Alles fließt in der Fuggerstadt

Ganz in ihrem Element – Die Stadt Augsburg trotzt der Trockenheit mit einer wasserreichen Ausstellung

17.08.18
Kopie von Merkur und Amor auf dem Mittelpfeiler des Merkurbrunnens. Das Original entwarf Adriaen de Vries vor 1599 Bild: Thiede

Von wegen Wasserknappheit in diesem Sommer: Augsburg zeigt sich in einer Ausstellung von seiner erfrischenden Seite.

Mit dem Thema Wasserbau und Wasserkraft, Trinkwasser und Brunnenkunst bewirbt sich Augsburg um die Aufnahme in die UNESCO-Weltkulturerbe-Liste. Die Bewerbung gab den Anstoß zu der attraktiven Schau „Wasser Kunst Augsburg – Die Reichsstadt in ihrem Element“ im Maximilianmuseum. Ihre 224 Ausstellungsstücke nehmen den Zeit­raum 1500 bis 1800 in den Blick. Der erste Teil berichtet über die Entwicklung der reichsstädtischen Wasserwirtschaft. Der zweite Teil präsentiert Meisterwerke der Kunst und des Kunsthandwerks zum Thema Wasser, die vornehmlich aus Augsburger Produktion stammen.
Seit dem frühen 15. Jahrhundert hob die Reichsstadt Augsburg mit Hilfe von Wasserrädern das außerhalb der Stadtmauern gewonnene Quellwasser in Wassertürme, die zunächst sieben öffentliche Brunnen mit Trinkwasser speisten. Zu ersten Hausanschlüssen kam es ab 1502.
Wichtige Einwohner wie der Bischof oder auch der Scharfrichter bekamen ein „Freirohr“. Die Mehrheit der Privatkunden aber musste das ständig mit 120 Litern pro Stunde fließende Wasser be­zahlen. Neben dem Trinkwassernetz betreibt die Stadt das weit verzweigte System der Brauchwasser aus dem Lech führenden Kanäle, an denen bis heute 38 große und kleine städtische und private Wasserkraftwerke unterhalten werden.
Früher hatte das Augsburger Handwerk „blauen“ Boden. Denn das Kanalwasser trieb die Räder der Mühlen an. Deren Funktionsweisen veranschaulicht gut ein Dutzend hydrotechnischer Holzmodelle, zu denen das einer Sägemühle und das einer Krätzmühle zur Reinigung von Goldschmiedeabfällen (beide um 1750) ge­hören. Sie dienten als Studienobjekte für die Lehrlingsausbildung oder als Modelle zur Veranschaulichung von Bauprojekten. Diese in den Augsburger Sammlungen in weltweit einzigartig großer Zahl erhaltenen Stücke sind eine der Attraktionen der Schau.
Äußerst prachtvoll geht es in der dem Kunsthandwerk gewidmeten Abteilung zu. Eine Rarität ist der von der Museumslandschaft Hessen-Kassel an seinen Herstellungsort ausgeliehene Satz von sieben Prunkvasen mit Alle­gorien der vier Elemente (1697–1699). Die teilvergoldeten, mit Figuren geschmückten Silbergefäße fertigte der Goldschmied Albrecht Biller an. Vermutlich dienten sie als Geschenk Landgraf Karls von Hessen-Kassel an seine Schwiegertochter Luise Dorothea von Brandenburg. Paarweise treten die Vasen mit den Allegorien der Erde, des Feuers und der Luft auf. Das sie überragende Einzelstück aber ist die Allegorie des Wassers, verkörpert von zwei fischschwänzigen Seepferden am Zügel eines Putto.
Höhepunkt der Schau sind die originalen Bronzefiguren, die einst die Prunkbrunnen der Reichsstadt schmückten. Mit un­gelenker Eleganz stützt sich der Meeresgott Neptun auf seinen Dreizack. Den Kopf und Oberkörper wendet er zum kleinen Delphin, den er als Wasserspeier im linken Arm hält. Der von Hans Daucher vor 1537 modellierte Neptun gilt als früheste lebensgroße bronzene Aktfigur der Nachantike. Andächtig blickt die Sitzfigur des von Adriaen de Vries um 1602 geschaffenen Brunnenjünglings hinab zu dem auf seinem rechten Oberschenkel ruhenden großen Gehäuse einer Wasserschnecke.
Früher saß der Brunnenjüngling als Wasserspender im obersten Stockwerk des Kastenturms, der die drei prachtvollsten Brunnen Augsburgs mit Wasser versorgte. Ihre Bronzefiguren sind nun im Innenhof des Maximilianmuseums versammelt. Herkules holt mit flammender Fackel zum tödlichen Schlag gegen die siebenköpfige Hydra aus. Der Götterbote und Handelsgott Merkur will gen Himmel abheben. Doch der kleine Amor hindert ihn am Verlassen der Handelsmetropole Augsburg, indem er ihm die geflügelte Sandale vom Fuß löst.
Während die Figuren des 1599 in Betrieb genommenen Merkurbrunnens und des 1602 eingeweihten Herkulesbrunnens ein Werk von de Vries sind, geht das Personal des seit 1594 wasserspeienden Augustusbrunnens auf Hubert Gerhard zurück. Majestätisch streckt Kaiser Augustus den rechten Arm im Friedensgestus vor, um der von ihm gegründeten Stadt Augsburg Frieden und Wohlstand zu garantieren. Lasziv räkeln sich seine Begleitfiguren. Sie verkörpern die vier Gewässer, denen die Stadt ihren Wasserreichtum und ihre Wirtschaftskraft verdankt. Die weiblichen Gestalten personifizieren die Singold und den Brunnenbach, die männlichen Lech und Wertach.
Die Schau macht neugierig auf die in der Stadt zahlreich vertretenen Denkmäler der Wasserkunst. An der Hauptstraße liegen die drei prachtvollen Springbrunnen, die mit Kopien der Originalfiguren von Gerhard und de Vries ausgestattet sind. Diese von Augustus, Merkur und Herkules dirigierten Wasserspiele sind ein weltweit einzigartiges Ensemble der Brunnenkunst.
Im Rathaus preisen vergoldete Figuren, ein Gemälde und zwei Inschriften über dem Nordportal des Goldenen Saals das segensreiche Nass: „Das beste Ge­schenk“ und „Alles kommt vom Wasser“. Eine sonst nirgendwo im europäischen Raum zu findende Besonderheit ist die vielfältige Architektur des 1879 stillgelegten Wasserwerks am Roten Tor. Zu ihm gehören die ältesten erhaltenen Wassertürme Mitteleuropas. Der Große und der Kleine Wasserturm stammen aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Sie wurden später mehrfach aufgestockt und um weitere Wasserbauten bereichert: das Aquädukt, das Obere und Untere Brunnenmeisterhaus so­wie den zur Wasserversorgung der drei prachtvollen Springbrunnen 1591 erbauten Kastenturm.    Veit-Mario Thiede

„Wasser Kunst Augsburg“ läuft bis 30. September, geöffnet Dienstag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr, Eintritt: 9 Euro. Internet: www. kunstsammlungen-museen.augsburg.de. Reiseinfos und Führungen zu den Wasserdenkmälern: www.augsburg-tourismus.de


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