Alles unter einem Hut

Die legendäre Serie »Der Kommissar« war eine moralische Institution – Vor 50 Jahren ging sie auf Sendung

11.01.19
Fall gelöst: Kommissar Keller (Erik Ode) mit Kriminalassistentin Helga Lauer (Emely Reuer) Bild: Imago

Die Krimiserie „Der Kommissar“ war ein Gegenbild zu den 68ern. Autorität und Hierarchien wurden gepriesen. Eine Frauenquote oder einen Alibi-Ausländer als Assistenten kannte man nicht. Der Kommissar war noch die Normalität in Person und kein von Psychosen geplagter Exzentriker.

Am 3. Januar 1969 gelang dem ZDF ein ganz großer Erfolg. Mit der Kriminalserie „Der Kommissar“ etablierte der Sender den Freitagabend als Krimi-Zeit. Bis zu 30 Millionen Zuschauer saßen nach 20.15 Uhr vor dem Flimmerkasten und fieberten bei Kommissar Kellers Suche nach dem Täter mit. Das bedeutete eine Einschaltquote von 60 Prozent und manchmal noch mehr. Erstmals war es gelungen, die Zuschauer weg von US-Krimi-Serien wie „Tennisschläger und Kanonen“ zu locken.
Die Serie war anders als das, was es zuvor gegeben hatte. Das begann schon damit, dass „Der Kommissar“ in Schwarz-Weiß gesendet wurde, obwohl es be­reits seit 1967 Farbfernsehen gab. Während US-Krimis mit viel „Action“, Schießerei, mehreren Toten und jungen, attraktiven Ermittlern daherkamen, war der 1910 geborene Hauptdarsteller Erik Ode als Kommissar Keller bereits ein rentennaher Jahrgang. Er wirkte schon fast wie Mitte 60, war ruhig, verständnisvoll, hu­morvoll, jedoch kurz angebunden. Natürlich trug er wie alle damals erwachsenen bürgerlichen Männer noch einen Hut.
Kommissar Keller hatte etwas Beamtenhaftes an sich – und das machte einen Teil der Stärke der Rolle aus. Das ganze Gegenteil eines lässigen Steve McQueen wurde präsentiert. Odes Trümpfe waren scharfer Verstand und eine präzise Beobachtungsgabe. Der Umgang mit der Waffe wurde zur Nebensache. Jede Folge kam mit einem Toten aus – ohne Tote leider keine Mordermittlung. Deutschland ist eben doch nicht die USA. Hierzulande mochten die Menschen so etwas sehen.
Die Suche nach dem Mörder gelang, indem die Beziehungen zwischen Täter und Opfer be­leuchtet und die psychologischen Hintergründe durchleuchtet wurden. Die von der 68er Generation ausgehenden Umbrüche wurden auch in der Serie thematisiert. Der Held stellte aber meist das konservative Gegenstück zu ge­sellschaftlichen Erscheinungen dar und betrachtete die Entwick­lung kopfschüttelnd.
Zu Odes Team gehört Walter Grabert (Günter Schramm), ebenfalls ein ruhiger Zeitgenosse, Robert Heines (Reinhard Glemnitz), ein eher unauffälliger, streng sachlicher Typ, und Harry Klein (Fritz Wepper) gewissermaßen als Vertreter der Jugend.
Während die Karrieren von Schramm und Glemnitz nach dem Ende der Serie stagnierten, konnte Fritz Wepper den „Kommissar“ als Sprungbrett für weitere große Auftritte nutzen. 1974 stieg er aus der Serie aus und wechselte zu „Derrick“, wo er an der Seite Horst Tapperts gleichfalls den „Harry“ spielte. Die Rolle des Jugendlichen wurde dann an Fritz Weppers Bruder Elmar weitergereicht, der ab Folge 71 den Assistenten Erwin Klein spielte. Auch er konnte später von dieser Rolle für seine weitere Karriere profitieren.
Rückblickend betrachtet, beklagen heute gesellschaftlich fortschrittliche Geister das Fehlen von tragenden Frauenrollen be­ziehungsweise deren reaktionäre Muster. In den ersten 26 Folgen spielte Emely Reuer die Kriminal­assistentin Helga Lauer, gelegentlich tauchte Franziska Keller, die Gattin des Kommissars, dargestellt von Rosemarie Fendel, auf.
Eine Institution beim „Kommissar“ war Kriminalassistentin Käthe Rehbein (84 Auftritte), auch Rehbeinchen genannt, die von Helma Seitz gespielt wurde. Sie war meist mit Kaffeekochen und anderen klassischen Vorzimmeraufgaben be­schäftigt, aber stand gelegentlich „ihren Mann“, wenn es die Situation erforderte. Exemplarisch dafür war folgender Dialog: „Sag mal, krieg ich eigentlich ’nen Kaffee, Rehbein, oder nicht?“ – „Ja, bin ja schon dabei, ich kann doch nicht hexen!“ Zigarettenrauch und Bierkonsum waren damals noch selbstverständlich.
„Der Kommissar“ hätte „anti-aufklärerisches und antidemokratisches Wirkungspotenzial“ ge­habt, wird heute kritisiert. Das unterscheidet Kommissar Keller von manchen „Tatort“-Darstellern von heute, die sich in der Rolle des gesellschaftlich-politischen Erziehers gefallen. Keller war hingegen damals eine moralische Instanz – für seine Mitarbeiter und sogar für die überführten Verbrecher und somit gesellschaftsrelevant. Er begrüßte morgens seine Mitarbeiter mit: „Guten Morgen, die Herren, na, wie geht’s zu Hause?“
Ode als „Chef“ war nicht autoritär, aber er strahlte Autorität aus. Er kam ohne Geschrei aus, um sich durchzusetzen. Sein Ton blieb gesetzt, und gelegentlich wurde Keller zum väterlichen Ratgeber seiner Untergebenen. Jede Folge endete mit einem „Ich danke euch“ an seine Mitarbeiter. Die Hierarchie in seinem Team wurde nicht infrage gestellt. Damit wird klar, warum die 68er heute an Erik Ode und seiner Rolle herumnörgeln.
Die Idee zum „Kommissar“ hat­te Herbert Reinecker, der schon im „Dritten Reich“ mit „Junge Adler“ einen ersten Drehbucherfolg hatte. Auch nach 1945 hatte Reinecker zahlreiche erfolgreiche Drehbücher ge­schrieben, so „Der Stern von Afrika“ und zu einigen Edgar-Wallace-Krimis. Das ZDF hoffte – zu Recht –, hier einen Mann verpflichtet zu ha­ben, der den Erfolg gepachtet hatte.
Auch bei der Regie überließ das ZDF nichts dem Zufall. Helmut Käutner oder Wolfgang Staudte waren erfahrene Könner ihres Fachs. Später führte Erik Ode in einigen Folgen selbst Regie. Einige schon erfolgreiche Film-Stars wie Curd Jürgens, Johannes Heesters, Lilli Palmer oder Sonja Ziemann hatten Gastrollen im „Kommissar“ und werteten die Serie dadurch auf. Andere jüngere Mi­men wie Martin Semmelrogge, Raimund Harmstorf und Sascha Hehn nutzten ihre Auftritte in der Serie als Sprungbrett für die spätere Filmkarriere.
Die ARD schaute zunächst in die Röhre. Erst 1970 konnte sie mit der „Tatort“-Serie dem „Kommissar“ etwas entgegensetzen. Aber während „Tatort“ an verschiedenen Orten in Deutschland gedreht wurde, blieb „Der Kommissar“ seinem Standort München bis zur letzten, der 97., Folge 1975 treu.    Frank Bücker


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