Copernicus hob die Welt aus den Angeln

Die Bewegung der Himmelskörper veränderte das Universum

21.05.18
Nicolaus Copernicus: Denkmal vor dem Allensteiner Schloss Bild: MRK

Nicolaus Copernicus revolutionierte das mittelalterliche Bild von der Welt und leitete durch seine Forschungen ein neues Denken ein. Vor 475 Jahren, am 24. Mai 1543, starb er an seiner Wirkungsstätte im ostpreußischen Frauenburg.

Wohl zwei Jahrzehnte lang hatte Nicolaus Copernicus an dieser Schrift gearbeitet, nun war sie vollendet: „De revolutionibus orbium coelestium“, zu Deutsch: „Über die Umschwünge der Himmelskörper“. Obwohl der Mathematiker und Astronom kurz vor der Vollendung des 70. Lebensjahrs stand, zögerte er, das Werk zu veröffentlichen. Die Erkenntnisse, die er aus seinen astronomischen Berechnungen zog, vertraute er nur wenigen Freunden an. Er fürchtete den Spott seiner Kollegen an den Universitäten. Zu unglaublich waren die „revolutionibus“. Sie widerlegten das ptolemäische Weltbild, an dem noch niemand gerüttelt hatte.
Nach dem griechischen Gelehrten Ptolemäus (100–170 n. Chr.) war die Erde eine feststehende Kugel, das centrum mundi, um das sich alle Himmelskörper, auch die Sonne, bewegten. Die Theorie des Copernicus lautete entgegengesetzt: Die Erde bewegt sich um die Sonne. Damit stellte sich Copernicus nicht nur gegen die vorherrschende wissenschaftliche Lehre, sondern auch gegen die Kirche, welche die von Gott geschaffene Welt als Zentrum des Universums sah.
Wie mochte die römische Kurie darauf reagieren? Zum Vatikan pflegte er die besten Beziehungen. Der Papst hielt viel von dem preußischen Wissenschaftler. An ihn sandte Copernicus eine wohlkalkulierte Bitte. Der Papst möge gestatten, das angekündigte Buch dem Heiligen Vater widmen zu dürfen. Das wurde huldvoll gewährt. Zwei Monate vor Copernicus’ Tod verließ das erste Exemplar quasi unter dem Schutz von Paul III. die Druckerpresse. Copernicus soll es auf seinem Krankenbett noch in den zitternden Händen gehalten haben. Die Schrift kursierte zunächst nur in kleinen wissenschaftlichen Zirkeln. In Kirchenkreisen wurde sie als reine Hypothese, als philosophisches Gedankenspiel angesehen. Mathematiker und Astronomen taten sie als Hirngespinst eines alten Mannes ab.
Als der Sturm der Entrüstung losbrach, eine Hexenjagd auf den „Copernicanismus“, ruhte der Urheber schon lange in seinem Grab im Dom zu Frauenburg. Dem streitbaren Italiener Galileo Galilei (1564–1641/43) war es nach der Erfindung des Teleskops in Holland gelungen, die Theorie seines „großen Meisters“ Copernicus durch Beobachtungen zu beweisen. Er sah, dass Himmelskörper, die Planeten Merkur und Venus, die Sonne umkreisten. Also musste es auch die Erde tun, die ebenso ein Planet war. Nun erkannte die Kirche die Brisanz des neuen heliozentrischen Weltbilds. Passagen aus der Bibel konnten nicht stimmen. Wie sollte Josua (Josua 10,12–14) die Sonne angehalten haben, wenn sie sich gar nicht drehte? Die Menschen waren in ihrem Glauben an Gottes Allmacht und im Vertrauen zur Kirche verunsichert. Galileo wurde wegen Ketzerei der Prozess gemacht. Um dem Tod auf dem Scheiterhaufen zu entkommen, widerrief er, soll aber leise gemurmelt haben: „Und sie bewegt sich doch.“ Die „revolutionibus“ kamen auf den Index der verbotenen Schriften.
Copernicus, der Mann, der nach einem Ausspruch des Philosophen Ludwig Feuerbach „die Menschen um ihren Himmel gebracht“ hatte, wurde am 19. Februar 1473 in Thorn an der Weichsel geboren. Nach dem Schulabschluss eilte er zehn Jahre lang von Universität zu Universität. Er studierte die „Sieben freien Künste“ in Krakau, in Bologna Astronomie und Jurisprudenz, in Padua Medizin, in Ferrara promovierte er in Kirchenrecht.
