Auch nach 60 Jahren noch aktuell

30.10.19

Im kleinen Dorf Sutton in einem fiktiven Bundesstaat im Süden der USA, der irgendwo zwischen Mississippi und Alabama liegt, spielen sich dramatische Veränderungen ab. Tucker Caliban, ein Afroamerikaner, der es gerade geschafft hatte, sich von seinem früheren Chef ein Stück Land zu erkaufen, um dort mit seiner Familie eine Farm aufzubauen, bestellt sich einen ganzen Lastwagen voll Salz. Während die weißen Bewohner des Dorfes noch darüber staunen, was er damit wohl wollen könnte, und sich zu seinem Land aufmachen, um es herauszufinden, beginnt Tucker, jeden Quadratmeter seines Grundbesitzes mit eben jenem Salz zu bestreuen, „als wäre jetzt Frühling und er würde früh anfangen mit der Aussaat, damit er sich keine Sorgen machen muss, dass er die ersten guten Tage verpasst“. Als er damit fertig ist, schlachtet er seine Kuh und sein Pferd, zerschlägt seine Standuhr, vermutlich das einzige Erbstück von Wert, das er besitzt, zündet sein Haus an und macht sich Richtung Norden auf. Und sämtliche anderen Schwarzen im Ort und im gesamten Bundesstaat folgen ihm. Die Weißen betrachten dieses stille Spektakel zugleich fasziniert und entsetzt. Tatenlos sehen sie zu und fragen sich nach dem Grund für diesen plötzlichen Exodus.
Ausschließlich diese Weißen lässt Kelley in „Ein anderer Takt“ in Form einer Sammlung von Erinnerungen und Tagebucheinträgen zu Wort kommen, die einen Schnitt durch die weiße Gesellschaft aufzeigen. Ist Caliban verrückt geworden, war er es schon immer, oder ist es eigentlich sowieso egal für das Leben der zurückbleibenden Weißen? Eine geniale Perspektive eines Afroamerikaners, der sich in die Sichtweise von Weißen hineinversetzt, wie sie über Schwarze nachdenken. So verleiht er dem Werk gleichzeitig Vielstimmigkeit und macht es zu einem alarmierenden Spiegel der Gesellschaft.
Diese Neuauflage, die nun 60 Jahre nach der ursprünglichen Veröffentlichung erscheint, lässt einen zu Unrecht fast vergessenen Klassiker der amerikanischen Literatur wieder aufleben. Ein ausführliches Vorwort setzt den Roman in den Kontext seiner Zeit und von Kelleys Gesamtwerk. Dieses Vorwort gibt dem Roman eigentlich das Gefühl einer Zeitreise. Heutige gesellschaftspolitische Spannungen, Polizeigewalt gegen Schwarze und bis heute existierende Unterschiede auf Feldern wie Bildung, Bezahlung, ärztliche Versorgung und genereller Lebensstandard machen deutlich, dass der Rassenkonflikt bis heute nicht gelöst ist. Kelleys Roman liefert somit bis heute einen hochaktuellen, aber gleichzeitig sehr einfühlsamen und reflektierten Zugang zu dieser Problematik und motiviert dazu, sich selbst einmal in die Perspektive anderer hineinzudenken. L.W.

William Melvin Kelley: „Ein anderer Takt“, Hoffmann und Campe Verlag, Originalausgabe New York 1962, deutschsprachige Neuauflage, Hamburg 2019, gebunden, 304 Seiten, 22 Euro


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