Zuverlässig im Wandel?

Ruhmloser Abgesang auf den Steinkohlebergbau – Jahresbericht 2016 des Gesamtverbandes Steinkohle

10.01.17
Die letzte Ruhrgebietszeche wird 2018 geschlossen: Fördergerüst des Bergwerks Prosper Haniel in Bottrop Bild: Imago

In der „kohlepolitischen Verständigung“ von 2007 wurde anhand der desolaten Lage der Eisen- und Stahlindustrie beschlossen, nach dem Jahr 2018 keine heimische Steinkohle mehr zu fördern. Dies fand damals den Beifall derer, die das „postindustrielle“ Zeitalter herbeisehnten. „Zuverlässig im Wandel“, so ist der Titel des Jahresberichts 2016 des Gesamtverbandes Steinkohle.

Nun jubeln die, deren Schlagwort „Dekarbonisierung“ lautet. Zur „Gestaltung eines würdigen Abschieds“ haben die RAG-Aktiengesellschaft, die ehemalige  Ruhrkohle AG, und die RAG-Stiftung das Projekt „Glückauf Zukunft“ gestartet, um das Ruhrgebiet zur „Klimaschutz-Modellregion“ zu machen. Gedacht ist an Projekte für „erneuerbare Energien“, an „Windkraftanlagen auf Halden“, „Solarparks auf Brachflächen“, die Wärmegewinnung aus Grubenwasser. Doch dies ist ein Wunschtraum, der gnadenlos an den natürlichen Randbedingungen scheitern wird. Musste der Bergbau sterben, damit die Illusion von „Klimaschutz“ leben kann? Die RAG begnügt sich mit dem Satz: „Ob dies aber auf lange Sicht klug ist, bleibt fraglich“.
Die Steinkohle ist das „Kapital“, das die Natur in ihrem ewigen Wandel im Ruhrgebiet deponiert hat. Zusätzlich konnte an tektonischen Störungen Magma aufsteigen, wodurch Eisenerzlagerstätten entstanden. Im „Karbonzeitalter“ vor 360 bis 300 Millionen Jahren wurden im Wechsel von Sumpflandschaften und Überflutungen des Meeres zahlreiche Schichten abgelagert. Unter Druck entstanden durch Inkohlung die Kohleflöze. Sieben Meter dicke Torfschichten wurden zu 0,6 Meter dicken Steinkohlenflözen verdichtet. In der Kreidezeit vor 135 bis 65 Millionen Jahren überdeckte ein tropischer Ozean das Ruhrgebiet und überschwemmte alles mit einer mächtigen Mergelschicht. Durch Absenkung neigten sich die Flöze um sechs Grad nach Norden hin. Auch die Wechsel von Eis- und Warmzeiten formten an der Topographie mit, wobei die Ruhr das Schmelzwasser nach Westen abführte. Die Steinkohle entdeckte man im Mittelalter. Man dachte, es wären „brennende Steine“. Oblag das „freie Kohlegraben“ zunächst den Bauern, so wurde dies unter Karl dem Großen zu untersagen versucht. Die Kohle wurde als „Bodenschatz“ und „Naturalabgabe“ unter das Eigentum der Herrschenden gestellt.
Die Vorphase der Industrialisierung ging von der Jülich-Clevischen Bergordnung vom 24. April 1542 aus. Am 13. Juli 1753 erhielt der Kölner Erzbischof die Erlaubnis, am Sterkrader Bach einen Hochofen mit Hammerwerk zu errichten. Damit beginnt die Geschichte der Eisen- und Stahlindustrie im Ruhrgebiet. Den staatlichen Dirigismus im Steinkohlenbergbau führte
Friedrich II. am 29. April 1766 ein. 1784 wurde Karl Freiherr von und zum Stein Direktor des Bergamtes Wetter an der Ruhr. 1787 wurde ein Schiebeweg mit eisernen Schienen gebaut, wodurch die erste „Eisenbahnstrecke“ in Deutschland entstand, indem die Pferde durch Dampfzüge ausgetauscht wurden. 1802 wurde die erste Dampfmaschine importiert. Die Dynamik war ungeheuer. 1825 begann man mit dem Bau einer Eisenbahnlinie von Köln nach Minden und 1847 fuhr der erste Dampfzug durch das Ruhrgebiet. 1811 errichtete Friedrich Krupp in Essen eine „Krupp Gussstahlfabrik“. Ab 1819 wurden Dampfmaschinen gebaut, die Stahlherstellung begann 1826. 1850 entstand der erste Malakoff-Turm und 1854 wurde der erste Kokshochofen errichtet. Die erste Phase der Industrialisierung dauerte von 1835 bis 1873. Die Ruhr war die Transportader. Der Kohleumschlag betrug 1830 etwa 275000 Tonnen, 1849 zirka 514000 Tonnen und 1860 rund 868000 Tonnen, um dann rapide abzufallen auf nur 10000 Tonnen 1884 und 3000 Tonnen 1889. Die Eisenbahn war bequemer.
