Vom Tiger zum kranken Mann

Die Talfahrt der türkischen Wirtschaft liegt nicht nur, aber vor allem, an Erdogans Politik

04.04.17
Sinkende Touristenzahlen belasten die Zahlungsbilanz: Strand des Urlaubsorts Side an der Türkischen Riviera Bild: Mauritius

Vor sieben Jahren gehörte die Türkei neben China zu den Ländern mit der größten wirtschaftlichen Dynamik überhaupt. Inzwischen ähnelt der „anatolische Tiger“ freilich eher dem einstigen „kranken Mann am Bosporus“.


Infolge der Reformen, welche die Regierung von Bülent Ecevit 2001 eingeleitet hatte, erlebte die Türkei einen beeindruckenden ökonomischen Aufschwung. Dadurch verdreifachte sich das Pro-Kopf-Einkommen der Bevölkerung zwischen 2003 und 2015 auf umgerechnet 12400 US-Dollar. Doch nun geht es wieder bergab, sodass Präsident Recep Tayyip Erdogans ehrgeiziges Ziel, sein Land bis zum 100. Jahrestag der Staatsgründung im Oktober 2023 zu einer der zehn größten Wirtschaftsnationen der Welt zu machen, unerreichbarer denn je erscheint. Schließlich leidet die Türkei nicht nur unter dem Ausbleiben der Touristen, deren Zahl 2016 um über 30 Prozent zu­rück­ging. Vielmehr sind sämtliche wichtigen ökonomischen Eck­daten besorgniserregend. So schrumpfte das Bruttoinlandsprodukt im dritten Quartal 2016 erstmals nach längerer Zeit – und zwar gleich um drastische 4,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, wie die Commerzbank kürzlich errechnete. Darüber hinaus erwarten viele Experten für 2017 Stagnation oder ein erneutes leichtes Minus.
Ebenso sank das Pro-Kopf-Einkommen auf 9100 Dollar. Dafür legte die Inflation im Gegenzug an Tempo zu und kletterte im Februar über die Zehn-Prozent-Marke. Die gleiche Tendenz zeigt die Arbeitslosenquote. Sie stieg zu Jahresanfang auf fast 13 Prozent, wobei der Anteil der beschäftigungslosen Jugendlichen sogar bei rund 25 Prozent liegt.
Das alles führte dazu, dass die Türkische Lira auf Talfahrt ging. Seit dem Putschversuch vom Juli 2016 fiel ihr Wert um fast ein Drittel. Das erschwert türkischen Unternehmen die Rück­zahlung ihrer Verbindlichkeiten in Fremdwährungen, die sich inzwischen auf umgerechnet rund 300 Milliarden Euro belaufen. Deshalb haben die drei führenden Ratingagenturen Standard & Poor’s, Moody’s und Fitch die Bonität der Türkei herabgestuft, womit die Staatsanleihen Ankaras nunmehr als risikoreiches Investment gelten.
Allerdings reicht es nicht aus, die Ursache für die aktuelle wirtschaftliche Schwäche der türkischen Republik ausschließlich in der provokanten Politik Erdogans zu suchen, die neben Urlaubern auch ausländische Investoren verprellt. Denn das Land krankt ebenso an strukturellen Gebrechen, die schon des Längeren bestehen. Hier wäre besonders das Leistungsbilanzdefizit zu nennen. Denn seit dem Jahr 2000 führt die Türkei deutlich mehr Waren ein, als sie exportiert. Vor diesem Hintergrund schadet die politische Konfrontation mit Deutschland ganz besonders, ist die Bundesrepublik doch der größte Absatzmarkt für türkische Produkte.
Die anhaltende Exportschwäche der Türkei resultiert hauptsächlich aus der mangelnden Innovationskraft ihrer Industrie. Hier macht sich bemerkbar, dass Bildung und Forschung Stiefkinder der regierenden konservativ-islamischen Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung (AKP, Adalet ve Kalkınma Partisi) sind. Die investiert lieber in den Religionsunterricht als in eine Förderung der Natur- und Technikwissenschaften. Und das wird sich angesichts der Entlassung von 4500 Akademikern nach dem Juli-Putsch von 2016 wohl kaum ändern.
Um die türkische Wirtschaft aus ihrer existenziell bedrohlichen Situation herauszulavieren, setzt Staatspräsident Erdogan nun die Führung der türkischen Zentralbank unter Druck. Die darf den Leitzins nicht so stark anheben, wie sie es möchte und es angesichts des Lira-Verfalls und der Inflation dringend angezeigt wäre, um die Geldmenge im Wirtschaftskreislauf zu reduzieren. Mit diesem finanzpolitisch hochriskanten Verhalten will Erdogan eine schnelle ökonomische Erholung erreichen, die für ihn jetzt von überlebenswichtiger Bedeutung ist. Denn der Niedergang der türkischen Wirtschaft könnte seinen Sieg beim Referendum am 16. April gefährden, bei dem es darum geht, ob das parlamentarische Regierungssystem einem Präsidialsystem weichen soll. Doch unabhängig davon, ob Erdogan die Abstimmung gewinnt, bleibt ihm die Aufgabe erhalten, die Türkei aus der Krise zu führen. Im Falle seines Sieges bei der Volksabstimmung dürfte der Erwartungsdruck von Seiten der Anhängerschaft des „Sultans“ noch größer sein als jetzt.    Wolfgang Kaufmann


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