Das Kurhaus Leba wie es war

Herrliche Lage in wundervoller Dünenlandschaft, aber immer Naturgewalten ausgesetzt

01.03.19
Bild Sammlung Nitschke

Maximilian  Clemens Heinrich Nitschke wurde am 17. November 1865 in Rützow, Kreis Körlin/Kolberg als eines von 10 Kindern des Pastors Heinrich Ernst Nitschke geboren. Er wurde Landwirt und bekam aufgrund guter Zeugnisse und Empfehlungen am 1. April 1891 die selbstständige Administratorenstelle auf dem Gut Neuhoff bei Leba. Am 30.11.1894 heiratete er Luise Hermine Marie Fick aus Leba. Von Neuhoff aus gründete er die Molkereigenossenschaft in Leba und setzte sich maßgeblich für den Bau der Eisenbahnverbindung nach Leba ein. Er hatte ein glückliches Händchen und den dazugehörigen Geschäftssinn. Eins seiner erfolgreichsten Projekte war das Kurhaus in Leba, einst erbaut von dem Architekten Walter Kern aus Breslau für den Auftraggeber Herbert von Massow. 

Das Kurhaus wurde am 23.9.1907 eröffnet. Für den Bau wurden vorzugsweise Kalksandsteinziegel aus dem Werk in Langeböse verwendet, das Herbert von Massow gehörte. Der Bau kostete etwa 150.000 Reichsmark.

Nach dem Bau der Ostmole an der Hafeneinfahrt um die Jahrhundertwende wurde der Strand vor dem Kurhaus zunehmend durch die Brandung abgetragen. Vermutlich waren veränderte Strömungsverhältnisse die Ursache dafür. Bei einem Sturm am 6. Februar 1911 wurde die Kurhausdüne schließlich erheblich unterspült. Am 28. Februar 1911 besichtigten mehrere hohe Beamte die Schäden, unter ihnen der Oberpräsident von Pommern, Freiherr von Maltzahn. Der Hotelbetrieb sollte wegen der möglichen Einsturzgefährdung des Hauses eingestellt werden.

Da erwarb Maximilian Nitschke das Haus auf Abbruch und kaufte einen Tag später das dazugehörende Grundstück von Herbert von Massow. Er ließ eine Betonmauer hinter einer Gründung aus Kiefernpfählen am Fuß der Kurhausdüne bauen. Hinter diesem Schutz wurde die Düne wieder aufgeschüttet und bepflanzt. Nach dem Erwerb des dazugehörenden Mobiliars wurde das Kurhaus zur Saison 1912 wieder eröffnet. 

Maximilian Nitschke war stark am Lebaer Genossenschaftswesen beteiligt. Er zählte zu den Gründern der Raiffeisen-Kasse, der ländlichen Spar- und Darlehenskasse, der Villenbaugenossenschaft sowie der gemeinnützigen Warmbadegenossenschaft und war bei allen längere Zeit Vorsitzender. Er war außerdem Vorsitzender des Aufsichtsrats der Viehgenossenschaft, Stadtverordneter und Kirchenvertreter. 1928 gründete er die Pommersche Segelflugschule in den Lontzkedünen.

Immer wieder gefährdeten Sturmfluten das Gebäude. Eine mehrere Tage andauernde, schwere Sturmflut, die „Silvesterflut“ von 1913, erreichte in der Neujahrsnacht zu 1914 ihren Höhepunkt und richtete entlang der pommerschen und mecklenburgischen Ostseeküste schwere Verwüstungen an. Das Wasser der Ostsee wurde durch die Mündung der Leba in die Straßen der Stadt gedrückt. Die beiden Badeanstalten, die am Strand neben dem Kurhaus gestanden hatten, wurden vollständig zerstört. Zwischen dem 9. und 11. Januar 1914 brach die Kurhausdüne hinter der neuen Betonmauer ab und wurde fortgespült. Umliegende Güter hatten Fuhrwerke und Menschen zur Hilfe geschickt. Das Mobiliar wurde in Sicherheit gebracht. Viele Männer Lebas halfen, von den Nebendünen Sandsäcke  heranzuschaffen, um damit das Kurhaus zu schützen.

