Bank-Chefvolkswirt rechnet mit Euro-Ausstieg Deutschlands

25.01.16

Galt ein Nachdenken über den Ausstieg Deutschlands aus dem Euro bislang unter den hiesigen Volkswirten als weitgehendes Tabuthema, so scheint sich dies nun zu ändern. Mit Stefan Bielmeier, dem Chefvolkswirt der DZ Bank, dem Zentralinstitut von mehr als 900 deutschen Genossenschaftsbanken, hat nun erstmals ein namhafter Ökonom einer Bank Klartext in Sachen Euro geredet. In einem Gastbeitrag für die „Wirtschaftswoche“ legte der Volkswirt dar, dass seiner Meinung nach der Streit um den Euro und Europa inzwischen eine neue Eskalationsstufe erreicht habe. Der Leiter der DZ-Research-Abteilung kommt zu der Diagnose, dass reformbereite Regierungen wie zuletzt in Portugal und Spanien von den Wählern abgestraft würden. „Lasst die Reformen sein, die Wähler werden es euch nicht danken – erhöht lieber die Sozialleistungen“, so das Signal, das von den letzten Wahlen im Euroraum ausgegangen sei. Die Regierungen in Frankreich, Portugal und Spanien hätten diese Botschaft der Wähler erhört, und sich von ihrem Konsolidierungskurs verabschiedet. Auf der anderen Seite stehe die Forderung an Deutschland, sich solidarisch zeigen, ohne eine Gegenleistung zu verlangen.
Laut Bielmeier habe sich die Hoffnung, dass der südliche Teil der Euro-Zone die Phase der niedrigen Zinsen nutzt, um die notwendigen Strukturreformen anzugehen, nicht erfüllt. Stattdessen würden die ökonomischen Ungleichgewichte und die daraus resultierenden Fliehkräfte das größte Problem für den Euroraum darstellen. Der DZ-Chefökonom sieht deshalb nur noch einen Ausweg: „Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.“ Sollte man dann zu dem Ergebnis kommen, dass das Projekt keinen nachhaltigen Bestand haben könne und es keine tragfähige politische Lösung für den langfristigen Erhalt gebe, „wäre es nur konsequent, wenn Deutschland zusammen mit einigen anderen Ländern beginnt, den Ausstieg zu managen“. Obwohl Bielmeier zu dem Befund kommt, dass die Konsequenzen für das wirtschaftliche Wohlergehen „nur negativ sein“ könnten, hält er einen Euro-Austritt für unausweichlich.
Zu Recht macht der Ökonom auch darauf aufmerksam, dass mit dem weiteren Andauern der Niedrigzinspolitik die ökonomischen Kosten steigen. Tatsächlich ist zu konstatieren, dass die massive Aufblähung der Bilanz der Europäischen Zentralbank (EZB) in der Euro-Zone keineswegs Investitionen und Nachfrage ausreichend ankurbelt, sondern nur die Preise von Aktien und Immobilien in die Höhe treibt. Auf der anderen Seite stehen Banken, Versicherungen, Pensionsfonds und Bausparkassen aufgrund der Niedrigzinspolitik zunehmend ohne Geschäftsmodell da. Parallel wachsen mit dem Andauern der Euro-Rettungspolitik die Risiken, dass Deutschland am Ende auf immensen Verlusten sitzenbleiben wird. Bereits seit Monaten sind etwa die Forderungen der Bundesbank an andere Euro-Zentralbanken im Rahmen des Target-2-Verrechnungssystems wieder dabei, massiv anzusteigen. Obendrein wird am Finanzmarkt immer stärker darüber spekuliert, ob die EZB ihre Geldpolitik noch weiter lockern wird. Willkommener Anlass, um die umstrittenen Anleihekaufprogramme auszuweiten, könnte der Verfall des Ölpreises sein, der zumindest statistisch die Teuerungsrate in der Euro-Zone drückt.    N.H.


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