Die Bevölkerung stieg in dieser Zeit gewaltig. Zahlreiche Dörfer erhielten Stadtrecht. Mülheim am 4. September 1846, Dortmund am 10. April 1874, Oberhausen am 10. September 1874. Um 1900 gab es 170 Zechen mit 228000 Beschäftigten. Sie förderten 60,1 Mil­lio­nen Tonnen Steinkohle. Mit dem Ruhrstatut vom 28. April 1948 wurde die Kohle- und Stahlproduktion der Internationalen Ruhrbehörde unterstellt, bevor am 23. Juli 1952 die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl begründet wurde. 1950 arbeiteten in 143 Zechen 433359 Beschäftigte und förderten 103 Millionen Tonnen Steinkohle. Das Maximum wurde 1956 erreicht mit 494000 „Kum­peln“ und 124,6 Mil­lio­nen Tonnen Steinkohle. Ab 1958 begann das sogenannte Zechensterben durch den Import billiger Kohle aus den USA wie die Überschwemmung durch billiges Heizöl. Am 31. Oktober 1964 wurden 31 Großzechen mit 64000 Kumpeln und einer Jahresförderung von 26,5 Millionen Tonnen zur Stilllegung angemeldet. Auf der Zeche Monopol wurde 1977 eine Tiefe von 1415 Meter erreicht. Von 1974 bis 1977 ging die Rohstahlerzeugung von 32,2 auf 21,5 Millionen Tonnen zurück. 200000 Arbeitsplätze gingen verloren. 1990 gab es noch 19 Zechen mit 101000 Arbeitern und einer Förderung von 54 Millionen Tonnen Steinkohle. 2004 gab es noch vier Bergwerke und Ende 2018 wird das letzte geschlossen. Das „Ruhrgebiet“ wird es in seiner klassischen Prägung nicht mehr geben, ohne dass auf Steinkohle verzichtet werden kann. 2005 wurden 42 Prozent heimisch erzeugt, 2010 noch 23 Prozent, 2015 noch elf Prozent% und ab 2019 werden es null Prozent sein. Dafür steigt der Import von 58 über 77, dann 89 auf 100 Prozent. Die Gesamtmenge an Steinkohle wird ziemlich konstant etwas unter 60 Millionen Tonnen Steinkohleeinheit (SKE) liegen. Die Importkohle wird also die wichtige „Brückenfunktion der Ausgleichs- und Reservekapazität für den fluktuierenden Wind- und Solarstrom ausüben“. Glaubt die Politik, dieser Etikettenschwindel würde nicht auffallen?
Wie also wird die Zukunft aussehen? Um diese zu „meistern“, hat man 2010 das Projekt „Innovation City Ruhr“ ins Leben gerufen. Es wird wie folgt beschrieben: „Das Ziel dieses ehrgeizigen Projekts lautet, am Beispiel einer typischen Ruhrgebietskommune einen klimagerechten Stadtumbau mit Halbierung der CO2-Emissionen bis zum Jahr 2020 bei gleichzeitiger Sicherung des Industriestandorts und spürbarer Verbesserung der Lebensqualität zu demonstrieren.“ Modellkommune ist die Stadt Bottrop. Bottrop soll ein Musterbeispiel sein für eine „Energiewende von unten“. Um die CO2-Emissionen um 38 Prozent zu senken, hat man rund 290 Millionen Euro investiert. Doch dies ist nur eine fiese Milchmädchenrechnung, indem man nur die Emissionen durch die „heimische Kohle“ reduziert, aber die Emissionen durch die importierte Kohle unter den Teppich kehrt. Wenn man dann noch die Gewinnung von Erdöl und Erdgas einstellt, ist Deutschland rechnerisch Null-Emittent an CO2 und damit „Vorreiter“ in Sachen „Klimaschutz“. Man mag sich nach außen brüsten, das Pariser Abkommen zur Einhaltung des Zwei-Grad-Zieles erfüllt zu haben, aber auf wen macht dieser Selbstbetrug Eindruck? Auf das Wetter mit absoluter Sichergeit nicht und damit auch nicht auf dessen „Abfallprodukt“, das Klima. Mag auch der „Leitzielcharakter der Klimaziele“ zwecks Erreichung der globalen „Klima-neutralität“ in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts rechnerisch auf dem Papier erfüllt werden, die Wetterrealitäten werden sich davon nicht beeindrucken und beeinflussen lassen.
Mag auch das „Ruhrgebiet“ als „Industrieregion“ ob der weltweit freien Märkte mit ihren ökonomischen Regeln nicht zu retten gewesen sein, doch zur „Stabilisierung“ einer nicht existenten „Globaltemperatur“ als „Leitziel“ eines nicht existenten „Globalklimas“ die gesamte „Industrie“ dekarbonisieren zu wollen, ist an Wahnsinn nicht zu überbieten. Die Erde war nie ein Wetterparadies und wird auch nie eines sein.    Wolfgang Thüne


Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie die PAZ mit einer Anerkennungszahlung.


Drucken


Kommentare

Andreas Müller:
10.01.2017, 16:22 Uhr

...aber auf wen macht dieser Selbstbetrug Eindruck? Auf das Wetter mit absoluter Sicherheit nicht...

Was interessiert das ein machtbesessener grün-bunter Ökoterrorist und fanatischer Deutschland-Abschaffer!!!??
NULL!
Realitätsferne gehört zum mindermind-Plan dieser Idioten.


Rolf Dudeck:
10.01.2017, 14:58 Uhr

Sehr geehrter Herr Thüne, die Verbindung der Beendigung des Steinkohlenbergbaus mit der Klimawandelreligion ist unzulässig, da die Beendigung völlig unabhängig davon richtig ist. Und das vor allem aus zwei Gründen: Zum einen war der Steinkohlenbergbau in der BRD ein Subventionsgrab erster Güte (so als eine Art Vorläufer des EEG-Subventionsunfugs), da qualitativ vergleichbare Kohle für einen Bruchteil der deutschen Gestehungskosten auf dem Weltmarkt zur Verfügung stand. Zum zweiten führte der Abbau im Ruhrgebiet dazu, daß Teile davon jetzt unter der Wasserlinie der großen Flüsse liegen und wir ohne das permanente Sümpfen (= Wasserabpumpen) der aufgelassenen Bergbaue eine wunderschöne Ruhrgebietsseenplatte hätten. Es ist m. E. n. nicht sinnvoll, erst die Kohle herauszuholen, um dann in aller Ewigkeit pumpen zu müssen.


Christian R.:
10.01.2017, 12:45 Uhr

Nun ja, gegen die "De-karbonisierung" hätte ich dann nichts wenn diese besagen würde dass unsere wertvollen fossilen Grundstoffe nicht mehr verfeuert werden sollen sondern primär als Grundstoffe für unsere Industriegüter dienen sollen. Ganz zu schweigen davon dass Teer unerlässlich ist zum Strassenbau bzw deren laufender Erhalt. Und Kohle ist ja unerlässlich zur Stahlherstellung.

Daher ist der Verzicht auf Kernenergie umso prekärer als dass wir somit, aufs erste jedenfalls, noch mehr von diesem Rohstoff in die Luft pusten, jedenfalls solange wir nicht sämtliche Grundlast mit regenerativen Energien abdecken können.

Viel schlimmer ist die Schwefel-haltige Braunkohle unter deren Baggern ganze Dörfer verschwinden. Steinkohle-abbau hat lange Tradition und beschäftigt Kumpel unter Tage. Braunkohle mit den aberwitzigen Riesenbaggern schafft vergleichsweise wenig Arbeitsplätze und ist in diesem Ausmass relativ gesehen neu.

