»Wollt ihr den totalen Krieg?«

Mit seiner Sportpalastrede lieferte Joseph Goebbels vor 75 Jahren ein Paradebeispiel für die Rhetorik und die NS-Propaganda

12.02.18
„Totaler Krieg – Kürzester Krieg“: Mit dieser Logik versuchte Goebbels, die Einsatzbereitschaft zu steigern

Joseph Goebbels war mit sich zufrieden. Einen Tag nach seiner Rede im Berliner Sportpalast, am 19. Februar 1943, notierte er in seinem Tagebuch: „Die Stimmung gleicht einer wilden Raserei des Volkes … Das Volk ist, wie diese Kundgebung bezeugt hat, bereit, alles für den Krieg und für den Sieg hinzugeben.“ Es war die Rede, in der der Propagandaminister den „totalen Krieg“ beschwor und versuchte, letzte Reserven zu mobilisieren.

Zu Beginn des Jahres 1943 war die Stimmung in der Bevölkerung auf einem Tiefpunkt. Der von Adolf Hitler angekündigte Blitzkrieg entwickelte sich zum Abnutzungskrieg, die schlechten Nachrichten von den Fronten häuften sich. Erwin Rommels Panzer in Nordafrika gerieten unter Druck, bei Stalingrad war die 6. Armee eingekesselt, die Alliierten bombten die Städte in Schutt und Asche. Bereits seit Ende 1942 drängte der Minister für Volksaufklärung und Propaganda, Joseph Goebbels, darauf, den „totalen Krieg“ auszurufen. Eine Denkschrift mit dieser Forderung legte er Hitler vor. Der aber zögerte, weil er fürchtete, zusätzlicher Druck könnte die Kriegsmüdigkeit in der Bevölkerung fördern. Goebbels entschloss sich, die Stimmung für den „totalen Krieg“ im Alleingang anzufachen. Dazu sollte die Februar-Rede im Sportpalast dienen. Sie wurde zum infamen Beispiel nationalsozialistischer Propaganda.
Nichts bei dieser Hetze zum „totalen Krieg“ blieb dem Zufall überlassen. Mehrfach hatte Goebbels die Rede überarbeitet. Außenpolitische Passagen hatte er von Diplomaten überprüfen lassen. Das Publikum war sorgsam ausgewählt. Da saßen verwundete Soldaten – man hatte darauf geachtet, dass die Verletzungen nicht zu schwer waren – neben prominenten Parteigenossen und Bund-Deutscher-Mädel-Führerinnen. Der Schauspieler Heinrich George war da, ebenso Rüstungsminister Albert Speer. Laut Goebbels hatte sich ein „Ausschnitt des deutschen Volkes im besten Sinne des Wortes“ versammelt: „Vor mir sitzen reihenweise deutsche Verwundete von der Ostfront, Bein- und Armamputierte, mit zerschossenen Gliedern, Kriegsblinde …“
Die Kameramänner der Wochenschau waren angewiesen, Bilder der Begeisterung zu liefern. Die Parolen der Sprechchöre waren vorher einstudiert worden, Gruppen waren angewiesen worden, wann und wie lange zu applaudieren sei, zusätzlich wurde Applaus von der Schallplatte eingespielt. Ein übergroßes Spruchband verkündete: „Totaler Krieg – kürzester Krieg“. Diese Inszenierung sollte Hitler beeindrucken.
109 Minuten lang entwickelte Goebbels sein Schreckensszenarium, in dem er den „Heldenkampf“ der Deutschen gegen „den Ansturm der Steppe“ beschwor. Deutschland im Verbund mit den Achsenmächten biete allein das Bollwerk, das die vorwärtsstürmenden sowjetischen Divisionen aufhalten könne, die sich ganz Europa einverleiben wollten. Dahinter warteten „schon die jüdischen Liquidationskommandos“. Mit denen kämen „der Terror, das Gespenst des Millionenhungers und einer vollkommenen europäischen Anarchie“.
Zehn rhetorische Fragen stellte Goebbels und die 15000 Menschen in der Sporthalle reagierten wie eingeübt. Die Stimme des Redners überschlug sich, als er Gefolgschaft für den Führer einforderte, Kampf bis zum Endsieg verlangte, verstärkten Kriegsdienst von Frauen erwartete, Drückebergern und Schiebern schwerste Strafen androhte. Die Massenveranstaltung verwandelte sich in einen Hexenkessel.
Besonders die vierte gestellte Frage und das frenetische Geschrei der Zustimmung wurde zu einem Symbol des Krieges. Mit kreischender Stimme verlangte Goebbels Antwort: „Wollt ihr den totalen Krieg?“ Die Menge tobte, sprang in Wellen auf, riss die Arme hoch, schrie „Ja!“. Goebbels hatte die Menschen da, wo er sie haben wollte. Er stemmte die Hände in die Hüften und setzte nach: „Wollt ihr ihn, wenn nötig, totaler und radikaler, als wir ihn uns heute vorstellen können?“ Und wieder brandete ein tumultartiges „Ja! Ja! Ja!“ gegen die Tribüne – mit Goebbels Worten „Orkane der Zustimmung“. In der Wochenschau, mit der dieser Auftritt im ganzen Reich verbreitet wurde, stellten die Produzenten diese Szene besonders heraus und verliehen dem Auftritt damit ein gewaltiges Echo.
Gemessen an der maßlosen Wucht solcher Worte, gemessen an Tod, Vernichtung und Verlust im weiteren Verlauf des Krieges, waren die detaillierten Forderungen, die Goebbels als Opfer forderte, geradezu läppisch. Um „der neuen Optik des Krieges Rechnung zu tragen … wird die Schließung der Bars und Nachtlokale angeordnet“, „auch Luxusrestaurants … sind der Schließung verfallen“. Das gleiche gilt für Luxusgeschäfte, die keine Ware mehr anbieten können. Menschen, die in solchen Geschäften „untätig herumstehen“, sind „einer nutzbringenden Tätigkeit in der Kriegswirtschaft“ zuzuführen. Ein Modesalon verbrauche nur Licht und Heizung. Ein Frisiersalon sei in Kriegszeiten höchst überflüssig. In öffentlichen Ämtern müsse schneller und länger gearbeitet werden. Der Soldat an der Front habe auch keine Zeit, eine Sache wochenlang zu überdenken. Es könne nicht länger angehen, dass junge Männer und Frauen am frühen Vormittag Sparzierritte durch den Berliner Tiergarten machten. Deshalb sei öffentliches Reiten für die Dauer des Krieges verboten. Hunderttausende von „Unabkömmlichstellungen“ sind aufzuheben, um mehr Soldaten an die Front zu schicken. Frauen sind verstärkt in der Kriegswirtschaft einzusetzen. Niemand werde sich durch eine Alibi-Arbeit bei Verwandten oder Bekannten „vorbeidrücken“ können.
Was Goebbels in diesem Teil seiner Rede anbot, waren kleine Münzen. Und auch die konnte er nicht vollständig einlösen. Hitler selbst setzte sich für die geschmähten Frisiersalons ein, um es sich mit den Frauen nicht zu verderben, Hermann Göring nahm sein Schlemmerlokal „Horcher“ persönlich aus der Schusslinie.
Albert Speer meinte später, Goebbels habe die Effekte genau kalkuliert und agiert wie ein Schauspieler. Und Goebbels selbst nannte den Auftritt „Stunde der Idiotie“. Er war überzeugt, die Leute wären aus dem Fenster gesprungen, hätte er sie dazu aufgefordert.    Klaus J. Groth


Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie die PAZ mit einer Anerkennungszahlung.


Drucken


Kommentare

Albert Nola:
15.02.2018, 15:29 Uhr

@Anna Guarini - "Das erinnert mich fatal an die Erfolgsgeschichte der 68iger und ihrer heutigen Erben". Auch! Aber vor allem sollte uns das an Lenin erinnern:"Die Kapitalisten schenken uns den Strick (Grundrechte), mit dem wir sie aufhängen werden". Die bolschewistische Barbarei hat erst den Faschismus in Italien und dann, als Folge, den Nationalsozialismus in Deutschland hervorgebracht. Ohne Kommunismus gäbe es keinen Faschismus!


Fritz Fuchs infangres@wp.pl:
14.02.2018, 21:39 Uhr

@ Karl Eduard:
Hinzuzufügen ist noch, daß z.B. abgeschossene und von der Zivilbevölkerung aufgegriffene alliierte Bombenflieger in beinahe allen Fällen korrekt behandelt wurden, ein Verhalten, das die Kriegsgegner in ihre Hände gefallenen deutschen Soldaten gegenüber im Regelfall nicht kannten.
Und was Hetzer betrifft, da dürfte der Jude Ehrenburg alle anderen, an denen weltweit kein Mangel herrschte, bei weitem übertroffen haben.


