Das Eigentor der Eiferer

Schrille Proteste gegen die Schweiz lenken das Rampenlicht auf die Lage der Christen in der Türkei

09.12.09

In der Türkei haben einige Kommentatoren die religiöse Toleranz im eigenen Land hinterfragt. Eine lange Geschichte von bis heute währender Diskriminierung, von Verboten und Vertreibung kam so erneut ans Tageslicht.

Das Signal konnte kaum zu einem passenderen Zeitpunkt gesetzt werden. Am 3. Dezember verkündete die neue EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann, dass es ab 2010 einen kirchenoffiziellen Gedenktag für verfolgte Christen in aller Welt geben werde. An die bedrängten Glaubensgenossen sollen die 22 Landeskirchen alljährlich am Kirchensonntag Reminiscere („Gedenket“) erinnern, der 2010 auf den 28. Februar fällt.
Als Bischöfin Käßmann den Beschluss verkündete, war die Schweizer Volksabstimmung zum Minarett-Bauverbot erst wenige Tage alt. Die Debatte über das für viele überraschende Resultat führte bald zu der Frage, welche Auswirkungen die Schweizer Entscheidung auf die christlichen Minderheiten in islamisch dominierten Ländern zeitigen würde. In der Annahme, dass nur Wohlverhalten der eigenen Seite zu Wohlverhalten der anderen führen könne, kam die Antwort manchem schnell über die Lippen: „Gerade für Christen in der muslimischen Welt ist dieser Volksentscheid das falsche Signal“, fürchtet Holger Nollmann, Leiter der „Evangelischen Kirche deutscher Sprache“ in Istanbul gegenüber dem „Spiegel“.
Aus den Reihen der alteingesessenen griechisch-orthodoxen Gemeinde am Bosporus sind hingegen ganz andere Töne zu hören. Nein, das Schweizer Votum könne der innertürkischen Debatte über die mangelnde Religionsfreiheit im Land sogar neuen Schwung geben, hofft man am Sitz des Patriarchats von Konstantinopel. Die Hoffnung wird genährt von türkischen Medien. In den ersten Stunden und Tagen nach dem Referendum gaben sie noch die Speerspitze der schrillen Attacken gegen die Schweiz. Bald jedoch mischten sich (für dortige Verhältnisse) auffallend selbstkritische Töne in die Diskussion: Wie es denn mit Religionsfreiheit und religiöser Toleranz in der Türkei selbst stehe, fragten einige Kommentatoren.
Genau das fragten sich bald auch deutsche Beobachter und befassten sich in lange nicht gekannter Schärfe mit dem Schick-sal christlicher Minderheiten in der Türkei in Vergangenheit und Gegenwart. Wobei „Minderheiten“ historisch gesehen sogar ein zweifelhafter Begriff ist. Das evangelische „Sonntagsblatt“ aus Bayern erinnert daran, dass 1914 noch fast jeder zweite Einwohner von Istanbul einer christlichen Kirche angehört habe, in der gesamten Türkei sei immerhin noch jeder Fünfte Christ gewesen. Heute liege ihr Anteil sowohl in Istanbul als auch in Anatolien bei unter einem Prozent.
Die Diskriminierung der christlichen Gemeinden ist vielfältig und allem Anschein nach langfristig auf deren Auslöschung gerichtet. So dürfen ausländische Priester in der Türkei nicht offiziell praktizieren, weshalb beispielsweise Holger Nollmann offiziell als Mitarbeiter der deutschen Botschaft geführt werden muss.
Andererseits dürfen selbst die angestammten Griechisch-Orthodoxen auch keine Geistlichen mehr im Lande selbst ausbilden. 1971 hat die türkische Regierung das einzige griechisch-orthodoxe Priesterseminar der Türkei auf der Insel Chalki geschlossen. Zahlreiche christliche Sakralbauten sind bis heute beschlagnahmt und werden absichtlich dem Verfall preisgegeben.
Christliche Mission bleibt verboten, selbst ein gewöhnliches christliches Straßenfest sei undenkbar, wie Holger Nollmann berichtet. Der Neubau von Kirchen (auch ohne Turm) ist nach wie vor praktisch unmöglich. Eine Reform von 2003 sollte (auf Druck der EU) den christlichen Gemeinden zwar den Status einer Stiftung einräumen, damit sie Immobilien erwerben und neue Kirchen bauen könnten. Doch in der Praxis wird die Reform auf der unteren und mittleren Verwaltungsebene vollständig blockiert, ohne dass die Regierung in Ankara etwas dagegen unternimmt. Dies erhärtet den Verdacht, dass es der türkischen Führung bei dem vermeintlichen Entgegenkommen lediglich um Kosmetik ging, um (wie jetzt im Falle der Schweiz) Maximalforderungen an die christlichen Länder stellen zu können.
So gesehen haben sich die religiös intoleranten Führungen der Türkei und anderer muslimischer Länder einen Bärendienst erwiesen mit ihren Anwürfen gegen die Schweiz, denn dadurch ist ihr doppeltes Spiel ins Rampenlicht gerückt worden. Der Publizist Henryk M. Broder brachte den Unmut, der hierbei zutage trat, auf den Punkt: Ihn störe vor allem die „Asymmetrie“, nach der Muslime in Europa selbst bei den ungeeignetsten Anlässen gegen vermeintliche Einschränkungen ihrer Religionsfreiheit auf die Barrikaden gingen, während in den muslimischen Ländern jene Freiheit mit Füßen getreten werde.
Ayaan Hirsi Ali, niederländische Politikerin somalisch-muslimischer Herkunft, sieht in dem Missstand den Ausweis substantieller Unterschiede zwischen Islam und Christentum. Der Islam sei „mehr“ als eine gewöhnliche Religion wie das Christentum: „Er schreibt eine ganze Lebensart vor“, analysiert sie in der „Welt am Sonntag“ und beschreibt den Islam als eine weit ins Politische ragende Religion. Damit wäre auch erklärt, warum es den politischen Führungen islamischer Staaten so schwer fällt, vom Islam abweichende Religionen in ihrem Einflussgebiet als gleichberechtigt zu dulden.                       
                               l

Hans Hecke


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