Bedenkliche Symptome

Warum strittig ist, wer irre ist und wer normal, wie wir dem Absturz eifrig entgegen rudern, und warum man uns besser nicht zuhören sollte / Der Wochenrückblick mit Hans Heckel

28.09.14
Zeichnung: Mohr

Wer ist hier irre? Darüber kann man streiten. Der Geisteskranke hält angeblich uns „Normale“ für bekloppt. Spätestens nach dem Skandal um Gustl Mollath, der jahrelang von angeblich gesunden Entscheidungsträgern in der geschlossenen Psychiatrie festgehalten wurde, obwohl sein Geist völlig intakt war, wurmt uns die Frage, auf welcher Seite der Barriere wir, das Heer der vermeintlich Normalen, eigentlich stehen.
Ein Blick auf das, was wir tagtäglich treiben oder treiben lassen, ohne dass uns das merkwürdig vorkommt, nährt tatsächlich Zweifel, dass in unserem Oberstübchen alles am richtigen Platz steht.
Der Journalist Alexander Wendt, Autor des Buches „Der grüne Blackout“, zitiert den Vorsitzenden einer, wie er schreibt, „großen, einflussreichen Organisation, der öfters sowohl mit Angela Merkel als auch mit Sigmar Gabriel und etlichen Abgeordneten spricht“, mit der bitteren Feststellung: „Die Parteien in Berlin unterscheiden sich bei der Energiewende nur durch die Grade ihres Irrsinns.“ Ein Politiker und Duzfreund Merkels habe ihm, Wendt, geraten, sich einen Holzofen als Sicherheit gegen flächendeckenden Stromausfall zu besorgen und Holzvorräte anzulegen. Von SPD-Chef und Energieminister Gabriel überliefert Wendt den schönen Satz: „Die Energiewende steht kurz vor dem Aus.“
Doch was machen wir? Hart Steuerbord zur scharfen Wende von der Wende? Aber nicht doch: Hier und da wurde ein bisschen herumjustiert, das war’s. Die Bundesregierung fährt weiter geradeaus ins Fiasko, die grüne Opposition würde sogar gern noch einen Zahn zulegen. Narrenschiff am Wasserfall: Die Kapitänin befiehlt: „Kurs halten, da vorne   wird’s gleich besser!“ Und obwohl wir den nahenden Abgrund schon gurgeln hören, lassen wir uns behaglich in die Liegestühle fallen. „Mutti“ auf der Brücke weiß ja, was sie tut.
Weiß sie’s? Was macht das schon: Wendt berichtet von Gesprächen mit ehemaligen DDR-Funktionären, darunter „kluge, reflektierte Leute“, wie er schreibt. Von denen wollte er wissen, wieso sie einfach weitergemacht haben, als ihnen doch schon klar sein musste, dass der ganze Laden gegen die Wand fährt. Antwort: Das verstünden sie mittlerweile selbst nicht mehr.
Die Energiewende wird nicht das einzige sein, was wir uns eines Tages kaum noch werden erklären können. Erinnern Sie sich noch an 2008? Die Lehman-Pleite, der Zusammenbruch der Finanzmärkte? Den Schuldigen für den Schlamassel hatten die Experten schnell gefunden: sogenannte ABS („Asset Backed Securities“). Das sind „Wertpapiere“, in denen alle möglichen Kredite gebündelt worden sind. Am Ende wusste keiner mehr, was in diesen ABS eigentlich drin ist. Es stellte sich heraus: haufenweise Finanzschrott. Nach dieser Entdeckung krachte der Markt ein.
Nun möchte die EZB massenhaft solche ABS-Papiere kaufen, Informationen zufolge will EZB-Präsident Draghi praktisch den ganzen Markt leerfegen, um die Banken (die den Dreck in den Bilanzen haben) zu entlasten. Und weil er nahezu alle ABS haben will, wird er Mondpreise zahlen müssen.
Der Schrott gehört dann den Steuerzahlern. Doch es kommt noch besser: Weil der Ankauf für die EZB zu schwierig sei (Was können die eigentlich?) hat Draghi die Firma Blackrock mit dem Ankauf beauftragt. Blackrock ist ein billionenschwerer Vermögensverwalter, bei dem die Schwerreichen dieser Welt ihr Geld geparkt haben.
Die Schwerreichen sind es auch, die Milliarden in ABS-Papiere investiert haben und ganz glücklich damit waren, solange noch ordentlich Rendite floss. Und die seit Jahren schwer verunsichert sind, weil sie fürchten, dass sich der Kram in Luft auflöst.
