Das Regime war besiegt

Erinnerung an den 9. November 1989 – Von Vera Lengsfeld

09.11.14
Bild: action press

Am Morgen des 9. November 1989 stand ich nach anderthalbjähriger Abwesenheit aus der DDR morgens auf der Westseite vor der Passkontrolle des Grenzübergangs Berlin-Friedrichstraße. Der Posten schaute abwechselnd ratlos in meinen DDR-Pass und auf den Bildschirm seines Computers. Keine Ahnung, ob er sich an die sogenannte Liebknecht-Luxemburg-Affäre des Jahres 1988 erinnerte, in deren Verlauf führende Bürgerrechtler der DDR direkt aus dem Stasiknast Hohenschönhausen in den Westen abgeschoben worden waren. Einige davon mit DDR-Pass und der Zusicherung, nach einer bestimmten Zeit wieder in die DDR zurückkehren zu dürfen. Es war, wie wir nach der Stasiaktenöffnung erfuhren, ein Maßnahmenplan der Staatssicherheit, um die Bürgerrechtsbewegung der DDR entscheidend zu schwächen. Nun war ich wieder da, aber man wollte mich nicht zurückhaben.
Schließlich forderte der Posten mich auf, in einen Nebenraum zu kommen, damit mein komplizierter Fall geklärt werden könne, ohne den weiteren Grenzverkehr zu behindern. Ich weigerte mich jedoch, meinen Platz vor dem Schalter zu verlassen und betonte, dass ich nur in eine Richtung gehen würde: nach Ostberlin.

Wollen Sie mehr kritische Berichterstattung? Dann abonnieren Sie die Printausgabe der PAZ

 Hinter mir hatte sich eine lange Schlange von Rentnern gebildet. Einige fingen laut an zu murren. Als der Unmut einen vorläufigen Höhepunkt erreichte, drehte ich mich um und hielt eine kurze Ansprache. Ich stellte mich vor, sagte, dass meine Papiere in Ordnung seien, dass man mich aber nicht in die DDR einreisen lassen wolle. Da rief eine Stimme ganz hinten: „Reinlassen!“, eine zweite schloss sich an, und beim dritten Mal, waren es schon alle: „Reinlassen, Reinlassen!“
Der Posten hämmerte immer hektischer auf seiner Tastatur herum. Gleichzeitig hatte er den Telefonhörer ans Ohr geklemmt und sprach ununterbrochen hinein. Schließlich knallte er mir mit einem „Gehn’se, gehn’se!“ meinen Pass hin.
Als ich auf der anderen Seite stand und die berüchtigte eiserne Tür hinter mir zufiel, bekam ich einen Schreck. Was hatte ich getan? Warum war ich freiwillig ins Gefängnis zurückgekehrt? Der Bahnhof sah so trist aus wie eh und je. In der Luft hing der vertraute Geruch nach Braunkohlensmog. Von den aufregenden Montagsdemonstrationen, den angeblichen Veränderungen, war hier erst mal nichts zu spüren.
Aber als ich aus dem Bahnhof trat, sah ich das Schaufenster der Deutschen Bücherstube in der Berliner Friedrichstraße, die gefüllt war mit Büchern, die verramscht werden sollten, darunter „Reden und Aufsätze“ von Erich Honecker, „Ausgewählte Reden und Aufsätze“ von Harry Tisch, Erich Mielke und anderen Politbüromitgliedern. Die Auswahl begleitete ein Schild: „Alles umsonst.“

Möchten Sie uns vorher besser kennenlernen? Dann wählen Sie unser Probe- oder Schnupperabo!

