Abschiebung gefordert

Kassel hadert mit documenta-Erbe – Ein Obelisk mit fremdenfreundlicher Botschaft ist wenig willkommen

13.07.18
Fremdkörper auf dem Königsplatz: Der „Obelisk. Das Fremdlinge und Flüchtlinge Monument" ist zum Politikum geworden Bild: Thiede

Kassel weiß nicht, wohin mit einem Obelisken. Die dokumenta-Hinterlassenschaft mit dem Titel „Das Fremdlinge und Flüchtlinge Monument“ entwickelt sich zu einer Provinzposse.

Es ist in Kassel seit 1977 gute Sitte, dass mindestens eines der für die jeweilige documenta im öffentlichen Raum verwirklichten Kunstwerke erhalten bleibt. In­zwischen sind es 16 Stück. Absoluter Publikumsliebling ist Jonathan Borofskys vor dem Kulturbahnhof aufgebauter „Himmelsstürmer“ (1992). Das einzige Au­ßenkunstwerk der letztjährigen documenta 14, das noch in Kassel steht, ist der von Olu Oguibe entworfene Obelisk auf dem Königsplatz. Sein Erwerb sorgt für Turbulenzen. Die Stadtverordnetenversammlung setzte dem Magistrat ein bis zum 30. Juni befristetes Ultimatum zum Ankauf. Der ließ es verstreichen.
Der auf der Kasseler Weltkunstausstellung viel beachtete „Obelisk. Das Fremdlinge und Flüchtlinge Monument“ trug dem in den Vereinigten Staaten lebenden Nigerianer im September 2017 den nach dem Gründervater der documenta benannten Arnold-Bode-Preis ein. Die Mehrheit der Kasseler Bürgerschaft sprach sich damals für den Verbleib des Obelisken auf dem Königsplatz aus.
Das Kunstwerk ist 16 Meter hoch. In die vier Seiten der spitz zulaufenden Betonsäule sind mit goldenen Schriftzeichen auf Deutsch, Englisch, Türkisch und Arabisch Worte Jesu graviert: „Ich war ein Fremdling und ihr habt mich beherbergt.“ Im Internet charakterisiert die Stadt Kassel der Obelisken so: „Nach eigener Aussage des Künstlers möchte er damit diejenigen Menschen provozieren, die Grenzen für Flüchtlinge schließen.“
Der Künstler äußert sich inzwischen vorsichtiger: „Der Obelisk wurde ausdrücklich für Kassel und den öffentlichen Platz angefertigt, auf dem er steht. Hintergrund ist nicht die Politik, sondern die Geschichte der Stadt als einladender Ort sowie die einfachen, von allen anzustrebenden menschlichen Werte. Gastfreundschaft und Dankbarkeit (der Aufgenommenen) sind keine politischen Themen.“
Insbesondere der AfD ist er aber wegen seiner fremdenfreundlichen Botschaft ein Dorn im Auge und sie verspricht sich von ihrer feindseligen Haltung Stimmen bei der nächsten Hessenwahl. Einer ihrer Stadtverordneten verkündete: „Wer den Obelisken weghaben will, muss am 28. Oktober AfD wählen.“
Am 23. Januar verbreitete die Stadt Kassel gemeinsam mit Oguibe einen Spendenaufruf zum Ankauf des Obelisken. Kulturdezernentin Susanne Völker schreibt darin: „Viele Menschen haben sich für den Obelisken stark gemacht.“ Er sei ein für die documenta 14 repräsentatives und preisgekröntes Kunstwerk.
Als Spendenziel rief der Künstler 600000 Euro aus und wies auf Kaufanfragen aus anderen Städten hin. Die Kulturdezernentin verkündete vorsichtigerweise: Wenn bis Ende April weniger Geld zusammenkäme, sei die Spendenaktion noch keineswegs gescheitert, denn Oguibe könne die eingegangene Summe als Kaufpreis akzeptieren. Wolle er das nicht, bekämen die Spender ihr Geld zurück.
Das am 3. Mai von der Pressestelle der Stadt verkündete Ergebnis der Spendenaktion nimmt sich recht bescheiden aus: 76153,27 Euro, überwiesen von 630 Personen. Eine Stiftung legte noch 50000 Euro drauf. Kulturdezernentin Völker erklärte: „Wir würden uns sehr freuen, wenn der Ankauf trotz des nun niedrigeren Betrages zustande käme.“
Zugleich stellte sie dem Künstler ein Hindernis in den Weg, von dem beim Spendenaufruf noch nicht die Rede war: Der Obelisk müsse den Königsplatz verlassen. Die Begründung für den Platzverweis lautet: „Gerade mit Blick auf künftige documenta-Ausstellungen müssen die beiden großen Plätze in der Kasseler Innenstadt, Friedrichsplatz und Königsplatz, in ihren Zentren frei für weitere Nutzung bleiben.“
Das hört sich wie ein schlechter Witz an, denn bekanntlich befinden sich auf dem Friedrichsplatz zwei Werke früherer documenta-Ausstellungen: Walter de Marias „Vertikaler Erdkilometer“ (1977) im Zentrum des Platzes sowie der zuerst und der zuletzt gepflanzte Baum der von Joseph Beuys initiierten Stadtverwaldungsaktion „7000 Eichen“ (1982-1987).
Die Stadtverwaltung möchte den Obelisken auf den Holländischen Platz abschieben. Den preist Stadtbaurat Nolda als „Treffpunkt für die internationale, multikulturelle Bürgerschaft“ an. Erstaunlich, denn tatsächlich ist er nichts weiter als eine enorm große Straßenkreuzung, hinter der sich das Gelände der Universität erstreckt. Der Parkplatz am Rande der Straßenkreuzung ist als Baugrund für das documenta-Institut vorgesehen. In das Gebäude ziehen das Archiv und die Bibliothek der documenta ein. Vor ihm soll der Obelisk seine neue Heimat finden.
Oguibe erklärte sich bereit, sein Kunstwerk für die eingegangene Spendensumme von 126153,27 Euro an die Stadt zu verkaufen, wollte sich zunächst aber nicht auf einen Standortwechsel einlassen. Dann jedoch setzte er die Stadt mit einem Kompromissvorschlag unter Zugzwang. Der Obelisk solle erst vom Königsplatz zum Holländischen Platz umziehen, wenn dort das documenta-Institut verwirklicht ist. Aber das wird noch Jahre dauern.
Am 18. Juni beriet die Stadtverordnetenversammlung über Oguibes Kompromissvorschlag. Die Mehrheit entschied, die Stadt solle den Obelisken kaufen, aber vom Königsplatz entfernen. Oguibes Vorschlag, ihn bis zur Fertigstellung des documenta-Instituts am jetzigen Standort zu belassen, lehnten die Stadtverordneten ab. Mit den Stimmen von SPD, CDU und AfD wurde ein Antrag angenommen, der für gewaltigen Zeitdruck sorgen sollte: Wenn Magistrat und Künstler sich bis zum 30. Juni über den Obelisken nicht handelseinig werden, ist seine Zeit in Kassel abgelaufen. Er soll bis zum 31. Juli abgebaut werden und die Stadt verlassen.
Mit diesen Abstimmungsmanövern wollte die Mehrheit der Stadtverordneten offenbar bewirken, dass Oguibe endlich der Geduldsfaden reißt und er sein Kunstwerk freiwillig aus Kassel abzieht. Doch Magistrat und Künstler ließen das Ultimatum in aller Ruhe verstreichen.
Unter Berufung auf den Pressesprecher der Stadt meldete die „Hessische Allgemeine“ in ihrer Ausgabe vom 30. Juni, was die Handelspartner zu tun gedenken. Oguibe reist auf Einladung des Magistrats Ende Juli oder Anfang August nach Kassel, um mit den Vertretern der Stadt über das weitere Schicksal des Obelisken zu entscheiden.     Veit-Mario Thiede


Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie die PAZ mit einer Anerkennungszahlung.


Drucken


Kommentare

Keine Kommentare


Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld
*
*
*

CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz


*
 

Da Kommentare manuell freigeschaltet werden müssen, erscheint Ihr Kommentar möglicherweise erst am folgenden Werktag.
Sollte der Kommentar nach längerer Zeit nicht erscheinen, laden Sie bitte in Ihrem Browser diese Seite neu!

 
 

Die Preußische Allgemeine Zeitung – die deutsche Wochenzeitung für Politik, Kultur und Wirtschaft. Die PAZ spricht eine geschichtsbewusste Leserschaft an und vertritt den Gedanken einer deutschen Leitkultur. Preußisch korrekt statt politisch korrekt – die PAZ berichtet über Themen, die andere Wochenzeitungen lieber verschweigen. Unsere preußisch-wertkonservative Berichterstattung bietet Ihnen einen ungeschönten Blick auf das Zeitgeschehen und Woche für Woche Orientierung in der Flut oft belangloser Nachrichten. In ihren Kommentaren legt die PAZ den Maßstab preußischer Tugenden im besten Sinne an. Abonnieren auch Sie die Preußische Allgemeine Zeitung und lesen Sie wöchentlich tiefgründige Berichte von A wie Ahnenforschung, über B wie Bismarck, O wie Ostpreußen in Geschichte und Gegenwart, W wie Wochenrückblick bis Z wie Zweiter Weltkrieg. Kritisch. Konstruktiv. Klartext für Deutschland.