Barbie wanderte in die USA aus

Die erfolgreichste aller Puppen unter Spionageverdacht

18.03.19
Im Kreise einer Kabinencrew und einer sogenannten Bubblecut: Ein Exemplar des ersten Modells (M.) Bild: pa

Auf der US-amerikanischen Spielwarenmesse „American International Toy Fair“ am 9. März 1959 in New York stellte eine bis dahin unbekannte Firma eine kleine Puppe aus Plastik vor. Barbie, so ihr Name, wurde die am meisten verkaufte Puppe aller Zeiten und der Hersteller Mattel der größte Spielwarenproduzent der Welt.

Es war kalt und windig in New York, aber Barbie trug nur einen schwarz-weiß gestreiften trägerlosen Badeanzug, der auf ihrem Busen sicheren Halt fand. Sie hatte einen blonden Pferdeschwanz, einen knallrot geschminkten Herzmund, Rehaugen, Wespentaille und lange Beine. Weil man nie weiß, was der Tag einer so attraktiven jungen Dame noch bringen kann, hatte sie ein schwarzes Abendkleid aus Taft dabei.
Eigentlich hieß Barbie Lilli und war eine Erfindung des Karikaturisten Reinhard Beuthin. Am 24. Juni 1952 tauchte sie in der ersten Ausgabe der „Bild“-Zeitung auf. Die kesse Göre hatte einen blonden Pferdeschwanz, einen knallroten Herzmund, Rehaugen,Wespentaille und lange Beine. Sie kam bei den Lesern des neuen Blatts so gut an, dass Beuthin nun täglich eine Lilli in immer neuen Situationen zeichnen musste. Lilli verkörperte das Frauenbild der Wirtschaftswunderjahre. Berufstätig (als Sekretärin), selbstbewusst, perfekt geschminkt und nach der neuesten Mode gekleidet. Sie war immer auf der Suche nach einem reichen Mann. Beuthin legte ihr Sprüche in den Mund wie „Ich könnte ohne alte Glatzköpfe auskommen, aber meine Urlaubskasse nicht!“ Der Springerverlag ließ von der Firma Hausser in Neustadt bei Coburg eine „Bild“-Lilli produzieren, die als Werbematerial verkauft wurde.
Bei einer Europareise entdeckte Ruth Handler, Mitgründerin von Mattel, solch eine Puppe in einem Schaufenster. Sie nahm Lilli mit nach New York und machte Barbie daraus.
Mattel stellte Bilderrahmen und Puppenmöbel her. Die Produktion einer Mode- und Mannequinpuppe, wie seine Frau sie sich vorstellte, erschien Elliott Handler zu teuer. Seine Frau setzte sich durch. Die geklonte Lilli sollte Barbie heißen, nach Barbara, der Tochter des Ehepaars.  
Barbie eroberte die Herzen aller kleinen Mädchen im Sturm. Aber sie erntete auch viel Kritik. Ärzte bemängelten, Barbie sei zu dünn und könne bei Pubertierenden Essstörungen auslösen. Pädagogen und besorgte Eltern rügten ihre Eitelkeit und Putzsucht. Ständig brauchte sie etwas Neues zum Anziehen, Accessoires und Perücken. Deutsche Mütter und Väter blieben zunächst von der Frage, soll unsere Tochter eine Barbie bekommen, verschont. 1964 erwarb Mattel die Vermarktungsrechte von der Firma Hausser, und nun durfte Barbie auch in Deutschland verkauft werden. Lillis sind heute begehrte Sammelobjekte, eine Puppe in blauen Hot Pants wird im Internet für 1200 Euro angeboten.
