»Wolfgang, Sie sind .... «

... zu 2,1 Prozent Afrikaner und zu 27,1 Prozent Osteuropäer — PAZ-Autor Wolfgang Kaufmann ließ seine Gene analysieren

10.02.18
Blick auf Abbildungen menschlicher Chromosome. Sie bestehen aus DNA, der Desoxyribonukleinsäure, in der die Erbinformation gespeichert ist Bild: Imago

DNA-Tests sind „in“. Angeblich verraten sie, aus welchen Regionen der Erde die eigenen Vorfahren stammen, beziehungsweise welchen Ethnien sie angehörten. Allerdings ist das Verfahren wissenschaftlich umstritten. Darüber hinaus drängt sich der Verdacht auf, dass mit Hilfe der sogenannten Ethnizitätsschätzung Gehirnwäsche betrieben werden soll.

Nun ist sie endlich da: die ungeduldig erwartete Mail, die mir das Ergebnis des DNA-Tests zu meiner ethnischen Herkunft mitteilt. Schnell öffnen und auf den entsprechenden Link klicken. Sofort erscheint die Zeile: „Wolfgang, Sie sind ...“ Sekunden später rotiert ein Globus auf dem Bildschirm und ich erfahre, dass ich zu 97,9 Prozent Europäer und zu 2,1 Prozent Afrikaner bin. Anschließend folgt die genauere Aufschlüsselung: „70,8 Prozent Nord- und Westeuropäer (davon 25 Prozent Skandinavier und 18,4 Prozent Engländer); 27,1 Prozent Osteuropäer (aus dem Raum zwischen Baltikum und Balkan).“ Und am Ende wird es ganz interessant, denn nun kommen die Angaben zu meinen afrikanischen Wurzeln: Diese liegen im Küstenstreifen des Maghreb (mit einem Anteil von 1,2 Prozent) und in Nigeria (0,9 Prozent). Außerdem zeigt mir das System auch gleich noch über 400 vermutliche Cousins dritten bis fünften Grades an. Allerdings leben die nicht im Raum rund um die Sahara, sondern in den USA, Kanada und Australien.
Mit diesem Resultat endet eine knapp zweimonatige Prozedur, in deren Verlauf ich zwei Speichelproben nach Houston (Texas) gesandt hatte, wo dann die Merkmale meiner DNA erfasst und ausgewertet wurden. Dabei ging es darum, bis zu 650000 verschiedene kleinere Variationen im Erbgut zu identifizieren, Sie sind jeweils für die Völker in bestimmten Gebieten der Erde typisch und haben sich in den letzten 200000 Jahren herausgebildet. Möglich wird dies durch einen Vergleich mit modernen DNA-Proben von Personen, deren Vorfahren nachweislich seit vielen Generationen in der gleichen Gegend siedeln.
Das heißt, die Anbieter solcher Herkunftsanalysen brauchen einen riesigen Fundus an Daten. Und tatsächlich können führende Test-Dienstleister wie Ancestry in den USA und MyHeritage in Israel inzwischen auf jeweils mehr als eine Milliarde DNA-Profile von Menschen aus den unterschiedlichsten Regionen der Welt zurückgreifen. In deren Besitz gelangten sie, weil das Interesse an der Ahnenforschung per DNA-Test in letzter Zeit extrem gewachsen ist. Denn diese erlaubt ja nicht nur Ethnizitätsschätzungen, sondern auch die Suche nach Blutsverwandten in Gegenwart und Vergangenheit, was der Genealogie viele neue Impulse verliehen hat.
Andererseits ist aber nach wie vor ungeklärt, wie verlässlich die Analysen sind. Angeblich sollen sie alle Vorfahren der Probanden bis zurück zur Zeit der Völkerwanderung (4. bis 6. Jahrhundert nach Chr.) berücksichtigen. Ein weiterer Ausgriff in die Vergangenheit gestaltet sich in Europa naturgemäß extrem schwierig, weil damals zahlreiche Ethnien ihren Siedlungsraum wechselten. Kritiker wie die Professoren für evolutionäre Genetik Mark Thomas und Mark Stoneking sprechen hier ganz unumwunden von „genetischer Astrologie“ ohne echte wissenschaftliche Grundlage. So wird bemängelt, dass die Vergleichsgruppen zu klein sind – vor allem im Falle „exotischer“ Völker. Hier sollte man zumindest bei Herkunftsanteilen von weniger als zehn Prozent Vorsicht walten lassen, weil statistische Ausreißer schnell zu Schein-ergebnissen führen können. Vielleicht ist das ja die Erklärung für meine angeblichen afrikanischen Vorfahren? Ebenso verweisen die Experten auf die hohe genetische Ähnlichkeit der Menschen in Deutschland, Nordfrankreich, den Benelux-Ländern, Südengland und Südskandinavien. Möglicherweise bin ich also auch kein Teil-Engländer oder -Skandinavier.
Dass Fehler grundsätzlich möglich sind, gesteht selbst MyHeritage ein: Man möge bitte beachten, „dass die Ethnizitätsschätzungen – welche das Ergebnis eines in hohem Grade genauen statistischen Algorithmus darstellen – immer noch Schätzungen sind“. Allerdings haben manche Kunden schon Herkunftsanalysen bei verschiedenen Anbietern in Auftrag gegeben, bei denen exakt das gleiche Ergebnis herauskam. Was wiederum als Indiz für die Seriosität und Genauigkeit des Verfahrens dienen kann. Deshalb gibt es unter Fachleuten auch durchaus überzeugte Verteidiger der DNA-Genealogie.
Trotzdem sollte der derzeitige Rummel um die Ethnizitätsschätzungen aber zur Skepsis gemahnen. Anlass hierzu gibt vor allem ein Video namens „The DNA Journey“ („Die DNA-Reise“), das im Frühjahr 2016 – also kurz nach dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise – beim Internet-Videoportal YouTube auftauchte und inzwischen viele Millionen Mal abgerufen oder geteilt wurde. In dem reichlich fünf Minuten langen Filmchen bekommen Menschen aus aller Welt die Frage gestellt, ob sie stolz auf ihre ethnische Herkunft seien und ob es Länder oder Völker gebe, die ihnen eher unsympathisch erschienen. Dann machten diese Personen einen DNA-Test, der erstaunliche Ergebnisse erbrachte: So war der deutschfeindliche Engländer plötzlich selbst zu fünf Prozent Deutscher. Anschließend verkündeten die Macher des Videos, das angeblich im Auftrag der Reisesuchmaschine Momondo entstand: „Du hast mehr mit der Welt gemeinsam, als Du denkst.“ Woraufhin die Probandin aus Frankreich voller Pathos hinzusetzte: „Vielleicht lehne ich mich jetzt etwas weit aus dem Fenster, aber so ein Test sollte Pflicht sein. So etwas wie Extremismus würde es dann nicht mehr geben. Wer wäre dumm genug, anzunehmen, es gäbe so etwas wie eine reine Rasse?“
Und tatsächlich erwiesen sich diese Ermahnungen mit explizitem Bezug auf die umstrittenen DNA-Tests als recht wirkungsvoll, wie diverse Reaktionen im Internet zeigen. Stellvertretend hierfür seien die Ausführungen der „alternativen“ Bloggerin Annika Moon genannt. In einem Beitrag unter dem Titel „Huch, ich bin gar nicht deutsch?“ schrieb die Mittzwanzigerin mit der Vorliebe für „gruselige Orte, außergewöhnliche, vegane Beauty-Produkte, sowie Klamotten und Accessoires in fröhlichem Schwarz“: „Der Wert eines Menschen hat nichts mit seiner Herkunft zu tun. Ich komme mir fast blöd vor, so etwas zu schreiben, weil das selbstverständlich sein sollte. Ist es aber leider nicht. Vor allem während der Flüchtlingsdebatte wurde das mal wieder sehr deutlich. Dabei dürfte ein DNA-Test zeigen, dass wir alle einen Migrationshintergrund haben.“
Genau solche „Einsichten“ sollen die neuerdings immer offensiver angebotenen Ethnizitätsschätzungen beziehungsweise Herkunftsanalysen wohl auch provozieren. Dabei taugen deren Ergebnisse bei näherem Hinsehen weder dazu, dem ebenso unkontrollierten wie ungebremsten Zustrom von Armutsflüchtlingen, Kriminellen und radikalen Moslems etwas Gutes abzugewinnen, noch eignen sie sich als Argument zugunsten der Errichtung einer multikulturellen Gesellschaft. Auch wenn ich nun weiß, dass ich – vielleicht! – zahlreiche nichtdeutsche Wurzeln habe, wird mich das keinesfalls dazu bringen, meine Kultur, mit der ich aufgewachsen bin und Tag für Tag lebe, gegen ein „buntes“ Gemisch kultureller Versatzstücke aus aller Herren Länder einzutauschen.     
    Wolfgang Kaufmann

