Warnung vor »historischem Bruch«

Ökonomen von Deutscher Bank und BIZ befürchten Kollaps des globalen Finanzsystems

13.12.16
Claudio Borio: „Die offene Weltwirtschaft war in der Finanzkrise bemerkenswert widerstandsfähig, aber eine erneute Krise würde sie nicht so leicht überstehen ... Wir könnten dann einen historischen Bruch erleben.“ Bild: pa

Begriffe wie „Austeritätspolitik“ oder „Stabilitätspakt“ vermitteln oftmals den Eindruck, in den letzten Jahren hätte eine Umkehr zu mehr Sparsamkeit stattgefunden. Tatsächlich sind die Schuldenberge seit der Finanzkrise von 2007 drastisch gewachsen. Nun werden Befürchtungen vor einem Kollaps des globalen Finanzsystems laut.

Ökonomen der Deutschen Bank haben eine alarmierende Lageeinschätzung vorgelegt. Aus Sicht der Analysten befindet sich das globale Finanzsystem mittlerweile in einem extrem fragilen Zustand. Diagnostiziert wird zum einen, dass der weltweit angehäufte Schuldenberg gemessen an dem derzeitigen Wirtschaftswachstum viel zu hoch ist. Damit, dass Schulden erlassen werden, um das Verhältnis zwischen den Schulden und der Wirtschaftsleistung wieder auf ein richtiges Niveau zu bringen, sei kaum zu rechnen.
„Die Schulden sind zu systemisch, als dass die Notenbanken zulassen könnten, dass es zu einem Zahlungsausfall kommt“, so die Einschätzung bei der Deutschen Bank. Aufrechterhalten werde mit der immer extremer gewordenen Geldpolitik dafür ein gescheitertes System, ohne dass dem Wirtschaftswachstum viel geboten wird. Zudem würden die unbeabsichtigten Konsequenzen der aktuellen Geldpolitik immer stärker zutage treten. So habe das Drücken der Zinsen durch die Europäische Zentralbank (EZB) bis in den Strafzinsbereich dazu geführt, dass die Zinsmargen der Banken dahingeschmolzen seien.
In eine ähnliche Richtung geht die Kritik, die Claudio Borio, der Chefvolkswirt der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) unlängst vorgebracht hat. In der „Süddeutschen Zeitung“ warnte der BIZ-Volkswirt, dass sich die Weltwirtschaft in einer Endphase befinde und möglicherweise vor einem „historischen Bruch“ stehe. Zur Begründung führte der 59-jährige Ökonom ein ganzes Bündel von Problemen an. So sind nach Ansicht Borios die Zentralbanken mittlerweile „an ihr Limit gegangen“ und überfordert. Gleichzeitig wachse die Wirtschaftsproduktivität noch langsamer als zu Zeiten der Finanzkrise. Ähnlich wie die Ökonomen der Deutschen Bank wies auch Borio auf die Höhe der privaten und öffentlichen Schulden hin: „Sie sind so hoch wie nie in der Geschichte“, so der BIZ-Chefvolkswirt.
Und tatsächlich ist es seit der globalen Finanzkrise ab 2007 zu keinem Schuldenabbau gekommen. Die Verschuldung ist stattdessen sogar massiv angestiegen. Nach Daten des McKinsey Global Institute (MGI) belief sich die Gesamtverschuldung der 22 größten entwickelten und 25 aufstrebenden Volkswirtschaften im Jahr 2000 auf 87 Billionen US-Dollar. Ende 2007, kurz nach Beginn der Finanzkrise, war der Schuldenberg bereits auf 142 Billionen Dollar angewachsen. Bis zum Ende des untersuchten Zeitraums im zweiten Quartal 2014 war der Stand von 199 Billionen Dollar erreicht. Die Schulden waren damit auf 286 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung angestiegen. Der Wert macht deutlich, wie wichtig die Niedrig- und Negativzinsen der Zentralbanken sind, um einen globalen Kollaps des Kredit- und Geldsystems zu verhindern.
Auch ein Blick auf die Euro-Zone zeigt, dass von einem „deutschen Spardiktat“ für Europa kaum die Rede sein kann. Deutschland eingeschlossen, überschreiten mittlerweile 14 von 19 Euroländern bei ihrer Staatsverschuldung den Maastricht-Grenzwert von 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. In sechs Euro-Ländern, Griechenland, Italien, Portugal, Belgien, Zypern und Spanien, waren im zweiten Quartal dieses Jahres die Staatsschulden sogar auf Werte von teils weit über 100 Prozent geklettert.
Niedrigzinzen und massives Gelddrucken der Europäischen Zentralbank haben bislang Staatsbankrotte in der Euro-Zone verhindern können. Bereits seit März 2015 kauft die EZB Staatsanleihen und andere Wertpapiere im großen Stil auf. Seit Juni stehen sogar Unternehmensanleihen auf dem EZB-Kaufprogamm. Insgesamt fließen so monatlich 80 Milliarden Euro, insgesamt soll so bis März kommenden Jahres eine Geldflut von 1,74 Billionen Euro geschaffen werden. Im Zuge ihres Aufkaufprogramms hat die EZB mittlerweile schon so viele Staatsanleihen erworben, dass sie sich der Höchstgrenze nähert, die sie sich selbst gesetzt hat. Demzufolge darf die Europäische Zentralbank höchstens ein Drittel der ausstehenden Staatsschulden eines Eurostaates aufkaufen.
Problematisch könnte diese Begrenzung speziell im Fall Italiens werden. Bereits im Vorfeld des gescheiteren Verfassungsreferendums hatte eine Kapitalflucht aus Italien eingesetzt und waren die Risikoaufschläge für Staatsanleihen gestiegen. Der Bankensektor des Landes ist derart angeschlagen, dass er als Großabnehmer für italienische Staatsanleihen kaum noch in Frage kommen dürfte.    
    Norman Hanert