Die ersten Barbies kosteten drei US-Dollar, umgerechnet zwölf D-Mark. Die Folgekosten konnten erheblich sein. Es gab nichts, was die von der Kaufsucht befallene Puppe nicht haben wollte. Ihre Entourage von Freundinnen und Verwandten nahm beängstigende Ausmaße an. Der Barbie-Kosmos dehnte sich aus wie ein schwarzes Loch. Natürlich hatte sie einen Boyfriend wie jeder Teenager am amerikanischen College. Er hieß Ken, ein brav gescheitelter Jüngling mit der Attitüde eines idealen Schwiegersohns. Ken erreichte nie die Popularität seiner Freundin. Barbie war die Königin, Ken der Prinzgemahl, wobei die beiden aus ungeklärten Gründen niemals heirateten. Barbie machte jeden Modetrend mit. Sie kleidete sich im Stil der Jackie Kennedy, trug Mini wie Mary Quant, später den Disco-Look und Edeljeans. Ihre Ansprüche wuchsen, parallel zu denen der verwöhnten Einzelkinder-Generation. Sie spielte erst Tennis, dann Golf und fuhr ein Cabrio im patentierten grellen „Barbie-Pink“. Die Puppe wurde zum Synonym für die hübsche Blondine mit wenig Hirn unterm Pony.  Daran änderte sich nichts, als sie später als Ärztin, Journalistin und Primaballerina in Peter Tschaikowskis „Nussknacker“ auftrat. Nur Aufsichtsratsmitglied eines Dax-notierten Unternehmens wurde sie nicht, obwohl sie Topmanagern in Sachen Gewinnoptimierung auf ihren High Heels weit vorauseilte. Die Puppe wurde als eines der ersten westlichen Produkte in China produziert, gewissermaßen als Erzkapitalistin unter Kommunisten. Abgesehen davon handelt sie stets politisch korrekt. Vorurteile kennt sie nicht. Sie umgibt sich seit den 70er Jahren mit der schwarzen Francie, mit Latinas und Asiatinnen. Die erste Barbie mit Hidschab heißt Sheroe nach der US-Säbelfechterin Ibtihaj Muhammad, die auch bei Wettkämpfen Kopftuch trug. Im T-Shirt mit dem Aufdruck „Love Wins“ protestiert Barbie gegen Homophobie. Barbie divers ist vermutlich schon angedacht.
Zum Frauentag am 8. März vergangenen Jahres huldigte Mattel erfolgreichen Frauen mit der Serie „Inspiring Women“ (inspierierende Frauen). Die insgesamt 19 Barbies dieser Serie tragen Köpfe der Pilotin Amelia Earhart, der Malerin Frida Kahlo, der chinesischen Schauspielerin Xiaotong Guan oder der australischen Naturschützerin Bindi Irwin. Auch die deutsch-iranische Designerin Leyla Piedayesh war dabei, die allerdings kaum jemand in Deutschland kennt. Die „starken Frauen“ sollten, wie Mattel verlauten ließ, kleinen Mädchen Vorbilder sein. Die emanzipierten Köpfe sitzen auf dem Barbie-Body: spitze Brüste, Wespentaille und superlange Beine.   
Statistiker rechneten vor, dass jedes kleine Mädchen im Durchschnitt drei Barbie-Puppen besitzt. Eine Sammlerin aus Düsseldorf kam mit über 15000 Barbies ins Guinnessbuch der Rekorde.
Vintage-Puppen können bei Auktionen Rekordpreise erzielen. In London kam die „Gala-Barbie“ für umgerechnet 11000 Euro unter den Hammer.  
An ihrem 60. Geburtstag muss Barbie akzeptieren, dass sie nicht mehr die First Doll ist. Seit einigen Jahren meldet Mattel Umsatzverluste. Barbie 2.0 soll es richten. Die digitale Hello Barbie spricht und antwortet wie ein Automat. Weil die Kommunikation gespeichert wird, warnen Datenschützer vor dieser „Spionin im Kinderzimmer“. Was man Barbara Millicent Roberts, so ihr vollständiger Name, auch vorwirft, Spionin, falsches Schönheitsideal, tumbe Tussi, Barbie bleibt eine ernstzunehmende Zeitzeugin der vergangenen sechs Jahrzehnte.    Klaus J. Groth


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