Steinkohle ja bitte, und im eigenen Land, aber als Rohstoff für unsere Stahl-, Maschinen-, Bau- und Chemieindustrie.


Rüdiger Röthke:
10.01.2017, 12:18 Uhr

Ob fies oder nicht fies...
Wie sieht der Untergrund aus? Soll auch hier für 1000 Jahre der Grundwasserspiegel gehalten werden? Wie sieht es mit den Folgeschäden aus? Wer bezahlt diese? Vermutlich der Steuerzahler - die Steinkohle ist nicht nur ein "Glücksbringer" gewesen, wie ich lesen durfte...
Geschändete Natur, auf Kosten der nachfolgenden Generationen, ähnlich wie bei der Atom-"Industrie".


Dietmar Fürste:
10.01.2017, 08:35 Uhr

Die gewollte De-Industrialisierung Deutschlands und das Zechensterben waren und sind meines Erachtens keineswegs das Ergebnis "...der weltweit freien Märkte mit ihren ökonomischen Regeln".

Die deutsche Kohle- und Stahlindustrie war schon immer ein wesentlicher Bestandteil unserer Wirtschaftskraft und wurde bereits nach dem Ende des ersten Weltkriegs durch die Siegermächte ihrer Kontrolle unterworfen.

Nach dem zweiten Weltkrieg drohte die Gefahr der vollständigen De-Industrialisierung unseres Landes durch die Militärgesetze, welche später durch das Diktat der erwähnten, neu gegründeten Kontroll-Instanzen das erwähnte Zechensterben einleiteten.

Das Ganze war vor unzweifelhaft ein Politikum, und es war Deutschland verwehrt, sich z.B. mit Schutzzöllen oder entsprechenden internationalen Handelsabkommen gegen "... den Import billiger Kohle aus den USA wie die Überschwemmung durch billiges Heizöl..." zu schützen.

Analog zur gegenwärtigen Abkehr von Forschung und Entwicklung zur Kernenergie wurde unsere seinerzeit weltweit führende Sicherheits- und Fördertechnik im Bergbau unter Kontrolle gebracht und nicht mehr weiter entwickelt.

Die EU ist unter Aufsicht und nach dem Willen der West-Alliierten nur die Fortsetzung dieser Politik, mit der Deutschland als noch immer besetztes Land und Konkurrent wirtschaftlich weiterhin unter Kontrolle gehalten wird.

Mit dem erwähnten "...Wahnsinn der Energiewende..." wird in diesem Zusammenhang den Deutschen eine Energie-Zukunft ohne Kernkraft, ohne eigene Kohle- und Schieferölförderung versprochen, um sie in Abhängigkeit von Importen zu halten, auf deren Preise und Mengen sie keinen Einfluss haben, was sie für immer bequem steuerbar bzw. erpressbar macht.


Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld
*
*
*

CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz


*
 

Da Kommentare manuell freigeschaltet werden müssen, erscheint Ihr Kommentar möglicherweise erst am folgenden Werktag.
Sollte der Kommentar nach längerer Zeit nicht erscheinen, laden Sie bitte in Ihrem Browser diese Seite neu!

 
 

Die Preußische Allgemeine Zeitung – die deutsche Wochenzeitung für Politik, Kultur und Wirtschaft. Die PAZ spricht eine geschichtsbewusste Leserschaft an und vertritt den Gedanken einer deutschen Leitkultur. Preußisch korrekt statt politisch korrekt – die PAZ berichtet über Themen, die andere Wochenzeitungen lieber verschweigen. Unsere preußisch-wertkonservative Berichterstattung bietet Ihnen einen ungeschönten Blick auf das Zeitgeschehen und Woche für Woche Orientierung in der Flut oft belangloser Nachrichten. In ihren Kommentaren legt die PAZ den Maßstab preußischer Tugenden im besten Sinne an. Abonnieren auch Sie die Preußische Allgemeine Zeitung und lesen Sie wöchentlich tiefgründige Berichte von A wie Ahnenforschung, über B wie Bismarck, O wie Ostpreußen in Geschichte und Gegenwart, W wie Wochenrückblick bis Z wie Zweiter Weltkrieg. Kritisch. Konstruktiv. Klartext für Deutschland.