 Ich schüttelte mein Unbehagen ab und machte mich auf den Weg zum Polizeipräsidium am Alexanderplatz, um ein Ausreisevisum zu beantragen. Schließlich waren meine Kinder noch in Cambridge, wohin ich zurückkehren wollte. Allerdings wollte ich vorher klären, ob mein vor einem Jahr wegen „pazifistischer Plattformbildung“ aus der Berliner Carl- von-Ossietzky-Schule relegierter Sohn und seine Freunde wieder die Schule besuchen dürften. Im Polizeipräsidium hielt man mich bis zum späten Nachmittag fest. Immerhin las ich währenddessen in der „Berliner Zeitung“, dass es in der Stadt Smog gab. Das war neu. Jahrelang hieß Smog „Inversionswetterlage“ oder „Hochnebel“. Es hatte sich also doch etwas geändert. Und ich bekam sogar mein Visum.
Als ich endlich in meiner Wohnung am Pankower Amalienpark eintraf, erkannte ich mein Zuhause nicht wieder. Meine Bücher lagen zerrissen auf dem Boden, die Bettwäsche war zerfetzt, das Geschirr zerschlagen, die Möbel zerbrochen. Ich stand bis zu den Knien in den Trümmern meiner früheren Existenz. Ich hielt das nicht aus und ging zu Bekannten, die in der Nähe wohnten.
Hier sah ich beim Abendbrot die Pressekonferenz von Günter Schabowski. Wir sahen, wie ihm von links ein Zettel gereicht wurde, den er stirnrunzelnd studierte, ehe er verkündete, dass ab sofort allen DDR-Bürgern ein Pass mitsamt Ausreisevisum zu gewähren sei. Dass diese bedeutende Mitteilung nicht vom zuständigen Innenminister gemacht wurde, erschien uns in diesem Moment nicht allzu verwunderlich. Wir sahen die Journalisten zu den Telefonen rennen, dachten aber dennoch nicht an so dramatische Folgen. Wir waren mit der Frage beschäftigt, wie es in der DDR weitergehen sollte. Wir machten uns auf zu Christa Wolf, einer bekannten Schriftstellerin, um sie zu fragen, ob sie nicht Präsidentin der DDR werden wolle. Christa Wolf erklärte uns nicht für verrückt, sondern ließ uns ausrichten, sie fühle sich gesundheitlich nicht dazu in der Lage. Sie hätte vor zwei Tagen einen Herzanfall erlitten und müsse sich schonen.
Wieder auf der Straße, sahen wir zwei junge Männer jubelnd herumtanzen. Als sie uns sahen, riefen sie uns zu, eben sei die Mauer an der Bornholmer Straße gefallen. Wir fuhren sofort hin, es war keine zwei Kilometer entfernt. Als wir an der Bornholmer Brücke ankamen, wälzte sich schon ein dicker Strom Menschen über die eben noch todbringende Grenze.
Die Grenzsoldaten standen zu Salzsäulen erstarrt an der Wand. In ihren Knopflöchern und unter den Schulterstücken steckten Blumen. Jeder hatte eine Flasche Wein, Sekt oder Bier in beiden Händen, aus denen sie aber nicht tranken.
Ich stellte mich vor den Ranghöchsten, sah ihm ins versteinerte Gesicht und fragte ihn, wie er sich jetzt fühle. Als ich keine Antwort bekam, ließ ich mich im Menschenstrom über die Brücke treiben. Der erste klare Gedanke war: Mist, du hast den besten Teil des Tages auf dem Polizeipräsidium verbracht, um ein Visum zu bekommen, das du nicht mehr brauchst. Auf der anderen Seite der Brücke hielt ein Linienbus. Der Fahrer ließ so viele Fahrgäste einsteigen, wie der Bus fassen konnte, und fuhr sie zum Sightseeing durch ganz Westberlin.
Trotz durchwachter Nacht stand ich am anderen Morgen vor dem Volksbildungsministerium. Ich hatte meinem Sohn versprochen, dort in Erfahrung zu bringen, ob die Schüler wieder an die Schule zurückkehren dürften. Die Ministerin sei nicht zur Arbeit erschienen, erklärte mir der Pförtner ungefragt. Aber Frau Honeckers Staatssekretär sei da. Ich wurde ohne Umschweife in das Büro der Volksbildungsministerin vorgelassen. Man war devot, denn in mir vermutete man die neue Macht. Man versicherte mir, das Ministerium habe von den Vorgängen an der Ossietzky-Schule nichts gewusst. Andernfalls hätte man die Relegierung natürlich verhindert. Das Ganze sei eine Entscheidung auf Berliner Ebene gewesen.
Also ging ich zum Roten Rathaus, wo man mich schon erwartete. Man bedauerte auch dort, man habe von der Ossietzky-Affäre nichts gewusst, sonst hätte man sie verhindert. Die Entscheidung sei im Stadtbezirk gefallen, dorthin müsste ich mich wenden. Ich hatte nicht vor, noch eine Behörde aufzusuchen. Ich forderte, dass alle relegierten Ossietzky-Schüler am nächsten Tag wieder in die Schule gehen dürften und dass die Wiederaufnahme dort erfolgt, wo die Relegierung im Oktober 1988 stattgefunden hatte: in der Aula der Schule, vor der Schulvollversammlung. Ich würde das Rote Rathaus nicht eher verlassen, bis meine Forderung erfüllt worden sei. Es dauerte nicht lang, da versicherte man mir, es würde alles so geschehen, wie ich es wünschte.
Am nächsten Tag saßen die relegierten Schüler mit ihren Eltern in der ersten Reihe der Aula der Ossietzky-Schule und wurden von dem Direktor, der sie gefeuert hatte, feierlich wieder aufgenommen.
Erst da war das Glücksgefühl überwältigend. Ich wusste, wir hatten das Regime besiegt.

