Das Denkmal und die BRD-Staatsreligion

Eine Posse in drei Akten

14.11.18
Pauschale Verachtung deutscher Soldaten: Fassade in Berlin Bild: pa

Der Blick auf die Geschichte löst sich von Fakten und gefriert zu einer quasi-religiösen Gewissheit. Am Umgang mit Denkmälern lässt sich diese Abkehr von Vernunft und Aufklärung anschaulich ablesen.

Da sitzt der in die Jahre gekommene Aktivist im Campingstuhl neben dem Marburger Deserteursdenkmal vor der ehemaligen Jägerkaserne. Schwer trägt er am Joch, das er sich auf die Schultern gelegt hat. Am einen Ende hängt ein Balkenkreuz (Achtung: Nationalsozialismus), auf der anderen Seite das modifizierte Tatzenkreuz der Bundeswehr.
Ein Kranz der Marburger Linkspartei und mehrere Grablichter sollten am 1. September 2018 das Gedenken an den Kriegsausbruch in das richtige Umfeld rücken. Der Aktivist ist ein ehemaliger evangelischer Pfarrer und hat sie alle mitgemacht, die politischen Moden der BRD: Anti-AKW, Waldsterben, Aufgabe des persönlichen Autos – der Verkaufserlös ging an die Aufforstung des Regenwaldes am Amazonas −, weshalb er nurmehr mit dem Fahrrad unterwegs ist.
Er will mir die baumelnden Kreuze erklären. Als ich ihn frage, warum nicht auch der rote Stern, Hammer und Sichel hier hingen, kommt wie aus der Pistole geschossen, es sei doch wohl Deutschland gewesen, das den Zweiten Weltkrieg vom Zaun gebrochen habe, und zwar mit dem Überfall auf Polen. Vor Erregung springt der Aktivist auf, das Joch fällt samt Kreuzen auf den Boden.
Dass auch die Sowjetunion Polen nur drei Wochen nach dem deutschen Angriff überfallen hat, ist bei diesem selbstgerechten Eiferer, der sich seit seiner Sozialisation in den linkslastigen 70er Jahren für politisch umfassend aufgeklärt hält, schon nicht mehr angekommen. Auch dass bei diesem Geschichtsbild der Part der Sowjetunion kurzerhand von allen Elementen, welche die Alleinschuld der Deutschen relativieren könnten, gereinigt ist, fällt ihm nicht auf. Denn sein Vertrauen in das Projekt der Reeducation ist grenzenlos. Längst ist ihm dabei der „Faschismus“ als das alleinige Erzübel der Zeit zur negativen Religion geworden − eine Erlösung ist da allerdings nicht inbegriffen, das sollte er wissen.
Szenenwechsel: Ort der Handlung eine Woche später, am Tag des offenen Denkmals, ist das Kriegerdenkmal des 11. Kurhessischen Jägerbataillons im Marburger Schülerpark. Das Denkmal wurde 1923 eingeweiht und steht leicht erhöht unter hohen Bäumen. Es ist der Antifa seit Langem ein Dorn im Auge und wurde von ihr bereits x-fach demoliert, die Inschrift abgeschlagen und durch Farbbeutelattacken feinsinnig „kommentiert“.
Etwa 15 Besucher haben sich heute eingefunden, darunter auch der vormalige Leiter des Marburger Kulturamtes. Die meisten der Anwesenden sind leidlich politisierte „Gutbürger“, denen wenige Vertreter eines Vereins gegenüberstehen, der sich den Erhalt des Denkmals auch gegen Widerstände auf die Fahne geschrieben hat.
Aktueller Anlass der bald hochkochenden Emotionen ist ein „Kunstprojekt“ oder das, was die Stadtverwaltung dazu erklärt hat. Da das Jägerdenkmal keinesfalls so für sich stehen bleiben könne, wie ein Anwesender ereifernd erklärt, weil es die deutschen Angriffskriege und Völkermorde verherrliche, müsse − um arglos vorbeispazierende Schüler zu schützen – die Rezeption gebrochen werden. Ein Kunstprojekt soll daher das Denkmal „kommentieren“ und eine militaristische Krieger-Verherrlichung verhindern.
Unter 50 eingereichten Wettbewerbs-Entwürfen wurde dabei ein Entwurf prämiert, den man als „Käfig“ bezeichnen kann, der den Bürgern aber als Sichtblende für einen Perspektivenwechsel verkauft wird. Wir erinnern uns hier an den erzwungenen Perspektivenwechsel für Björn Höcke bei der gewaltsamen Belagerung des Nachbargrundstückes vor seinem Wohnhaus. Das Verfahren ist damit klar: Zum „Kunstprojekt“ umgewidmet, soll eine Attacke ad personam oder wie in diesem Falle auch ad causam legalisiert werden, die unverstellt in Deutschland so (noch) strafbar ist.