Wer es genau wissen will, zahlt mehr als 1000 Euro

DNA-Herkunftsanalysen beziehungsweise Ethnizitätsschätzungen werden sowohl von kommerziellen als auch freien Anbietern durchgeführt. Zu den letzteren zählen unter anderem Eurogenes, MDLP, Dodecad, puntDNAL und GedrosiaDNA, die freilich allesamt genetische Rohdaten abfordern. Um die zu erhalten, muss man dann in der Regel doch Bezahldienste wie FTDNA, iGENA, 23andMe, Living DNA, MyHeritage, AncestryDNA oder Genomia in Anspruch nehmen. Hierbei fallen Gebühren in Höhe von weniger als 100 bis deutlich über 1000 Euro an – je nachdem, wie detailliert das Ergebnis sein soll und ob gerade eine Rabattaktion läuft.
Besonders genaue Resultate versprechen Living DNA und MyHeritage, welche 58 beziehungsweise 42 Volksgruppen in die Herkunftsschätzung einbeziehen. So kann der Proband beispielsweise herausfinden, ob er vielleicht Vorfahren unter den Eskimos und Basken oder aus Amazonien und Papua-Neuguinea hat. Außerdem unterscheidet die israelische Firma MyHeritage noch zwischen vier Hauptgruppen des jüdischen Volkes.

Der satirische Wochenrückblick mit Hans Heckel erscheint diese Woche exklusiv in der Druckausgabe der
Preußischen Allgemeinen Zeitung.


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