Das erste Treffen der »Großen Drei«

Auf der Konferenz von Teheran vor 75 Jahren ging es außer um die Kriegführung auch um die Nachkriegsordnung

03.12.18
Während der Teheran-Konferenz: Franklin D. Roosevelt, Winston Churchill und Josef Stalin auf der Dinner Party im viktorianischen Salon der britischen Botschaft in Persien aus Anlass des 69. Ge­burts­tags des britischen Premierministers Bild: Getty

Zwischen Dezember 1941 und Februar 1945 verständigten sich die Führungsmächte der Anti-Hitler-Koalition auf 15 größeren Kriegskonferenzen. Dabei stellte das Gipfeltreffen in Teheran vor 75 Jahren insofern eine Zäsur dar, als es erstmals zum persönlichen Zusammentreffen der „Großen Drei“ Stalin, Churchill und Roosevelt kam und darüber hinaus nun auch die Probleme des kommenden Friedens nach dem Sieg über Deutschland stärker in den Vordergrund zu rücken begannen.

Ende 1943 gab die militärische Lage den Alliierten durchaus Anlass zu Optimismus. Sowjetische Großoffensiven an der Ostfront hatten zu erheblichen Geländegewinnen geführt, die deutschen U-Boot-Rudel im Nordatlantik erzielten immer geringere Versenkungserfolge, Italien war auf die eigene Seite übergewechselt, angloamerikanische Truppen standen sowohl auf Sizilien als auch auf der Apenninen-Halbinsel und schließlich musste das japanische Kaiserreich seine Hauptverteidigungslinie gegen die USA bis zu den Marianen und Westkarolinen zurückverlegen. Aus diesem Grunde lag es nahe, nicht nur über weitere militärische Maßnahmen, sondern auch über die politische Zukunft der Kriegsgegner in der Zeit nach dem Sieg zu beraten. Diesem Zweck dienten die Konferenz von Kairo vom 22. bis 26. November 1943, in der er es vor allem um das Schicksal Japans ging, und anschließend die von Teheran.
Die Metropole im Iran eignete sich insofern perfekt als Tagungsort, als das Land seit August 1941 unter sowjetischer und britischer Besatzung stand. Trotzdem hatten vorher Josef Stalin, Winston Churchill und Franklin D. Roosevelt intensiv darüber diskutiert, wo ihr erstes persönliches Zusammentreffen stattfinden solle. Im Gespräch gewesen waren auch ein Kreuzer im Mittelmeer, die türkische Hauptstadt Ankara, Habanija bei Bagdad und Asmara in Eritrea. Am Ende konnte sich jedoch Stalin mit seinem Vorschlag durchsetzen, woraufhin ihm gleich noch ein zweiter Coup gelang. Unter Verweis auf angebliche Attentats­pläne der deutschen Abwehr überredete der Kreml-Chef den US-Präsidenten unmittelbar vor Beginn der Konferenz am 28. November 1943 dazu, im Gästehaus der sowjetischen Botschaft zu wohnen statt in der abgelegenen und schwerer zu sichernden US-amerikanischen Vertretung. Das verschaffte dem in Teheran mit 3000 Mann präsenten sowjetischen Geheimdienst NKWD die Möglichkeit, sämtliche internen Gespräche der US-Delegation abzuhören und Stalin jeden Morgen über deren Inhalt in Kenntnis zu setzen. Bis heute wird darüber gerätselt, warum Roosevelt derart fahrlässig handelte – vielleicht sollte dies eine vertrauensbildende Maßnahme gegenüber Stalin sein, der ständig befürchtete, von seinen westlichen Partnern hintergangen zu werden, vielleicht war es aber auch nur Ausdruck seiner Naivität gegenüber dem sowjetischen Diktator.
Der militärische Teil der Besprechungen endete am 30. November, dem 69. Geburtstag des britischen Premierministers Chur­chill, und zwar sehr zur Zufriedenheit Stalins. Endlich hatte er eine konkrete Zusage in der Tasche, was das mehrfach versprochene angloamerikanische Landungsunternehmen in Frankreich betraf. Dessen Beginn wurde nun verbindlich auf den Mai 1944 festgesetzt. Zugleich konnte der sowjetische Diktator die Pläne Churchills durchkreuzen, auch im östlichen Mittelmeer und auf dem Balkan Offensiven zu starten. Naheliegenderweise war ihm klar, dass es dem Engländer darum ging, die Region, in der schon viele kommunistische Partisanen operierten, nicht zu einem Hinterhof der UdSSR werden zu lassen. Stalins Verhandlungserfolg in dieser Frage resultierte nicht zuletzt aus der mangelnden Unterstützung Churchills durch Roosevelt. Dem war es augenscheinlich wichtiger, sich das Wohlwollen des roten Diktators zu sichern, damit dieser später in den Krieg gegen Japan eintrete und an der Verwirklichung seiner Nachkriegs-Visionen in der Tradition seines Vorgängers Woodrow Wilson mitwirke. Dafür nahm der US-Präsident sogar eine mehrfache Brüs­kierung seines Verbündeten Churchill in Kauf. So zum Beispiel, als Stalin den Premierminister provokant fragte, ob er die Russen betrügen wolle, und später sehr zum Missfallen Churchills wodkaselig die summarische Erschießung von 50000 bis 100000 deutschen Offizieren ohne jedwedes Gerichtsverfahren anregte. In dieser Situation versuchte Roosevelt, scheinbar humorvoll zu schlichten, indem er einwarf, man könne sich ja bestimmt auch mit 49000 Exekutionen zufrieden geben.