 

Die PAZ-Autorin Vera Lengsfeld war seit den 1970er Jahren in der Opposition gegen das SED-Regime aktiv und seitdem Mitorganisatorin aller wichtigen Veranstaltungen der Friedens- und Umweltbewegung der DDR. Im Jahre 1988 wurde sie wegen „Versuchter Zusammenrottung“ verhaftet und nach einem Monat in den Westen abgeschoben. Am Morgen des 9. November 1989 in die DDR zurückgekehrt, wurde sie Mitglied der ersten und zugleich letzten frei gewählten Volkskammer. Von 1990 bis 2005 gehörte sie dem Deutschen Bundestag an. In ihrem Beitrag schildert sie, wie sie diesen denkwürdigen „Tag der Deutschen“ erlebte, auf den sie so lange hingearbeitet hatte.


Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie die PAZ mit einer Anerkennungszahlung.


Drucken


Kommentare

Hans-Joachim Nehring:
9.11.2014, 21:20 Uhr

Unser Volk hat nun den Tag des Mauerfalls am 9.November 1989 nun doch als wichtigsten Tag auf dem Weg zur deutschen Einheit gewürdigt. Die Ballonkette in Berlin und die Menschenmenge am Brandenburger Tor zum 25. Jahrestag waren ein gutes Argument dafür. Der entscheidende Unterschied der Einigung des Landes gegenüber der Reichsgründung 1871 am 18.Januar 1871 in Versailles bestand darin, dass eine friedliche Revolution das Symbol der Unfreiheit in Berlin,die Schandmauer, zum Einsturz brachte. Die Betonung liegt auf "Einigung in Frieden und Freiheit". Kein Nachbarvolk wurde gedemütigt und der Eiserne Vorhang in Europa zerrissen. Das macht diesen Tag zum besonderen Tag nicht nur in Deutschland.


Andreas Müller:
9.11.2014, 12:05 Uhr

Ich bin abends von der Arbeit gekommen und die Nachbarn haben gerufen: In Wedding ist die Mauer auf!!! Bin dann zur Bornholmer Straße mit Freunden mit sixpack Moet und Kasten Schultheiß gefahren.
Das war wie auf einem großen fröhlichen Volksfest,
mitten in der Nacht,
es floß Ströme von Sekt und Champus, keine Ahnung woher der in sooo großen Mengen kam.
Wildfremde Menschen, vom Punker bis zum Banker!!!. lagen sich glückseelig in den Armen und tanzen vor sich hin. Andere hämmerten an der Mauer, später bekannt als Mauerspechte, die Ost-Grenzer schritten NUR ein, als die Menge unwissenlich über das Minenfeld wollte. Alliierte und West-Polizei hab ich keine gesehen.
Irgendwie absolut surreal für damalige Verhältnisse.
Die ham dort die ganze Nacht durchgefeiert!!! Gegen mittags war ich zur Arbeit, ca. 500m entfernt von der Bornholmer und immer noch am Feiern. grins.
Um 3.00 Uhr war ich wieder zuhause, konnte praktisch kein Auge zu machen und bin um 10.00 Uhr mit meiner Freundin zum Brandenburger Tor. Da war mittlerweile ein Loch drin, haufenweise Westberliner in Feierlaune vor und auf der Mauer und begrüßten jeden Trabbi mit großen Applaus, der durch die Mauer kam. Die Arbeit ist an den Tag praktisch ausgefallen, das Feiern nahm kein Ende.

