Zur WM wird wieder fleißig gesammelt

Warum viele Kunden viel Geld ausgeben für ein vollständiges Panini-Fußball-Sticker-Album

08.06.18
Auch für die diesjährige Fußball-Weltmeisterschaft in Russland bietet die über 1000 Mitarbeiter zählende Unternehmensgruppe mit Sitz in Modena wieder ein Sammelalbum und dazugehörige Aufkleber an: Werbung von Panini Bild: Panini

Vor jedem großen Fußball-Turnier tauchen sie wieder auf: die Panini-Alben. Sie wirken wie ein Relikt aus einer anderen Zeit. Dabei ist die Sammelleidenschaft alles andere als billig und interessiert mittlerweile auch Wissenschaftler.

König Fußball ist weltweit eine der beliebtesten Sportarten. In so gut wie jedem Land dieser Erde wird Fußball gespielt. Das ist auch einer der Gründe, warum die Panini-Alben so beliebt sind und warum Sammler und Liebhaber bereit sind, unglaubliche Summen für einige bestimmte Alben zu bezahlen. Alben von Welt- und Europameisterschaften sind dabei am begehrtesten. Die Sammelalben des italienischen Unternehmens sind seit 1970 eine Institution während der großen Fußball-Turniere. Das Prinzip ist ganz einfach: Man kauft Tütchen mit Spielerkarten, tauscht sie mit Freunden und klebt sie in das Sammelalbum ein, bis idealerweise alle WM-Mannschaften komplettiert sind.
Mit 682 Bildchen ist die Auswahl an Panini-Bildern zur diesjährigen WM in Russland so groß wie nie zuvor. Das liegt auch daran, dass Panini das Album noch vor Verkündigung der endgültigen 23-köpfigen WM-Kader veröffentlicht hat und den erweiterten Kreis von Nationalspielern abbildet. Nach Angaben des Unternehmens werden alle Spielerbilder in derselben Stückzahl herausgegeben und zufällig verteilt. Für Sammler ist das spannend, aber auch nicht ganz billig. Schließlich kostet eine Sticker-Tüte mit fünf Spielern diesmal 90 Cent – beim letzten Turnier 2016 waren es noch 60 Cent gewesen.
Paul Harper, Professor der Mathematik an der Universität von Cardiff, rechnete es vor vier Jahren bereits vor. Damals kam er auf etwa 520 Euro. Nun haben die Preise aufgrund einer Anhebung der Lizenzgebühren durch den Fußball-Weltverband Fifa angezogen. „Sollte es mit dem Tauschen nicht klappen, müsste ein Sammler etwa 4840 Sticker kaufen, bis er das Album voll hat“, schreibt die „Wirtschaftswoche“. Bei einem Einkaufspreis von 18 Cent würde das komplett gefüllte Album laut dieser Rechnung rund 870 Euro kosten. In Deutschland hofft man, endlich das Sommermärchen-Jahr 2006 toppen zu können. Damals machte der deutsche Panini-Ableger nach Angaben der Tageszeitung „Die Welt“ einen Umsatz von 104,5 Millionen Euro, allein die Sticker brachten mehr als 61 Millionen Euro ein.
Der Sammelwahn erscheint in Zeiten von iPhones und Online-Medien absolut veraltet. Früher wurden die Panini-Bilder auch gekauft, um die Spieler von exotischen Mannschaften kennenzulernen. Heute investieren die Fußball-Fans in ihre Panini-Alben oft ein Vielfaches der Summe, die sie für ein vergleichbares Buch mit Spielerfotos ausgeben würden.
Verena Hüttl-Maack, Professorin für Betriebswirtschaft an der Universität Hohenheim, nannte gegenüber der Deutschen Presse-Agentur vier mögliche Gründe, warum so viel Geld ausgegeben wird. „Ein Faktor könnte die Nostalgie und die Erinnerung an die eigene Kindheit sein. Ein zweiter der sogenannte Ikea-Effekt: Die Leute halten einen Tisch für wertvoller, den sie selbst zusammengebaut haben, als wenn er fertig zusammengesetzt vor die Nase gesetzt wird“, sagt die Wissenschaftlerin: „Die eigene Leistung lässt die Sache wertvoller erscheinen.“ Hinzu komme der Spieltrieb, die Neugierde beim Öffnen einer Tüte. Dies sei vergleichbar mit dem Kauf eines Rubbelloses: „Es ist nachgewiesen, dass die Auflösung der Neugierde positive Emotionen erzeugt, auch wenn das Resultat am Ende gar nicht so großartig ist. Man empfindet eine Art Belohnungseffekt“, sagt Hüttl-Maack. Die Erwartung, dass das Bild eines Stars in der gerade gekauften Tüte sein könnte, freue jeden Fan ungemein. Hinzu komme auch noch ein sozialer Effekt: „die Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe, wenn ganz viele Menschen die Bilder sammeln“, um es mit Hüttl-Maack zu formulieren.
Was wie eine eher kindische Sammelleidenschaft aussieht, ruft aber auch Kriminelle auf den Plan. In Peru hat die Polizei im April nach einem Bericht der britischen Zeitung „Mirror“ über 20000 Sticker-Bücher mit Panini-Bildern sichergestellt. Wären die Fälschungen echt, hätten sie einen Marktwert von rund 300000 Euro. Ein Teil der Hefte hatte nach Europa verschickt werden sollen.
Experten rätseln mittlerweile darüber, ob die Panini-Alben sich irgendwann als Wertanlage eignen könnten. Im März 2017 wurde auf der internationalen Auktionswebseite Catawiki eines der meist begehrten Panini-Fußball-Sticker- Alben der Welt für mehr als 12000 Euro versteigert. Ein höherer Preis wurde bislang für kein anderes Heft mit der Sticker-Sammlung erzielt. Es handelt sich um das erste Panini-Sticker-Album, das anlässlich einer Weltmeisterschaft entstand – das Heft zur WM 1970 in Mexiko. Noch wertvoller machte es das Autogramm des Jahrhundert-Fußballers Pelé. Dies ist bisher zwar ein absoluter Ausnahmefall, aber der Wert für alte Alben steigt. Dafür müssen sie allerdings komplett sein. Wer beim Tauschen keinen Erfolg hat und auch nicht Unmengen an Geld ausgeben will, findet auch einen eher weniger spannenden Weg, um das Album voll zu machen. Beim Kundenservice von Panini können Sammler fehlende Sticker direkt erwerben. Für jedes Bild verlangt Panini 0,20 Euro.    Christian Schreiber


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