Hinsichtlich der Zukunft Deutschlands bestanden zwischen den „Großen Drei“ in den weiteren Beratungen, die bis zum 1. Dezember 1943 andauerten, anfänglich ebenfalls Differenzen, die aber durch diverse Kompromisse überwunden wurden. Während Roosevelt den Plan entwickelte, Deutschland in fünf autonome Einzelstaaten zu zerstückeln, plädierte Churchill dafür, die süddeutschen Staaten von Preußen abzutrennen und an eine „Donau-Konföderation“ anzuschließen. Stalin wiederum wollte verhindern, dass Deutschland sich nach dem Kriege militärisch wie wirtschaftlich erholt und verlangte daher ähnlich wie Roosevelt eine maximale Zersplitterung sowie strengste Strafen und Kontrollen. Am Ende delegierten die Verhandlungsführer die Lösung des Problems kurzerhand an die European Advisory Commission (EAC, Beratendes Komitee für Europa), einen von den Außenministern der „Großen Drei“ eingesetzten diplomatischen Ausschuss mit Sitz in London.
Was Polen anging, wollte Stalin das sogenannte Ostpolen behalten, das Polen nach dem Gewinn des Polnisch-Sowjetischen Krieges 1921 annektiert und die Sowjetunion sich nach dem deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrag 1939 zurückgeholt hatte. Für den erzwungenen Verzicht auf das mehrheitlich nicht von Polen bewohnte „Ostpolen“ sollte Polen mit einem großen Teil des ebenfalls mehrheitlich nicht von Polen bewohnten Ostdeutschland entschädigt werden, was auf eine neue Westgrenze Polens im Bereich der Oder hinauslief. Nach kurzem Sträuben gaben Churchill und Roosevelt ihr Einverständnis.
Wenn Polen nach Westen rücke und „dabei auf einige deutsche Zehen tritt“, meinte der britische Premier, dann „kann man das nicht ändern“. Gleichermaßen anerkannten die beiden Angelsachsen noch einmal Stalins Ansprüche auf den nördlichen Teil Ostpreußens einschließlich Königsberg und bestätigten damit die Beschlüsse der Außenminister der UdSSR, Großbritanniens und der Vereinigten Staaten auf deren Mos­­kauer Treffen vom 19. bis 30. Oktober des Jahres.
Trotz persönlicher Animositäten und zutage getretener Meinungsunterschiede in wichtigen Sachfragen markierte die Konferenz von Teheran einen kurzen Höhepunkt des weitgehenden Einvernehmens zwischen den Führungsmächten der Anti-Hitler-Koalition. Dabei offenbarte sie aber zugleich, dass dauerhafte Harmonie zwischen den drei Großmächten im Bereich des Illusorischen lag. Insofern gehörte das Treffen mit zu den entscheidenden Schritten hin auf dem Weg zum späteren Kalten Krieg.        
    Wolfgang Kaufmann


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Kommentare

Lutz Schnelle:
3.12.2018, 12:49 Uhr

Stalin hat übrigens nicht auf einer Teilung Deutschlands bestanden. Das waren unsere Freunde, die Alliierten.
Stalins sagte übrignes auch, daß er sich Deutschland nicht ohne die Deutschen vorstellen könne.

Das letzte Zitat stammt aus einem Buch über die Irrtümer des 3. Reichs von Friedemann Bedürftig, das erste aus dem Sachbuch "Wendemanöver" des hervorragenden Journalisten Ferndinand Kroh. Das Buch gehört zum brisantesten der Nachkriegsgeschichte, und nimmt man alles zusammen, dann ist die EU ein gelenktes Produkt aus Kulturmarxismus und Faschismus. Perfekt.


Albert Nola:
3.12.2018, 11:16 Uhr

"Bis heute wird darüber gerätselt, warum Roosevelt derart fahrlässig handelte ...vielleicht war es aber auch nur Ausdruck seiner Naivität gegenüber dem sowjetischen Diktator." Roosevelt war todkrank und hasste Deutschland und die Deutschen. Die schlauen Kommunisten sind Meister der Lüge, sind schlimmer als die Nazis und keiner sagt was.


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