Chinahandel über Pillau und Rügen

Der Eisenbahn kommt neben Schiff und Flugzeug eine wachsende Bedeutung für die Neue Seidenstraße zu

26.11.19
Vorletzten Dienstag im Fährhafen Sassnitz- Mukran auf der Insel Rügen:

Der Warenhandel zwischen China und Europa wird hauptsächlich über riesige Containerfrachtschiffe abgewickelt. Als zeitsparende Alternative werden immer öfter auch  Containerzüge eingesetzt. Bei einer neuen Zugverbindung spielen zwei Ostseehäfen eine wichtige Rolle:

Im Hafen Mukran auf Rügen traf am 12. November erstmals ein Frachter mit 41 Containern eines Testzugs aus China ein. Auf die Reise gegangen waren die Container bereits Anfang November in Zentralchina. Dabei führte die Route zunächst quer durch China und dann über 5000 Kilometer durch Russland bis ins Baltikum. Im zur Russischen Föderation gehörenden ostpreußischen Pillau [Baltijsk] wurden die Container schließlich auf einen Frachter verladen, über die Ostsee verschifft und in Mukran erneut mit Hafenkränen auf Züge umgesetzt. Endziel der Containerwaggons mit Konsum- und Industriegütern war schließlich Hamburg.
Obwohl die Fracht auf der 10000 Kilometer langen Strecke aus China dreimal umgeladen wird, stellt die neue Verbindung eine lukrative Alternative zu den bisherigen Angeboten dar. Die Transporte per Schiff dauern im Schnitt 35 bis 40 Tage. Der Containerzug war dagegen von Zentralchina bis zur Insel Rügen nur zwölf Tage unterwegs. Selbst Luftfracht benötigt, bei weitaus höheren Kosten, oft sechs bis sieben Tage. Vor diesem Hintergrund sind in den letzten Jahren eine Reihe von Güterzugverbindungen zwischen China und Europa eingerichtet worden. Etabliert haben sich dabei  drei Hauptrouten: Eine nördliche führt durch die Mongolei und Russland. Ein mittlerer Transportkorridor geht durch das Gebiet Xinjiang im Nordwesten der Volksrepublik nach Kasachstan. Eine südliche Route führt ebenfalls zunächst nach Kasachstan. Von dort geht die Fracht aber über das Kaspische Meer nach Aserbaidschan und dann weiter Richtung Rumänien, Ukraine und Polen.
Als kritischer Punkt vieler Containerzugverbindungen in Richtung Deutschland und Westeuropa gilt der Transportweg über Weißrussland und Polen. Auf dem Grenzbahnhof im weißrussischen Brest-Litowsk müssen die Containerzüge von der russischen Breitspur auf die europäische Normalspur umgestellt werden. Der Bahnhof gilt als Nadelöhr. Auch die Transitwege über polnisches Gebiet sind dem gewachsenen Handelsvolumen offenbar nicht gewachsen. Im Zusammenhang mit der Eröffnung der neuen Containerzugverbindung über Pillau und Mukran sagte Mecklenburg-Vorpommerns Infrastrukturminister Christian Pegel (SPD): „Die Züge stecken in Polen fest.“
Schon die Planungen für den Hafen Mukran in den 1980er Jahren waren von dem Gedanken motiviert gewesen, nicht auf Polen als Transitland angewiesen zu sein. Das Aufkommen der polnischen Gewerkschaftsbewegung „Solidarität“ war dabei nur ein Faktor gewesen, der den letzten Anstoß für die Einrichtung der Fährverbindung gegeben hat. Erste Überlegungen zur Umgehung der polnischen Transitwege waren schon längere Zeit zuvor aufgekommen, weil Schienentransporte auf der Strecke zwischen dem weißrussischen Brest-Litowsk und Frankfurt an der Oder meist tagelang unterwegs waren. Warschau ließ sich die Nutzung seiner Schienenwege zudem auch in harter Währung entlohnen.
Auch ein militärstrategischer Aspekt spielte beim Bau des Fährhafens auf Rügen eine wichtige Rolle. Im Falle einer Zuspitzung des Ost-West-Verhältnisses sollten fünf große Eisenbahnfähren auf der Route Memel–Mukran sicherstellen, dass sowjetische Truppentransporte in die DDR auch ohne einen Transit über polnisches Gebiet erfolgen können.
Als Resultat nimmt Mukran bis heute eine Sonderstellung ein. Auf dem Gebiet der Bundesrepublik ist der Hafen bei Sassnitz der einzige mit Gleisen für die russische Breitspureisenbahn. Mecklenburg-Vorpommerns Infrastrukturminister Pegel schloss nicht aus, dass es künftig auch wieder einen Eisenbahnfährverkehr zwischen Russland und Deutschland über die Ostsee geben könnte.
Der Anbieter der neuen Verbindung über Ostpreußen und Rügen, ein Gemeinschaftsunternehmen der Eisenbahnen Russlands, Weißrusslands und Kasachstans, wickelt bereits seit Längerem in großem Umfang Containertransporte auf dem Landweg ab. Nach Angaben des Unternehmens werden auf dem Bahnweg aus China vor allem Elektronik sowie Computer- und Bürotechnik transportiert. In Richtung Fernost gehen dafür Industrieanlagen, Eisenmetalle, Ersatzteile und auch Autos auf die Reise. Insbesondere die Hersteller hochwertiger Fahrzeuge greifen inzwischen auf den Schienenweg zurück. Dieser macht es möglich, Kunden wesentlich schneller als über den Seeweg zu beliefern.
Beispielsweise nutzt Porsche eine rund 11000 Kilometer lange Bahnverbindung, um seine Sportwagen zu Autohändlern im Südwesten Chinas zu bringen. Auch BMW schickt mittlerweile mehrmals pro Woche Fahrzeugteile per Güterzug in Richtung Fernost.
Für weiter steigendes Transportvolumen könnten künftig Lebensmittelexporte sorgen. Ein Vertreter von Mukran Port in Shanghai teilte unlängst mit, dass eine Genehmigung für den Transport gekühlter Lebensmittel durch Russland bevorsteht. Als Hintergrund dieser Bemühungen wird das Interesse Chinas am Import von Schweinefleisch aus Europa genannt. Das Land hat durch die Ausbreitung der Afrikanischen Schweinepest massive Verluste an seinen Tierbeständen erlitten. Norman Hanert


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Kommentare

Siegfried Hermann:
26.11.2019, 11:39 Uhr

Ich denke Pillau stellt nur die Blaupause dar.
1. Ist das immer noch ein wichtiger Militärhafen. Die Russen werden ein Teufel tun dort in Hordenstärke chinesische "Transportarbeiter" frei rumlaufen zu lassen.
2. Die EU hat aber-Millionen in ein nagelneuen Container-Hafen in Memel investiert und gebaut, der problemlos aus dem Stand die anrollenden Menge umsetzen kann. Den Litauern wäre das sicher genehm, würden dort zahlreiche dauerhafte Arbeitsplätze entstehen.


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