint Charlie in der Friedrichstraße.
Das ist jener Ort, an dem sich nach dem Mauerbau im Jahr 1961 amerikanische und russische Panzer schussbereit gegenüber standen und die Gefahr bestand, dass der Kalte Krieg in einen Dritten Weltkrieg übergeht. Die Filmaufnahmen der Konfrontation gingen um die Welt und sorgten dafür, dass der, nach dem in der US-Armee üblichen Sprachgebrauch als Checkpoint Charlie bezeichnete Kontrollpunkt weit über Berlins Grenzen bekannt wurde.
Nach Angaben des Kulturstaatssekretärs Schmitz soll das Museum mithilfe eines privaten Investors verwirklicht werden. Gemeint ist damit die irische Projektentwickler-Gruppe Cannon & Kirk, die beabsichtigt, auf einem Grundstück an der Friedrich-, Ecke Zimmerstraße einen Bürokomplex zu errichten. Nach dessen Fertigstellung ist für das Museum des Kalten Krieges in dem Gebäude die Anmietung von 3000 Quadratmetern Ausstellungsfläche geplant.
Unbeantwortet bleibt zunächst die Frage, welche Kosten dadurch zukünftig entstehen werden: „Wir haben dazu eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben, deren Ergebnisse müssen wir abwarten", lautete die etwas unbefriedigende Erklärung des Staatssekretärs. Relativ unverbindlich ist auch der Eröffnungstermin: Möglich sei 2014 oder 2015, so die vage Auskunft. Konkreter klingen da schon die vorgestellten Pläne für eine Zwischenlösung: Provisorisch soll ein 200 Quadratmeter großer Ausstellungspavillon einen Vorgeschmack auf das künftige Museum bieten. Finanziert wird der vom Potsdamer Architekten Jan Fiebelkorn entworfene quadratische Flachbau mit 100000 Euro aus einstigem SED-Vermögen. Auch das ständige Museum soll später, zumindest im laufenden Betrieb, für das Land Berlin keine Kosten verursachen. Nur für die Erstausstattung sind etwa sechs Millionen Euro kalkuliert, dann nichts mehr.
Dass diese Kalkulation aufgehen könnte, ist nicht einmal ausgeschlossen. Der Besuch des Checkpoint Charlie ist fester Programmpunkt vieler Berlin-Besucher. Von den fast 900000 Touristen, die jährlich hierher kommen, stammen 70 bis 80 Prozent aus dem Ausland. Bereits jetzt existiert am Checkpoint Charlie ein privat betriebenes „Mauermuseum“. Dort werden unter anderem Fahrzeuge gezeigt, mit denen Fluchtversuche unternommen wurden.
Dass einige Historiker die wissenschaftliche Qualität der Ausstellung kritisieren, scheint dem Besucherstrom keinen Abbruch zu tun. Mit rund 700000 Besuchern im Jahr gehört das Museum zu den am besten besuchten in Berlin. Wahrscheinlich wird der Erfolg des „Mauermuseums“ auch nach Eröffnung des „Museums des Kalten Krieges“ anhalten. Möglich ist, dass beide Museen sogar voneinander profitieren und zusätzliche Besucherströme anziehen werden.
Zur ernsthaften Konkurrenz könnte der Checkpoint Charlie allerdings künftig für andere Museumsstandorten in weniger zentraler Lage werden: das „Alliiertenmuseum“ in Zehlendorf, das Museum im ehemaligen Ministerium für Staatssicherheit in Lichtenberg oder die Ausstellung mit Resten der Berliner Mauer in der Bernauer Straße. Zudem auch der Anspruch des nun vorgestellten Projektes etwas breiter sein soll als jener der übrigen Häuser: „Um die Taten der SED zu verstehen, ist es wichtig, internationale Zusammenhänge zu erläutern“, so Staatssekretär Schmitz. Selbst die Lebensgefühle jener Zeit – „Beatles, Cola und Rock’n’Roll“ – sollen vermittelt werden.
Zur Umsetzung des Anspruchs ist eine Zusammenarbeit mit dem Deutschen Historischen Institut geplant. Bereits gegründet wurde ein Wissenschaftsbeirat mit Vertretern aus der Schweiz, Russland, Großbritannien und Frankreich. „In dem Museum sollen die Sichtweisen verschiedener Länder auf den Kalten Krieg dargestellt werden“, so die jetzige Planung für das Projekt. Zu hoffen bleibt nur, dass die Vielzahl der „Sichtweisen“ die Dramatik des Ortes und des Schicksals der betroffenen Menschen in jener Epoche nicht verwässert, statt sie zu beleuchten. Norman Hanert
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