Berlin ist bequemer

Polnische Obdachlose fluten die deutsche Hauptstadt − Stiftung aus Posen will sie zurückholen

24.02.19
In Polen ist die Behandlung weitaus schlechter: Obdachlosen-Schlafplatz unter einer Brücke am Wannsee Bild: Imago

In den Parks von Berlin dominieren Obdachlose aus Polen. Jetzt sollen polnische Sozialarbeiter diese von der Straße und zurück nach Polen holen.

In keiner anderen Stadt Deutschlands leben so viele obdachlose Menschen wie in Berlin. Statistisch erfasst werden sie nicht, und es gibt keine verlässlichen Zahlen, aber die Schätzungen sozialer Wohlfahrtsverbände reichen von 4000 bis zu 10000 Personen. Etwa 1000 Schlafplätze in Notunterkünften stehen bereit.
Obdachlose kommen aus mehr als 80 Ländern. Bis zu zwei Drittel von ihnen sind Osteuropäer, die Polen, die nur 80 Kilometer bis Berlin haben, bilden die größte Gruppe. Ein Anrecht auf Geld vom Staat haben EU-Ausländer nur, wenn sie schon fünf Jahre in Deutschland leben. Wer länger als ein Jahr gearbeitet hat, bekommt auch Arbeitslosengeld. Wohnungslos sind laut Senatssozialverwaltung rund 50000 Menschen, viermal so viele wie vor der großen Asylsucherwelle 2015.
Durch den starken Zuzug aus Polen und anderen EU-Ländern sind die Plätze in den Obdachlosenasylen, wo sich vermehrt auch Asylsucher aller Nationalitäten einfinden, die der Abschiebung entgehen wollen, knapp geworden. Entsprechend groß ist der Konkurrenzkampf. Deutsche Obdachlose sind in ihrer eigenen Hauptstadt längst zu einer Minderheit geworden. Und polnische Obdachlose lassen die anderen immer mehr spüren, dass sie die Mehrheit sind. Viele verhalten sich aggressiv, beleidigen andere, drohen ihnen. Mit der Aggressivität steigt auch die Kriminalität.
Abschiebungen innerhalb der EU widersprechen dem Gemeinschaftsvertrag und dem Niederlassungsrecht. Nur Abschiebungen von schwerkriminellen EU-Ausländern sind laut einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs aus dem Jahr 2012 möglich, allerdings müssen dafür sehr viele Voraussetzungen erfüllt sein. Die polnische Regierung könne ihr soziales Problem nicht in Berliner Grünflächen lösen, hat der Bezirksbürgermeister Tiergarten, Stephan von Dassel (Grüne), im Oktober gesagt. Geändert hat sich nichts.
Polen geht ganz anders mit Obdachlosen um als Deutschland. Wenn sie im Stadtbild einer Gemeinde stören, werden sie einfach in eine andere Stadt weggekarrt, viele müssen dann auch noch ihre Habseligkeiten abgeben, eine Unterkunft gibt es nur bei entsprechender Mitarbeit. In den vergangenen Wintern sind in Polen viele Obdachlose erfroren. Deshalb harrt eine große Zahl von ihnen lieber in der deutschen Hauptstadt aus, weil sie hier deutlich besser versorgt werden. Berlin ist für sie ein Paradies.
Die meisten Polen sind wegen eines Jobs oder einer Beziehung in Berlin gelandet. Kaum jemand war schon in der Heimat obdachlos. Sie sind erst an der Spree auf der Straße gelandet, als sie die Arbeit verloren haben oder die Beziehung zerbrochen ist. Einmal abgestiegen jedoch, wollen die meisten Obdachlosen in Deutschland bleiben. Denn sie wissen, dass Bedürftige in Polen schlechter versorgt sind.
Eigentlich können in Heimen für wohnungslose Ausländer nur maximal für drei Monate unterkommen. Viele Osteuropäer, die keine Arbeit finden, richten sich jedoch über Jahre in den Notstrukturen ein: Sie sammeln Flaschen oder betteln für ein bisschen Geld, essen in der Suppenküche und stellen sich jeden Abend aufs Neue für einen Schlafplatz an.
In Polen gibt es keine Pfandflaschen, mit denen sich im Notfall schnell etwas Geld auftreiben lässt. Die Sozialhilfe liegt bei 160 Euro im Monat, die Mieten haben aber mittlerweile fast deutsches Niveau erreicht. Arbeitslose müssen in Polen überdies mit 1,5 Millionen Ukrainern um Stellen kämpfen. Heime sind in der Regel schmutzig und überbelegt.
Und es herrscht dort striktes Alkoholverbot. Das ist zwar offiziell auch in Berlin so, aber in der Praxis kümmert es in den Heimen oft niemanden. Deshalb zieht die Freizügigkeit Obdachlose in Scharen in die deutsche Hauptstadt. Die Notunterkünfte und ihre Mitarbeiter stehen vor großen Herausforderungen, da die Schlafplätze nicht ausreichen.
Polen schickt jetzt erstmals eigene Sozialarbeiter nach Berlin zur Straßensozialarbeit unter polnischen Obdachlosen. Die Organisation „Barka“ will seit einigen Wochen auch hier, wie in vielen anderen europäischen Städten, polnische Obdachlose von der Straße holen und sie in ein Heim in Polen bringen. Die Organisation hat ihren Sitz in einem kleinen Dorf bei Posen, wo die Obdachlosen mit Landarbeit und ohne Alkohol resozialisiert werden sollen.
Auch in England, den Niederlanden, Irland, Belgien und Frankreich ist die Stiftung aktiv, um gescheiterte Landsleute zurückzuholen. Nur ganz wenige lassen sich jedoch darauf ein, das Leben in Berlin ist viel bequemer.
    Bodo Bost


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