Bitte schön, nicht im Zelt!

02.08.15

Hunderttausende von Asylbewerbern und Flüchtlingen? Kein Grund zur Panik, verkündete gerade Stephan Articus, Geschäftsführer des Deutschen Städtetages. Beim Interessenverband der hiesigen Metropolen ist man überzeugt, dass noch wesentlich mehr aufgenommen werden können. „Wir sind ein Land mit sehr viel Potenzial“, weiß CDU-Mitglied Articus.
Aber bitte schön nicht in Zelten, verlangt Bernd Seiters, Ex-Bundesinnenminister und Präsident des Deutschen Roten Kreuzes. Das wird ab Oktober zu kalt. Natürlich muss dabei auch der gesundheitlichen Versorgung der Flüchtlinge höchste Priorität eingeräumt werden, fordert der Bundesverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP). Professor Michael Krämer, Präsident des BDP, sorgt sich: „Die Zeit drängt, denn Flüchtlinge haben bisher aufgrund gesetzlicher Regelungen nur eingeschränkten Zugang zur medizinischen und psychotherapeutischen Regelversorgung.“
Einen sprachgewandten Übersetzer brauchen sie ebenfalls. Der Bundesverband der Dolmetscher und Übersetzer (BDÜ) hat sich gerade zu Wort gemeldet und den unbekümmerten Einsatz von Laiendolmetschern kritisiert. Ein Übersetzungsfehler könne fatale Folgen haben, wenn es um medizinische und juristische Fragen gehe. Wer mag da schon auf die Kosten schauen. Professionelle BDÜ-Dolmetscher erhalten pro Stunde beispielsweise in Berlin laut Justizvergütungsgesetz 70 Euro, Laienübersetzer nur 13 Euro.
Das Wohl der Asylbewerber liegt vielen Verbänden und Organisationen intensiv am Herzen – besonders denjenigen, deren Mitglieder kräftig von der Situation profitieren können. Nur einer bleibt vom öffentlichkeitswirksamen Besorgtheitsgetöse ausgeschlossen: der betroffene Bürger vor Ort. Ein Mitspracherecht über Flüchtlingsunterkünfte hat er in der Regel nicht. So lässt das Berliner Bezirksamt Neukölln in einer Infobroschüre keine Zweifel über die Machtlosigkeit seiner Bezirksbewohner aufkommen: „Es handelt sich hierbei nicht um eine stadtplanerische Umgestaltung der Wohngegend, sondern um die Durchsetzung von Bundes- und Landesrecht. Der Senat ist gesetzlich verpflichtet, die Obdachlosigkeit von Asylsuchenden und Flüchtlingen zu verhindern.“
In Hamburg zieht ein Team aus zwei Architekten, einem Brandschutzbeauftragten und einer Beamtin durch die Stadt, um  freien Grund auszuspähen. „Parkplätze, Festwiesen, Zirkus- und Grünflächen – grundsätzlich nehmen wir alle Flächen“, verriet Bettina Prott, die zuständige Beamtin in der Sozialbehörde dem „Hamburger Abendblatt“. Die Bewohner der Hansestadt können froh sein, wenn sie überhaupt noch informiert werden. In einem Park im Stadtteil Jenfeld sahen sich die dortigen Bürger von einem Tag auf dem anderen einer Zeltstadt für 800 Menschen gegenüber. Bleibt andernorts Zeit, geplante Notunterkünfte anzukündigen, lässt die Beamtin Prott keinen Zweifel, worum es bei den Veranstaltungen geht: Die Bürger sollen lernen, mit der „neuen Wirklichkeit“ zu leben. „Sie müssen verstehen, dass Flüchtlinge hier dazugehören.“ Falls das Verständnis ausbleibt, steht der Bundesverband der Sicherheitswirtschaft (BDSW) bereit. „Kein ausreichender Schutz für 400000 Flüchtlinge ohne private Sicherheitsdienste“, lautete die Überschrift einer Stellungnahme des Verbandes, in der er generös Bund, Ländern und Behörden seine Dienste anbietet.     Frank Horns


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Kommentare

Thorsten Schmidt:
4.08.2015, 13:47 Uhr

Der ehemalige Bundesinnenminister und heutige Präsident des Deutschen Roten Kreuzes heißt mit Vornamen Rudolf und nicht Bernd.


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