Erneut wurde das Kurhaus baupolizeilich geschlossen und sollte abgerissen werden. Nach schwierigen Verhandlungen und Begutachtungen wurde festgestellt, dass das Gebäude selbst keine Schäden davongetragen hatte. Die Kurhausdüne wurde nun weiter befestigt. Die stehen gebliebene Betonmauer wurde nach beiden Seiten verlängert und verstärkt. Über mehrere Monate wurde von 40 Arbeitern mit einer Lorenbahn Sand zur Auffüllung der Düne herangefahren und eingebaut. Pfingsten 1914 konnte das Kurhaus wieder eröffnet werden.

Die Saison 1914 war natürlich durch den Kriegsbeginn überschattet. Viele Badegäste blieben aus und der Eisenbahnverkehr zwischen Lauenburg und Leba wurde zeitweise eingestellt.

Von der kriegsbedingten Lebensmittelknappheit war in Leba kaum etwas zu bemerken. Ein Gemüsegarten und zwei Karpfenteiche auf dem Gut Schönehr, das auch im Besitz Nitschkes war, sicherten die Versorgung der Hotelgäste. Kühe und Geflügel auf dem gepachteten Wiesengut Rumbke sowie Fischerei- und Jagdpachten kamen hinzu. Das reichliche, gute Essen trug erheblich zur Beliebtheit des Kurhauses in Leba bei.

Das Kurhaus war ursprünglich nur für den Sommerbetrieb geplant und hatte keine Heizung. Erst 1934 wurde in die privaten Räume, die Winterküche, das Winterlokal und einige Fremdenzimmer eine Zentralheizung installiert.

Zu den Gästen des Hauses sollen Max Schmeling mit Anny Ondra, der österreichische Bundeskanzler Dollfuß, Reichsinnenminister Frick, der Danziger Senatspräsident Dr. Sahm, der Tiefseetaucher Hans Hass und der Afrikaforscher Hans Schomburgk gehört haben. Gustav Gründgens drehte im Sommer 1938 am Kurhaus eine Verfilmung des Romans „Effi Briest“.

Nach dem Beginn des Krieges 1939 ging der Sommerbetrieb im Kurhaus zunächst weiter. Ab 1941 wurde das Kurhaus als Gästehaus für die Raketenversuchsstation Rumbke beschlagnahmt und der öffentliche Restaurantbetrieb musste eingestellt werden. Ingenieure von Rheinmetall-Borsig und Offiziere bewohnten das Kurhaus.

Das Kurhaus Leba wurde von der Familie Nitschke von 1912 bis Januar 1945 bewirtschaftet.

Am 28. Januar 1945 verließen Maximilian Nitschke und seine Frau Luise, lediglich mit ihrem Handgepäck versehen, das Kurhaus. Sie flohen mit einem Autokonvoi der Raketenversuchsstelle Rumbke vor der drohenden Einkesselung Hinterpommerns durch die Sowjets. Maximilian Nitschke starb am 22. März 1946 in Perleberg, seine Frau kurze Zeit später in der Nähe von Lübeck.

Leba wurde am 10. März 1945 von sowjetischen Truppen besetzt und in der üblichen Weise geplündert. Bereits drei Monate zuvor war das Kurhaus vollständig geschlossen worden, vermutlich unterlag es dann ab März 1945 einer vollständigen Ausplünderung. Zwischen Mai und August 1945 wurde in Leba eine polnische Zivilverwaltung etabliert, die gewaltsame Vertreibung der verbliebenen Deutschen begann. Das Kurhaus, wie auch das Vermögen der übrigen Vertriebenen, wurde durch den polnischen Staat konfisziert. Vertreibung, Plünderungen und Konfiszierung von privatem Eigentum wurden durch die sogenannten Bierut-Dekrete von 1946 straffrei gestellt. Dies wurde 2008 durch den EU-Gerichtshof als rechtmäßig bezeichnet. Ab 1946 wurde das Kurhaus als Erholungsheim unter dem Namen „Baltyk“ benutzt, bis es 1990 an einen Privatunternehmer verkauft wurde. Seitdem wird es unter dem Namen „Neptun“ als Hotel bewirtschaftet. Heutzutage ist es wieder ein repräsentatives Hotel, das durch seine besondere Lage direkt am Ostseestrand und der imponierenden Dünenlandschaft von Leba am Slowinzischen Nationalpark viele Besucher anzieht. Möge man ihnen die wahre Geschichte des Hauses vermitteln.

Brigitte Stramm
nach Aufzeichnungen der Familie Nitschke


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