Glückes Geschick: Nun kauft ihnen ihr eigener Vermögensverwalter die Mistdinger zu Höchstpreisen mit dem Geld der europäischen Steuerzahler ab. Sie sind fein raus und wir haben den Salat. Eine Gesellschaft wie wir, die sich derart schamlos, dreist und öffentlich beklauen lässt, die muss doch einen an der Waffel haben!
Oder schauen wir mal auf das hier: Nur ein paar Jahre ist es her, da erschraken wir vor der „massenhaft gescheiterten Integration“ gewisser Einwanderergruppen, vor „Parallelgesellschaften“, in denen die Scharia oder ein martialisches Sippenrecht mit Blutrache, „Ehrenmord“ und dem ganzen vorsintflutlichen Zinnober herrscht statt der Gesetze des zivilisierten Abendlandes. Auf der Berliner Rütli-Schule kapitulierten die Lehrer, weil sie mit den Immigrantenkindern nicht mehr zu Potte kamen.
Und heute? Obwohl wir noch immer keinen Plan haben, wie wir die bereits bei uns lebenden Parallelgesellschaftler zu einem Teil unserer Gesellschaft machen können, lassen wir praktisch unkontrolliert die nächste Welle herein. Und tun alles, damit sie sich schön auftürmt.
Wirklich alles: Wie berichtet, hat die Stadt Köln ein Vier-Sterne-Hotel gekauft, um dort Asylbewerber unterzubringen. Das Haus war in der Zwangsversteigerung. Aber nicht, weil das Hotel pleite war, sondern wegen seiner verstorbenen Eigentümer. Der Laden brummt, der Pachtvertrag wurde eben erst bis 2019 verlängert, als die Stadt zuschlug. Nun verlieren 32 Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz und die Stadt einen potenten Steuerzahler. Der Pachtvertrag wird vorzeitig gekündigt. Normal?
In die Problemklassen à la Rütli stecken wir derweil noch geistig behinderte Kinder, die bislang auf Förderschulen gezielt betreut wurden. Klassen am Rande des Zusammenbruchs wird so gleich noch eine Bürde aufgehalst, völlig unnötig. Kommentar überflüssig.
Überhaupt scheint für uns Bekloppte ein besonderer Reiz darin zu liegen, ein ohnehin kaum lösbares Problem durch gezielte Schläge noch ein bisschen ka­tastrophaler zu gestalten. Damit’s dann auch richtig knallt. Seit den 90er Jahren dämmert uns mit wachsender Deutlichkeit, dass unsere Altersversorgung auf Sand gebaut ist, weil es zu wenig Junge gibt. Doch was haben wir jetzt getan? Das Rentenalter für Tausende von Beschäftigten auf 63 Jahre herabgesenkt.
Und eine Mütterrente eingeführt. Eigentlich war die gedacht, um die Mütter dafür zu entlohnen, dass sie sich mit der Aufzucht von Beitragszahlern abgemüht haben. Das wäre ja auch nur gerecht. Aber unbegreiflicherweise kommt die Zusatzrente auch jenen Müttern zugute, deren Kinder überhaupt keine Rentenbeiträge zahlen. So schieben wir das Rentensystem nur noch wieder ein Stückchen näher an die Kante des Absturzes.
Derweil schrauben wir seit Jahren ohne Aussicht auf Erfolg an unserem schönen neuen Hauptstadtflughafen BER herum. Der soll mit seiner Maximalkapazität von 21 Millionen Passagieren jährlich eines Tages alle anderen Berliner Flughäfen ersetzen. Dumm nur: Die anderen Häfen zählen schon heute 27 Millionen Reisende, und Berlin wächst und wächst. Der BER wird also selbst dann, wenn alles endlich wie gedacht fertig ist, ein Schlag ins Wasser werden. Welch bemerkenswerten Schnarchnasen waren da am Werk?
Und jetzt? Alles auf Anfang wegen voraussehbaren Desasters? Nicht mit uns: Es wird natürlich fröhlich weitergemacht. Nun will man den alten Schönefelder Flughafen nebenan offenhalten. Der BER wird der erste „neue“ Flughafen der Welt sein, der vom ersten Tag seiner Geschichte an aus Flickwerk besteht.
Es heißt, die Jungen seien gut beraten, wenn sie sich Rat bei den Altvorderen holten. Für die nächste Generation sollten wir diese Empfehlung definitiv stornieren. Wer uns einmal zuhört, der kann sich seine Weisheiten ebenso gut in der Klapsmühle abholen. Möglicherweise bekommt er dort sogar klügeren Beistand als bei uns.
Wie eingangs erwähnt: Wer die Bekloppten sind, hängt letztlich vom Standpunkt ab. Wir jedenfalls sollten uns über unsere baldige Einweisung nicht wundern. Bedenkliche Symptome zeigen wir genug.


