Daimler wird elektrisch

Weltpremiere des ersten Modells der neuen Elektrowagenmarke EQ in Stockholm

18.09.18
In Stockholm präsentierte der Vorstandsvorsitzende der Daimler AG, Dieter Zetsche, ihn der Öffentlichkeit: Der EQC Bild: pa

Experten sprechen von einer Zeitenwende in der deutschen Automobilbranche. In der vergangenen Woche stellte Daimler sein erstes E-Mobil vor, den EQC.

Mit der Weltpremiere des ersten Modells seiner neuen Elektrowagenmarke EQ in Stock­holm habe Daimler eine Aufholjagd eingeläutet, heißt es aus Experten-Kreisen. Auch BMW und Audi wollen mit iNext und Audi e-Tron in Kürze Neuheiten in diesem Marktsegment vorstellen. Und Porsche soll mit dem Taycan zumindest ein neues E-Modell in der Planungsendphase haben.
„Der Stuttgarter Autobauer hat sich viel vorgenommen. Unter dem Dach der Marke EQ soll in den kommenden Jahren eine ganze Produktfamilie vom Kompaktwagen bis zum Luxusauto entstehen. Die Milliarden, die Daimler dafür investiert, sind der Einsatz in einem Spiel, von dem noch keiner so genau sagen kann, wie es ausgehen wird“, schreibt die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“.
„Mit Elektroautos ist es wie mit Windrädern“, hatte Daimler-Chef Dieter Zetsche noch im November 2015 gestöhnt: „Jeder findet die Idee toll, aber keiner will sie vor der eigenen Haustür haben.“ Mittlerweile ist dies ganz anders. „Mit dem EQC als erstem vollelektrischen SUV von Mercedes-Benz legen wir den Schalter um“, erklärte Zetsche gegenüber den „Stuttgarter Nachrichten“. Der Elektroantrieb sei ein wichtiger Baustein der Mobilität der Zukunft. „Daher investieren wir in den nächsten Jahren mehr als zehn Milliarden Euro in neue EQ-Produkte und über eine Milliarde in die Batterieproduktion“, sagte der Daimler-Chef. Vier­einhalb Jahre Entwicklungszeit hat Daimler in den EQC gesteckt. Die Geländelimousine ist das erste Modell der EQ-Reihe, die der Konzern neben den Reihen AMG, Maybach und der Kernmarke Mercedes-Benz etablieren will. EQ soll dabei für „Electric Intelligence“ stehen und „progressiven Luxus“ signalisieren, teilt das Unternehmen mit.
Die Nachfrage nach Stromkarossen sei mittlerweile riesig, „aber die Autohersteller können einfach nicht liefern“, beschreibt das „Handelsblatt“ die Lage. Elektro-Smart und e-Golf seien überall vergriffen. Dass quer durch die Republik gerade einmal 54000 rein mit Strom betriebene Personenkraftwagen rollen, liege längst nicht mehr am Desinteresse der Deutschen, sondern an der geringen Produktion der heimischen Fahrzeughersteller.
„Die Wartezeit für die wenigen erhältlichen Fahrzeuge beträgt mehrere Monate, teilweise sogar ein Jahr. Und im Premiumsegment gibt es zu den Angeboten von Tesla de facto keine Alternative. Der Elektroautopionier düpiert damit seit Jahren die deutschen Edelmarken“, schreibt das Fachblatt weiter.
Bisher dominiert der US-amerikanische Konzern den Elektroauto-Markt. Seit der Gründung im Jahr 2003 hat sich Tesla quasi aus dem Nichts zu einem weltweit führenden Anbieter von rein batterie-elektrischen Personenwagen entwickelt. Mit dem sportlichen Oberklassefahrzeug Model S (seit 2012), dem Luxusgeländewagen Model X (2015) sowie der Limousine Model 3 (2017) hat Tesla derzeit drei Fahrzeuge im Angebot. Im Jahr 2017 erwirtschaftete der Konzern aus Palo Alto mit rund 37500 Mitarbeitern einen Umsatz von 11,8 Milliarden Dollar. Doch zuletzt schrieben mehrere Experten übereinstimmend, dass Tesla dabei sei, seinen strategischen Vorteil zu verspielen. „Es ist noch nicht zu spät“, sagte Autoexperte Stefan Bratzel, der Leiter des Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach, dem „Manager Magazin“. Mit dem EQC und dem, was die anderen deutschen Hersteller im Köcher hätten, wachse ernstzunehmende Konkurrenz für Tesla heran. Die Marktchancen für Daimler und Co. schätzt Bratzel als durchaus gut ein. „Es ist nicht so, dass da schon alle Züge abgefahren sind“, sagt er.
Denn die Probleme beim Marktführer wachsen offenbar. Die „Neue Züricher Zeitung“ berichtete kürzlich von „einem massiven Kapitalbedarf“. Der Geldfluss sei seit Jahren negativ, auf eine Trendwende warten Beobachter bis jetzt vergebens. „Seit dem Jahr 2014 hat Tesla nach Berechnungen der Rating-Agentur Moody’s rund zehn Milliarden Dollar verbrannt, allein 2018 dürften es mindestens zwei Milliarden Dollar werden. Tesla verfehlt regelmäßig seine ambitionierten Ziele und ist chronisch defizitär“, analysiert das Blatt. Nach Steuern betrugen die Verluste demnach in den letzten Jahren jeweils zwischen 770 Millionen und 2,2 Milliarden US-Dollar.
Experten wie Bratzel glauben deshalb, dass deutsche Autobauer wie Audi oder Daimler mit ihren großen finanziellen Mitteln mittelfristig den Markt übernehmen könnten. Den großen Durchbruch der Elektromobilität, verbunden mit entsprechendem Marktwachstum, erwartet Bratzel aber ohnehin erst ab Beginn der 2020er-Jahre – „wenn die wichtigsten Hersteller ihre Modelle auf dem Markt haben, die Ladeinfrastruktur besser ausgebaut und die Regulatorik weiterentwickelt worden ist“, sagte er im Gespräch mit dem „Manager Magazin“. Zudem stünden die Autobauer dann unter dem Druck, schärfere Grenzwerte für den Ausstoß von Kohlendioxid aus Verbrennungsmotoren einhalten zu müssen. Um wirklich umweltfreundlich zu sein, müsste das E-Auto mit zusätzlich produziertem Ökostrom fahren, für dessen Produktion und Transport vom Ostsee-Windpark bis zur Ladesäule gigantische Investitionen erforderlich sind, die man dann auch nicht mehr einfach auf die Stromrechnung der Verbraucher aufschlagen könne.
Für den Verbraucher seien die Ladezeiten und -kapazitäten entscheidend. Daimlers neues Modell soll rund 400 Kilometer ohne Unterbrechung zurückliegen können. Das ist immer noch weniger als die Hälfte eines durchschnittlichen Dieselfahrzeugs.    
    Peter Entinger


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