Bombenerfolg am Pult

1919 begann in Dessau die Karriere eines unvergessenen Dirigenten

22.03.19
Knappertsbusch in Aktion Bild: pa

Vor 100 Jahren kam Hans Knappertsbusch erstmals als Gastdirigent nach Dessau. Er leitete am 17. März 1919 sein erstes Konzert im Alten Theater, dirigierte zwei Tage später die „Meistersinger“ und am 31. März 1919 ein Beethoven- Konzert. Im April 1919 bekrönte er sein Dessauer Debüt an vier Abenden mit Wagners „Ring des Nibelungen“.
Dessau war begeistert. Diesen jungen Dirigenten, der das Orchester zu Höchstleistungen führte, wollte man auf Dauer haben. Doch der Dirigent war noch für vier Jahre vertraglich an Leipzig gebunden. So kam es zum Tauziehen um den aufgehenden Stern am Dirigentenhimmel, an dessen Ende sich Dessau durchsetzte und ihn zum jüngsten deutschen Ge­neralmusikdirektor (GMD) kürte.
Der am 12. März 1888 im heute zu Wuppertal gehörenden Elberfeld geborene Knappertsbusch schlug ein wie eine Bombe. Die Kritiker lobten den jungen Meister in den höchsten Tönen. Das Orchester war von der Persönlichkeit, Sachkenntnis und dem souveränen Dirigat beeindruckt. Er galt sofort als erste Wahl für die freie Stelle des Hofkapellmeisters und wurde mit allen Mitteln umworben. Dessau wollte Knappertsbusch. Zu­erst wurde der Dirigent überzeugt. Dann Leipzig, das ihn schließlich freigab.
Ab Sommer 1919 fungierte Knappertsbusch in der Nachfolge von Friedrich Schneider sowie August Klughardt als jüngster GMD Deutschlands in Dessau, setzte in der Folgezeit neue Akzente in der Wagnerpflege und festigte den internationalen Ruf der Stadt als „Bayreuth des Nordens“. Er erreichte „mit einem Minimum an Aufwand ein Maximum an Wirkung“.
Mitten in diese Phase des Erfolges platzte der Theaterbrand vom 22. Januar 1922, der die Wirkungsstätte von Knappertsbusch und seinem Orchester vernichtete. Die Dessauer Feuerwehr war machtlos. Die Hydranten waren eingefroren. Als Ausweichquartiere wurden zuerst der Kristallpalast und dann der Marstall am Lustgarten genutzt. Doch die eingeschränkten Arbeitsbedingungen machten Knappertsbusch zu schaffen und bewogen ihn, nach München zu wechseln, wo er den bisherigen GMD Bruno Walter ersetzte, der nach England ging.
Der „Magier des Taktstockes“ machte nun so richtig Karriere, hatte Gastspiele in ganz Europa, gab sogar Gastdirigate in der So­wjetunion, und weilte noch mehrfach als Gastdirigent in Dessau, bis ihm die Nationalsozialisten sei­ne Distanz verübelten. Er er­hielt ein Dirigierverbot, erlebte eine berufliche Gratwanderung und wechselte 1936 nach Wien. Später gab er sich angepasst und durfte von Fall zu Fall dirigieren.
1945 gab es ein Missverständnis. Die USA sprachen ein neues Dirigierverbot aus und entschuldigten sich dafür 1948. Knappertsbusch, der inzwischen in zweiter Ehe verheiratet war, kehrte mit Wagners „Walküre“ in die Münchner Staatsoper zurück, triumphierte erneut und startete seine zweite europäische Karriere. Er war wieder der „Magier“ am Dirigentenpult, wofür er noch heute, bald ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod, von vielen Klassikfreunden auch außerhalb Dessaus fast wie ein Heiliger verehrt wird.    Martin Stolzenau/tws


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