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Kommentare

Thomas Wagner:
2.10.2014, 02:27 Uhr

Ja, man kann es drehen und wenden wie man will, das volksfeindliche System ist nicht reformierbar, auch wenn jetzt wieder einige Traumtaenzer meinen die Rettung in der systemkonformen AFD zu sehen. Man kann sich wirklich nur noch ueber die Absurditaet wundern, dass Menschen glauben, die Herrscherelite wuerde den Untertanen ein Werkzeug (sprich politische Partei) zur Verfuegung stellen, um das System in wesentlichen Punkten zu veraendern. Die wesentlichen Punkte sind - man kann sie Systemdogmen nennen - Multikulti/Einwanderungsland Deutschland, Westbindung im Allgemeinen, NATO- u. EU-Mitgliedschaft im Speziellen, was wiederum nichts anderes ist als das Bekenntnis als Vasallenstaat ein Teil des informellen US-Imperiums zu sein. Das Ganze steht dann unter der Vorherrschaft der dominierenden Systemteilkomponente Grosskapital, welches ein Fakt ist, der von vielen, die immer noch signifikante Veraenderungen durch politische Parteien erhoffen, schlicht uebersehen wird. Politischer und militaerischer Dienstleister des transnationalen Kapitals sind die USA. All die von Herrn Heckel so trefflich sarkastisch geschilderten, lebensbedrohlichen Umstaende, gehen auf die genannten Systemdogmen und das Primat der Wirtschaft ueber die Politik ursaechlich zurueck. Die AFD hat sich in ihrem Wahlprogramm uebrigens ausdruecklich diesen Systemdogmen unterworfen, was freilich unabdingbare Voraussetzung dafuer ist, dass man bei dem boesen Spiel ueberhaupt mitmachen darf. Wer das nicht macht, der wird medial ausgegrenzt, oder wenn mal berichtet wird ist es grundsaetzlich negativ. Desweiteren wird eine solche Partei mit Agenten des BRD-Inlandsgeheimdienstes infiltriert, um dann zusaetzlich durch Worte und Taten fuer rufschaedigende Schlagzeilen und fuer ein Klima der Paranoia zu sorgen. Man kennt dies ja von der NPD zur Genuege. Es wird also so kommen wie es in der Geschichte immer kam, naemlich das System wird an seinen eigenen Unzulaenglichkeiten und Widerspruechen zu Grunde gehen, d.h. es faehrt sich selbst gegen die Wand. Sollte es danach aber wieder weitergehen mit Privatbanken, Boersen, Spekulanten, Zinsen, Finanzprodukten etc. werden wir verflucht dazu sein alles wieder von Neuem zu erleben.


sitra achra:
30.09.2014, 07:48 Uhr

Ja, man möchte meinen, dass der Laden baldigst zusammenbricht, aber das Viech ist zäher als vermutet, es will einfach nicht kollabieren!
Mit dieser Herauszögerung ist allerdings Ihr bequemer Arbeitsplatz am Schreibtisch gesichert, Herr Heckel! Und wir freuen uns diebisch jedesmal über Ihre satirischen Beiträge.


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