Geld spielte keine Rolle. Er stammte aus einem reichen Elternhaus. Sein Vater Niklas Kopperigh, latinisiert Nicolaus Copernicus, hatte mit Kupferhandel ein Vermögen verdient. Der Bruder der Mutter war der spätere Fürstbischof und Landesherr des Ermlands Lukas Watzenrode. Er übernahm nach dem frühen Tod des Vaters die Sorge für den zehnjährigen Nicolaus. Ein hohes Amt der Kirche war für den Neffen vorgesehen. Doch damit hatte es Copernicus nicht eilig. Nach weiteren Studienjahren in Rom wurde er von seinem Onkel nach Hause zurückbeordert.
Als Neffe des Landesherrn machte Copernicus eine steile Karriere: Domherr in Frauenburg, Kanzler des Domkapitels, Administrator in der Regierung, Diplomat und Gesandter. Er wirkte mit bei der Reform des preußischen Münzwesens, errechnete einen allgemein gültigen Brotpreis und organisierte die Verteilung verlassener Bauernhöfe ebenso wie die Verteidigung Allensteins gegen den Angriff der Deutschritter. 1514 nahm er als Experte am V. Laterankonzil in Rom teil, wo die Reform des Julianischen Kalenders diskutiert wurde. Noch in seinem 69. Lebensjahr praktizierte er als Arzt.
Das Werk, das die Welt aus den Angeln heben sollte, schrieb Copernicus in einem Turm des Frauenburger Doms, wo er wohnte und sich mit seinen astronomisch-mathematischen Forschungen beschäftigte. Ein Freund, der Bischof Tiedemann Giese, redete ihm zu, das Manuskript der „revolutionibus“ zum Drucken nach Nürnberg zu schicken: 202 Blätter, beidseitig beschrieben in akkurater Schrift. Die Auflage sollte 1000 Exemplare betragen. Der Drucker war überfordert. Das fertige Werk strotzte nur so von Fehlern. Ein Anhang berichtigte die „Errata“. Der wertvolle Autograph blieb erhalten und wechselte mehrfach seinen Besitzer. Er wurde verkauft, vererbt und gelangte Mitte des 17. Jahrhunderts in die Bibliothek der böhmischen Adelsfamilie von Nostiz. Nach 1945 ging er in den Besitz des polnischen Staats über. Er befindet sich heute in der Universität Krakau.
Der genaue Ort im Frauenburger Dom, an dem Copernicus begraben wurde, blieb lange unbekannt. 2004 exhumierten Forensiker seine mutmaßlichen sterblichen Überreste. Die gerichtsmedizinischen Untersuchungen kamen zu dem Schluss, dass es sich bei dem Toten, einem Mann von etwa 70 Jahren, mit hoher Wahrscheinlichkeit um den berühmten Wissenschaftler handele. 2010 wurde er in ein geweihtes Grab gebettet. Auf der Grabplatte ist eine goldene Sonne abgebildet, die sechs Planeten umkreisen.    
    Klaus J. Groth


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Kommentare

Dietrich Venn:
2.06.2018, 21:17 Uhr

Bis heute besteht allerdings das Missverständnis, dass Kopernikus Pole gewesen sei. Das war er aber weder von seiner offensichtlich deutschen Herkunft her noch von seinem politischen Status als Bürger Königlich Preußens. Der polnische König war dort lediglich (vom Papst nicht anerkannt) in Personalunion auch König des autonomen Westpreußens, das sich kurz vor der Geburt von Kopernikus in Thorn gerade vom Deutschen Orden gelöst hatte. Niemand käme auf die Idee, dass ein Pole, der unter der Regentschaft von August dem Starken in Warschau geboren wurde, deshalb dann ein Sachse war. Kopernikus war kein Pole, er war lediglich Untertan des Königs von Polen so wie später Marie Curie Untertanin des Zaren von Rußland.


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