Der Fahnder mit dem Mikroskop

Robert Koch entschlüsselte die verborgene Welt der Bakterien

17.12.18
In Kimberley, Süd-Afrika: Robert Koch arbeitet in seinem Labor Bild: Wellcome Library

Robert Koch machte das Unsicht-bare sichtbar. Sein Name steht für große Pionierleistungen in der Medizingeschichte. Er steht aber auch für zerstörte Hoffnungen. Vor 175 Jahren, am 11. Dezember 1843, wurde der Mikrobiologe und Mediziner Robert Koch geboren.

Zwei Ergebnisse der Forschung Robert Kochs machen sein Le-benswerk einmalig: die Kultivie-rung des Milzbranderregers au-ßerhalb eines Organismus und die Entdeckung des Erregers der Tuberkulose.
Milzbrand war ein großes Problem. Immer wieder wurden Viehherden von der tödlichen Seuche befallen. Zwar war der Erreger 1849 entdeckt worden, aber einen Nachweis für den Zusammenhang von Bakterium und Seuche gab es nicht. Den lieferte 1876 Koch, nachdem er den Erreger außerhalb des Körpers gezüchtet und beobachtet hatte. Damit konnte er auch erklären, warum das Vieh auf bestimmten Weiden immer wieder befallen wurde. Der Erreger lebt auch in den Kadavern fort.
Seine Versuche mit Tuberkelbakterien nahm Koch 1881 auf. Landläufig wurde die Tuberkulose als Schwindsucht bezeichnet. Im südlichen Europa war man schon länger überzeugt, die Krankheit werde durch Ansteckung übertragen, im Norden bezweifelte man das. Erst gegen Mitte des 19. Jahrhunderts änderten sich die Ansichten. Aber Nachweise gab es nicht. Koch machte sich auf die Suche nach dem Erreger. Versuche mit Nährböden schlugen immer wieder fehl. Nichts, keine Spur. Koch ahnte nicht, dass den Erreger eine wächserne Schicht umgibt, die eine Einfärbung verhindert. Doch der Fahnder am Mikroskop war geduldig. Er veränderte die Methoden zur Einfärbung seiner Objekte – und hatte beim 271. Ansatz endlich Erfolg. Er entdeckte den Erreger der Tuberkulose. Im März 1882 stellte er seine Entdeckung vor, im Juni 1882 ernannte ihn Kaiser Wilhelm I. zum Geheimen Regierungsrat.
Die kaiserliche Auszeichnung war allzu verständlich. Jeder siebte Deutsche starb damals an der Schwindsucht. Ohne Kenntnis des Erregers wusste man nicht, wie man die Krankheit bekämpfen sollte. Nun waren die Tuberkelbakterien erkannt als Verursacher vieler Krankheiten. Viele unterschiedene Krankheiten – ein Erreger, das ließ auf ein Wundermittel hoffen. Und hatte nicht Koch nachgewiesen, dass die Bazillen durch den Auswurf über-tragen werden, also durch den Husten von Kranken mit offener Lungentuberkulose? Wenn das erst einmal erkannt ist, sei es auch nicht mehr weit, bis es ein Heilmittel gebe.
1890 glaubte der Molekularbiologe, dies langersehnte Heilmittel gefunden zu haben. Er stellte es auf dem „Zehnten Internationalen Medizinischen Kongress“ in Berlin vor. Dazu war das Zelt des Circus Renz gemietet worden. Koch nannte das Mittel „Tuberkulin“. Wissenschaft und Laien reagierten wie auf eine Zauberformel. Koch verriet nicht, welche Wirkstoffe das Medikament enthielt, aber man vertraute auf den renommierten Namen des großen Forschers.
Die Fachwelt jubelte. Koch erhielt für seine bahnbrechende Entdeckung das Großkreuz des Roten Adlerordens. Die Anerkennung konnte nicht größer sein. Allerdings verübelte man ihm den Versuch, durch das Mittel ein vermögender Mann zu werden, schließlich hatte er in einem staatlichen Institut geforscht. Auf 4,5 Millionen Mark schätzte er den Ertrag aus einem eigenen Institut.
Die hochfliegenden Pläne zerplatzten. Immer häufiger wurde über Misserfolge und Todesfälle nach der Behandlung mit Tuberkulin berichtet. Anfangs tat man das noch ab, schließlich wurde das Medikament vornehmlich bei besonders schwer erkrankten Patienten eingesetzt. Dann aber wies der Pathologe Rudolf Virchow nach, dass bei untersuchten Toten die Tuberkelbakterien durch das Tuberkulin keineswegs abgetötet, sondern eher noch stimuliert worden waren. Nun musste Koch die Mixtur seines Wundermittels erklären – und konnte es nicht. Der Tuberkulin-Skandal erschütterte 1891 nicht nur Deutschland. Koch wurde bewusste Täuschung vorgeworfen. Wahrscheinlich war das nicht der Fall, Koch hatte sich selbst getäuscht, seine Versuche nicht ausreichend dokumentiert und überprüft. Solche Methoden wurden erst nach dem Tuberkulin-Skandal allgemeingültig.
Früh schon hatte der junge Robert Koch die Welt durch das Mikroskop entdeckt. Sein Großvater hatte ihn damit vertraut gemacht, ebenso mit der aufkommenden Fotografie. Beides bestimmte sein Forscherleben. Geboren am 11. Dezember 1843 in Clausthal im Harz, wuchs der spätere Mediziner behütet heran. Er war das dritte Kind von insgesamt 13, die seine Mutter zur Welt brachte. Der Vater war Steiger, stieg aber bald zum Geheimen Bergrat auf. Sohn Robert konnte bereits als Vierjähriger Lesen und Schreiben, als Siebenjähriger besuchte er ein Gymnasium. In Göttingen studierte er Medizin, nach nur vier Jahren promovierte er. Der junge Arzt suchte seinen Weg, arbeitete in Krankenhäusern und als Landarzt in verschiedenen Gemeinden. Nach einem freiwilligen Jahr im Deutsch-Französischen Krieg wurde er Amtsarzt und Kreisphysikus in der Provinz Posen. Nebenher führte er eine private Praxis – und forschte mit dem Mikroskop. Seiner Entdeckung zum Milzbrand verdankte er 1880 die Berufung an das Kaiserliche Gesundheitsamt in Berlin, fünf Jahre später wechselte er als Professor an die Berliner Universität, 1891 übernahm er das Institut für Infektionskrankheiten in Berlin.
Unter dem Tuberkulin-Skandal hatte das Ansehen Kochs gelitten, er hielt es für angebracht, eine Weile nach Ägypten abzutauchen. Eine Bitte, dort und in Indien eine Cholera-Expedition wissenschaftlich zu leiten, kam ihm gelegen. Dort gemachte Erfahrungen setzte er bei der Choleraepidemie in Hamburg ein. Als die Briten ihn baten, in Südafrika die Rinderpest zu erforschen, war er dabei. Forschungsreisen nach Ostafrika, Java, Neuguinea und Uganda folgten. Er unterbrach diese Reisen lediglich 1905, um den Medizin-Nobelpreis anzunehmen. Anschließend ging er auf Weltreise.
1910 waren die Kräfte aufge-braucht. Mehrfach hatte er sich mit Tropenkrankheiten infiziert. Er starb am 27. Mai 1910 in einem Sanatorium in Baden-Baden.
    Klaus J. Groth


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