Nur eine Gruppe gucke mürrisch und missmutig, gar ablehnd dem Treiben entgegen. Unsere unverzichtbaren Talente und GRÜNEN.

Abends gab´s am SO-36, Heinrichplatz, (wir waren im Elefanten Weisse schlürfen) die erste spontane ANTI-OSSI-Demo mit " NIE wieder DEUTSCHLAND-Rufe! Ossi Raus!" von den linken Spinnern, GRÜNEN, AntiFanten, Türken und Arabs.
Die wurde im Keim durch die Massen an ost-Deutschen- UND westdeutschen Bürgern sofort erstickt mit Rufen:" Deutschland gehört UNS!" "WIR sind das VOLK"!
Von den us-gekauften und gesteuerten Medien war da nix von zu lesen, die linke, reaktionär-stalinistische taz schrieb von "...Neonazis, Ewiggestrigen und verwirten Ostdeutschen, die sich in der "Demokratie" erst finden müssen..."
Kein Wort zu den üblichen Ausschreitungen der linken Chaoten und rassistischen Gegrölle der "integrierten" Vorzeige-Türken, Araber und Schwarzen. "Scheiß Deutschland!, Verpiß euch Ossis!....Das hier ist Türkei!" (D-B-Kreuzberg wohl gemerkt!!!
Seitdem habe ich das taz-Abo gekündigt und sehe unsere Gäste sehr kritisch an!
West-POLITIKER habe ich ERST dann gesehen, als das deutsche VOLK, schon Tatsachen geschaffen hatte und die Ost-Grenzer nix unternahmen,
ESRT DANN ließ sich Momper und Konsorten auf eine eilig aufgebaute Bühne blicken und hinterließ seine üblich verlogene Schleimspur... und ließ sich feiern, statt in der ERSTE Reihe zu stehen, wo es hätte knallen könnte...
Ergo.
Die Eigeninitative und der Improvationswille der Deutschen Bürger, OHNE diese verlogenen Politelite, gibt Hoffnung auf das baldige Ende des aktuell kollabrierenden Weltfinanzsystem und anschließenden politischen Aufständen und Umwälzungen und die Befreiung Deutschlands von der Besatzung und Fremdherrschaft.


Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld
*
*
*

CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz


*
 

Da Kommentare manuell freigeschaltet werden müssen, erscheint Ihr Kommentar möglicherweise erst am folgenden Werktag.
Sollte der Kommentar nach längerer Zeit nicht erscheinen, laden Sie bitte in Ihrem Browser diese Seite neu!

 
 

Die Preußische Allgemeine Zeitung – die deutsche Wochenzeitung für Politik, Kultur und Wirtschaft. Die PAZ spricht eine geschichtsbewusste Leserschaft an und vertritt den Gedanken einer deutschen Leitkultur. Preußisch korrekt statt politisch korrekt – die PAZ berichtet über Themen, die andere Wochenzeitungen lieber verschweigen. Unsere preußisch-wertkonservative Berichterstattung bietet Ihnen einen ungeschönten Blick auf das Zeitgeschehen und Woche für Woche Orientierung in der Flut oft belangloser Nachrichten. In ihren Kommentaren legt die PAZ den Maßstab preußischer Tugenden im besten Sinne an. Abonnieren auch Sie die Preußische Allgemeine Zeitung und lesen Sie wöchentlich tiefgründige Berichte von A wie Ahnenforschung, über B wie Bismarck, O wie Ostpreußen in Geschichte und Gegenwart, W wie Wochenrückblick bis Z wie Zweiter Weltkrieg. Kritisch. Konstruktiv. Klartext für Deutschland.