Konzeptionelle Zuarbeit leistet hier bei Bedarf eine dritte Gruppe von Akteuren, die in Marburg als „Geschichtswerkstatt“ firmiert. Dieser „Zusammenschluss von Menschen, die sich für die konkrete Geschichte ihres Lebens- und/oder Arbeitsortes interessieren“, pflegt diverse Kooperationen, wie es in zeitgemäßem Neusprech heißt. Das bedeutet, er steht im Austausch mit dem Asta  wie dem örtlichen Kulturzentrum KfZ und berät überdies die Kommunalpolitik in zeitgeschichtlichen Fragen, von zu verlegenden Stolpersteinen bis zum richtigen Umgang mit Denkmälern.
Im Gegenzug bezieht der gemeinnützige Verein finanzielle Unterstützung von der Stadt, mutmaßlich aus den tiefen Töpfen eines „Krampfes gegen rechts“ (Stephan Brandner). So erscheint es dann durchaus logisch, wenn der Lehrstuhlinhaber für Neuere Geschichte an der Universität Marburg im Hörsaal schon einmal die Berliner Bundesregierung dafür lobt, dass sie den deutschen Völkermord an den Hereros und Namas – endlich − anerkannt hat. So setzen sich die Seilschaften, pardon, Kooperationen bis ganz nach oben fort.
Doch zurück zum Tag des offenen Denkmals: Der anfangs gepresst-höfliche Umgang miteinander wird schnell ruppiger, und bald schon prallen die Geschichtsbilder ungepolstert aufeinander. Da werden von den  Gutbürgern verbissen die „Erkenntnisse aus der Geschichte“ hervorgeschleudert, vom deutschen Überfall auf das vorgeblich neutrale Belgien bis zum Massaker von Dinant.
Dass die benannten Belgier im Ersten Weltkrieg „Uniformen“ hatten, die der damaligen Herrenmode stark ähnelten und die damit Freischärlern zum Verwechseln ähnlich sahen oder dass auch Frankreich das neutrale Griechenland überfiel, kommt im Geschichtsbild nicht vor. Übrigens empörte sich schon Otto von Bismarck darüber, dass die Franzosen im Krieg 1870/71, als sich die Niederlage abzeichnete, auch schon auf die genannte „Uniformierung“ zurückgriffen.
Als die Verteidiger des Denkmals daraufhin den australischen Historiker Christopher Clark und sein Opus Magnum „Die Schlafwandler“ in die Diskussion warfen, demzufolge alle Beteiligten schuld am Ausbruch des Ersten Weltkrieges hatten, stößt dies auf schieres Unverständnis. Clark ist ein Häretiker, der von den Anhängern des Schuldkultes nicht einmal zur Kenntnis genommen wird. Der bizarre Streitpunkt, ob es nun Angehörige der Marburger Jäger waren, die am verbrecherischen Feldzug in Deutsch-Südwest in Namibia teilgenommen haben oder ehemalige Jäger und somit Fremdenlegionäre, lässt außerdem völlig außen vor, dass historische Urteile keineswegs ehern sind und sogar der „Spiegel” vom 11. Juni 2016, ein faschistischer Umtriebe bislang eher unverdächtiges Magazin, resümierte, dass von einem Völkermord nicht geprochen werden könne.
Aber politische Wahrheit ist eben nicht historische Wahrheit, zumal wenn die Wahrheit zur quasireligiösen Offenbarung aufgedonnert wird. In der Argumentation der Geschichtstheologen taucht dabei ein alter Bekannter wieder auf, nämlich ein beherztes Am-deutschen-Wesen-soll-die-Welt-genesen. Natürlich fällt auch den Anhängern des deutschen Schuldkultes auf, dass es Kolonialverbrechen, Völkermord et cetera auch bei anderen Kriegsparteien gab und gibt.
Aber wenn wir Deutsche nur lange genug vorbildhaft uns und vor allen Dingen frühere Generationen als ewig schuldig bekennen, werden wir damit zum Vorbild für andere Völker. Ganz verkehrt ist dieser Kokolores dabei nicht einmal, wenn man etwa an den „Sorry Day“ in Australien denkt, der an den Völkermord an den Aboriginees erinnern soll. Tatsächlich gibt es hierfür sehr alte Vorläufer. In der Frühzeit des Christentums machte ihm der dualistische Mani-Kult Konkurrenz, der in seiner Blütezeit Anhänger von China bis zum dänischen König hatte.
Diese Offenbarungsreligion hatte allerdings eine entscheidende Schwäche: Erlösung winkte − salopp gesagt − nur den Angehörigen des Lichtreiches, während die Bewohner des Dunkelreiches sich abstrampeln konnten, wie sie wollten, an eine Erlösung war für sie nicht zu denken. Zwar hielt sich dieser rüde Kult etliche Jahrhunderte. Doch die unerquickliche Situation für die allermeisten seiner Anhänger ließ diese Religion irgendwann sang- und klanglos untergehen. Das macht Hoffnung, dass auch der deutsche Schuldkult, trotz Ritualen und mächtiger Seilschaften, nicht auf ewig attraktiv bleiben dürfte.
    Lars Keiser


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