»Blinder Hering« und »bunte Teller«

AGDM lud zum Vortrag über Weihnachtsbräuche ein – Edward Cyfus sprach über ermländische Traditionen

19.12.18
Gehörte zu den Weihnachtsbräuchen des Ermlandes dazu: Weihnachtsbaumschlagen am Morgen des Heiligabend Bild: Archiv

Zu einem Vortrag über „Weih-nachtsbräuche im Ermland“ hatte Ende November die Allensteiner Gesellschaft Deutscher Minderheit (AGDM) in ihren Sitz im Haus Kopernikus eingeladen. Als Referent konnten die Organisatoren Edward Cyfus gewinnen, der selber im südlichen Teil Ermlands aufgewachsen ist und sich seit Jahrzehnten für den Erhalt der ermländischen Kultur und Mundart einsetzt.

Edward Cyfus wurde 1949 in Dorothowo geboren und wuchs in Wartenburg auf. In seiner Familie wurde die ermländische Mundart gesprochen, in der er von 1998 bis 2002 unter dem Pseudonym Wosz Klyjmens (Euer Klemens) bei Radio Allenstein regelmäßig über ermländische Geschichte und Bräuche plauderte. Auf seine Initiative wurde der Bischofsweg in Balden erneuert und das Ermländische im Jahr 2016 in die polnische Liste des nichtmateriellen kulturellen Erbes eingetragen. Wer wäre also besser geeignet, um den Gästen der AGDM die weih-nachtlichen Bräuche des Ermlands näherzubringen? Entsprechend waren die Ausführungen von Cyfus mit Beispielen aus seiner Familie gewürzt.
In der Vorweihnachtszeit hatte lediglich der Nikolaustag eine gewisse Bedeutung, das Feiern konzentrierte sich auf die Weih-nachtstage. An Heiligabend hieß es früh aufstehen, um den Weih-nachtsbaum aus dem Wald zu besorgen. „Das war nicht weit weg, denn die Ermländer bauten so, dass sie ,den Wald am Hintern und das Wasser vor dem Mund‘ hatten. Der Baum wurde gestutzt, auf einem Ständer befestigt und in der Stube aufgestellt – mit einem Eimer Wasser daneben“, betonte Cyfus. Eine wichtige Vorsichtsmaßnahme, da das Haus damals fast vollständig aus Holz bestand.
Auch der Rest des Tages war den Vorbereitungen gewidmet, das Futter für das Vieh wurde bereits gemischt, denn „am ersten Weihnachtstag wurde buchstäblich nichts gemacht, die Hausfrau schälte nicht einmal Kartoffeln“, schmunzelt Cyfus, „der Geruch nach gebratenem Fleisch aus der Küche wurde im Lauf des Tages zur Folter“. Denn an Heiligabend gab es nur Fastengerichte beim frühen Abendessen. Eines davon nannte sich „slepy sledz“, also „blinder Hering“. „Hering wurde bei uns eingesalzen gekauft, filetiert und in einer Marinade aus gekochtem Wasser, Zwiebelscheiben, Piment, Lorbeer, Zucker und Essig einige Tage eingemacht. Blinder Hering ist all das, nur ohne Hering“, erklärt Cyfus.
Danach kam das Baden der gesamten Familie, lediglich mit Kernseife, denn Shampoo gab es keins. Am Ende wurden mit dem Wasser, das sehr viel Seife enthielt, und einem Schrubber die Holzdielen sauber gemacht, damit sie zu Weihnachten schön glänzten. In Schlafanzügen und Nacht-hemden saß dann die Familie am Weihnachtsbaum, jemand sprach ein Gebet, es wurden Weihnachtslieder gesungen. „Ich erinnere mich nicht an bestimmte Lieder. Eins davon wurde auf jeden Fall auf Deutsch gesungen, das war ,Stille Nacht‘“, so Cyfus, „und danach ging die Kinderschar zu Bett.“
Und die Bescherung? Die gab es mit bunten Tellern, mit Süßem und Spielzeug unter dem Christbaum am ersten Weihnachtsfeiertag. Daher standen die Kinder früh auf, aber auch die Erwachsenen. Die wollten nämlich zur ersten Messe in die Kirche – aus gutem Grund. Die Kommunion wurde nur erteilt, wenn man drei Stunden davor nichts gegessen hatte – laut einem der Zuhörer des Vortrags sogar seit Mitternacht – und danach durfte man die leckeren Sachen essen, die an Heiligabend so gut gerochen hatten.
Das Essen war vollständig hausgemacht, gekauft wurde so gut wie nichts. Nach der Hühnerbrühe mit selbstgemachten Nudeln gab es Kartoffeln, Fleisch – das konnte Gans sein, aber auch Schwein, Kalb, selten auch Lamm – und als Beilage unbedingt Schmorkohl. Später bei der Kaffeemahlzeit war Streuselkuchen sehr wichtig, der auch mit Butter bestrichen wurde. Was es nicht gab, waren Hähnchen, panierte Schnitzel oder Bigos, wie er heute üblich ist. „Und es gab keinen Alkohol, keine Flaschen auf dem Tisch, höchstens ein extra nach der Mahlzeit serviertes Gläschen eigener Likör“, ergänzte Cyfus, „wichtiger war Kaffee, der damals als Rarität nur zu besonderen Anlässen getrunken wurde.“
Getafelt wurde auch am zweiten Weihnachtstag, dann aber nicht wie am 25. Dezember im Kreise der engeren Familie, sondern auch mit Gästen und Nachbarn. Die zwei Tage im Glanz der Kerzen am Weihnachtsbaum, von Wunderkerzen und Weihnachtsliedern endeten mit der Abfahrt der Gäste – die jedoch nicht ohne Pakete mit Wegzehrung nach Hause zurückkehren durften.
    Uwe Hahnkamp


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