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Kommentare

Christian R.:
15.12.2016, 12:07 Uhr

Auf den ersten Blick klingen niedrige Zinsen ja super für den Verbraucher, doch das täuscht.
Die niedrigen Zinsen schlagen für denjenigen der sich gerne ein Eigenheim kaufen will gleich mehrfach negativ zu.
1) durch die niedrigen Zinsen dauert es sehr viel länger sich die Anzahlung anzusparen weil es ja keine Zinsen mehr auf Sparguthaben gibt.
2) weil Sparkonten, Bundesschatzbriefe, etc als Investition nicht mehr taugen, investieren mehr Investoren in Betongold und treten damit in Konkurrenz zum Angestellten der sich einfach nur ein Haus leisten will.
3) weil die Hypothekenzinsen so gering sind, können sich Leute eine umso teuere Immobilie leisten. Das aber treibt wiederum den Preis in die Höhe. Der Spareffekt niedriger Zinsen verpufft.
4) durch die resultierende Inflation werden Sparer bestraft und Schuldennehmer belohnt.
5) Der Staat verschuldet sich immer mehr weil es ja scheinbar so billig ist. Darunter leiden heutige und zukünftige Verbraucher weil mehr und mehr Steuergelder an Investoren abfliessen anstatt - über vom Staat finanzierte Infrastruktur, Sozialleistungen, etc - dem Steuerzahler zugute zu kommen.

Hohe Zinsen halten Preise stabil. Wer sich ein Haus leisten will, der tut sich mit anderen zusammen und kauft ein Haus mit anderen in bar. Und dann das zweite, dritte, usw bis jeder sein eigenes hat. Das erfordert freilich und belohnt eben auch Gemeinschaft. Man umgeht die hohen Hypotheken-Zinsen der Bank ganz, profitiert aber auf dem Sparkonto beim Ansparen des Vermögens.

Aber diesen obigen Weg gibt es aufgrund der Niedrigzinsen schon lange nicht mehr. Niedrigzinsen versklaven die Menschen weil man Eigentum nur noch durch hohe Schuldenlast erwerben kann und durch Sparen nie auf den grünen Zweig kommt. Hinzu kommt: durch steigende Immobilienpreise steigen zwangsläufig die Mieten die ein neuerer Vermieter-Investor zur Tilgung abzocken muss. Dessen Zinsen sind zwar niedrig, aber der Kaufpreis ist ungleich höher. Folglich bleibt für den Mieter immer weniger Geld zum sparen. Ein nahezu perfektes System der schleichenden Versklavung der Menschen die trotz eines langen Arbeitslebens kaum mehr Besitz anhäufen können.

Es ist aber nur nahezu perfekt. Denn irgendwann läuft das Fass über dass es sich gewaschen hat.


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