Karl Eduard:
13.02.2018, 16:35 Uhr

Wann, bitte schön, hat Adolf Hitler jemals einen Blitzkrieg angekündigt und welchen Krieg meint der Autor? Den gegen die Sowjetunion? Den gegen England? Den gegen die USA? Und wieso heißt es "Hetze"? Deutschland befand sich bereits im Krieg und wurde aus der Luft seit 1939 bombardiert, wieso muß da noch gegen Kriegsgegner gehetzt werden, als würde das deutsche Volk nicht mitbekommen, wer die Bomben auf die deutsche Zivilbevölkerung abwirft.

Was hätte der Autor denn von der deutschen Staatsführung verlangt? Bedingungslose Kapitulation? Gegenüber Gegnern, die beschlossen hatten Deutschland in die Steinzeit zurückzuwerfen? Ob mit oder ohne Hitler.


Hein ten Hof:
12.02.2018, 15:56 Uhr

Ein interessanter Artikel, wenn auch ziemlich tendentiös, wenn ich so sagen darf. Diese Rede war wohl nicht der Aufruf zum Vernichtungskrieg. Es ging anscheinend darum die letzten Reserven zu mobilsieren.

Man kann allenthalben lesen, dass die Rede Goebbels eine Antwort auf Casablanca war.
Mit wem diese Rede abgesprochen war oder nicht wage ich nicht zu beurteilen. Wer will das schon wissen?

In Casablanca einigten sich im Januar 1943 Churchill und Roosevelt u.a. auf die bedingungslose Kapitulation Deutschland gegenüber. Die Amerikaner billigten im Januar 1943 ausdrücklich das britische Konzept des Flächenbombardements ohne jede Rücksicht auf die Zivilbevölkerung.

Die Forderung der Bedingungslosen Kapitulation von Deutschland bedeutete auch dass die in der Atlantik-Charta festgelegten Prinzipien nicht mehr galten. Jetzt propagierte Goebbels in seiner berühmten Sportpalastrede den „totalen Krieg“.

Die Alliierten waren nicht bereit von dieser Forderung abzuweichen. Man arbeitete somit also eigentlich auch bewusst gegen die deutschen Opposition. Diese wurde wohl nicht mehr benötigt. Dummerweise begriffen diese erst nach dem Krieg was gespielt wurde (Aussage von Eugen Gerstenmeier) Die Frage, wer in Berlin regiert, war zweitrangig, das hätte auch ein Jesuiten Pater sein können (Churchill).


Anna Guarini:
12.02.2018, 13:13 Uhr

Für uns Heutige noch interessanter ist eigentlich Goebbels' Rede zur Eröffnung des Reichssenders Saarbrücken vom 4.12.1935. Da sagte er: "Wenn unsere Gegner sagen 'Ja WIR haben Euch doch früher... die Freiheit der Meinung[säusserung] zugebilligt', - ja, IHR uns, das ist ja kein Beweis, dass wir das Euch auch tun sollen!... Eure Dummheit braucht doch nicht auf uns ansteckend zu wirken." -
Das erinnert mich fatal an die Erfolgsgeschichte der 68iger und ihrer heutigen Erben: Sie traten an, um die Gesellschaft zu befreien, bekamen weitgehend Narrenfreiheit, und jetzt, an der Macht, versuchen sie alles zu unterdrücken, was nicht auf linker Linie ist. Sie sind würdige Nachfolger von Goebbels und Konsorten.


Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld
*
*
*

CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz


*
 

Da Kommentare manuell freigeschaltet werden müssen, erscheint Ihr Kommentar möglicherweise erst am folgenden Werktag.
Sollte der Kommentar nach längerer Zeit nicht erscheinen, laden Sie bitte in Ihrem Browser diese Seite neu!

 
 

Die Preußische Allgemeine Zeitung – die deutsche Wochenzeitung für Politik, Kultur und Wirtschaft. Die PAZ spricht eine geschichtsbewusste Leserschaft an und vertritt den Gedanken einer deutschen Leitkultur. Preußisch korrekt statt politisch korrekt – die PAZ berichtet über Themen, die andere Wochenzeitungen lieber verschweigen. Unsere preußisch-wertkonservative Berichterstattung bietet Ihnen einen ungeschönten Blick auf das Zeitgeschehen und Woche für Woche Orientierung in der Flut oft belangloser Nachrichten. In ihren Kommentaren legt die PAZ den Maßstab preußischer Tugenden im besten Sinne an. Abonnieren auch Sie die Preußische Allgemeine Zeitung und lesen Sie wöchentlich tiefgründige Berichte von A wie Ahnenforschung, über B wie Bismarck, O wie Ostpreußen in Geschichte und Gegenwart, W wie Wochenrückblick bis Z wie Zweiter Weltkrieg. Kritisch. Konstruktiv. Klartext für Deutschland.