Der Klang zwischen den Meeren

Lyriker auf Platt in der preußischen Provinz Schleswig-Holstein – Zum 200. Geburtstag von Klaus J. Groth

26.04.19
Meister der Niederdeutschen Sprache: Klaus J. Groth Bild: Nationalgalerie der Staatlichen Museen zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz/Andres Kilger

Theodor Storm aus Husum und Thomas Mann aus Lübeck – diese beiden fallen einem zuerst ein, wenn man an bedeutende Autoren denkt, die aus dem Land zwischen Nord- und Ostsee stammen. Der aus Dithmarschen stammende Lyriker Klaus J. Groth ist dagegen außerhalb seiner Heimat eher unbekannt. Dabei gilt er ne­ben Fritz Reuter als Hauptvertreter der niederdeutschen Sprache.

Heimatexperten sehen in Groth den Begründer der neuniederdeutschen Dichtung im 19. Jahrhundert. Denn er orientierte sich an Mundartdichtern wie Johann Peter Hebel in Süddeutschland, erlangte mit seiner Ausprägung des poetischen Realismus die Be­deutung von Zeitgenossen wie Detlef von Liliencron, Eduard Mörike sowie Theodor Storm und erhielt sogar zusammen mit Theo­dor Fontane 1890 den begehrten Schillerpreis.
Wegen der Klangschönheiten des Niederdeutschen in seinen Gedichten bewog es Komponisten wie Johannes Brahms zu einer Fülle von Vertonungen. Zuletzt sorgte der Kirchenmusiker Ernst Pepping mit seinem Liederzyklus „As ik hier dit Jahr weer“ für eine moderne Vertonung.
Der am 24. April 1819 in Heide in der Region Dithmarschen im Herzogtum Holstein geborene Müllersohn strebte eigentlich ei­ne Lehrerkarriere an. Aber der Schuldienst überforderte den kränklichen jungen Mann. Nach einem Zusammenbruch – heute würde man sagen: Burnout – nahm er sich eine Auszeit auf der Insel Fehmarn.
Groth begann in seinem Refugium mit der Schriftstellerei, quittierte 1849 den Schuldienst und vertraute für die Zukunft ganz auf seine Dichtkunst. Dabei setzte er mit großer Heimatliebe auf das „Dithmarscher Platt“, das nur noch von einfachen Leuten ge­sprochen wurde und vom Hochdeutschen verdrängt worden war.
Doch mit den Versepen des „Quickborn“ durchbrach Groth alle Bedenken und Vorbehalte. Nach deren Veröffentlichung 1852 folgten binnen Kurzem mehrere Nachauflagen, die für Bekanntheit und Einnahmen sorgten. Groth konnte fortan als freischaffender Schriftsteller leben, brachte 1854 als hochdeutsche Ergänzung die Gedichtsammlung „Hundert Blätter“ heraus und verfasste zusätzlich niederdeutsche Prosa. Er verarbeitete dabei mit der Musikalität seiner Sprache die Lebens- und Gefühlswelt seiner Heimatregion in einem Reigen, der Ge­fühlsweichheit, Weltschmerz und auch einen „gütigen Humor“ beinhaltet.
Das überzeugte eine wachsende Leserschaft über Norddeutschland hinaus und wirkte vorbildhaft auf andere Schriftstellerkollegen bis hin nach Flandern. Mit diesem Erfolg ließ er sich dauerhaft in Kiel nieder, wo er ein offenes Haus unterhielt und mit dem Germanisten Karl Müllenhoff Regeln für die niederdeutsche Rechtschreibung erarbeitete.
Mehr noch: Der aufstrebende Dichter erhielt 1855 ein Stipendium des dänischen Königs, un­ternahm damit eine Studienreise über Hamburg hinaus bis nach Bonn und pflegte dort bei einem längeren Aufenthalt einen regen Gedankenaustausch mit anderen Geistesgrößen. Das reichte von Ernst Moritz Arndt über den Staatsmann Friedrich Christoph Dahlmann und den Philologen Fried­rich Gottlieb Welcker bis zu den Komponisten Carl Reinecke und Johannes Brahms, mit dem er in der Folge befreundet war.
Dazu gesellte sich im Gefolge der Bonner Anerkennung 1856 die Verleihung einer Ehrendoktorwürde durch die Friedrich-Wilhelms-Universität. Auf dieser Grundlage habilitierte er sich 1858 an der Kieler Universität.
Doch seine Hoffnungen auf eine akademische Professorenkarriere erfüllten sich nicht. 1859 heiratete Groth Doris Fincke, gründete mit ihr im Kieler Schwanenweg einen bürgerlichen Salon, der musik- und geistesinteressierte Kieler Bürger und Geistesgrößen, die in Kiel weilten, anzog. Darunter waren klangvolle Namen wie die Komponisten Eugen d‘Albert, Johannes Brahms und Clara Schumann oder die Konzertmeister Hans von Bülow und Joseph Joachim.
Parallel gab es weitere Veröffentlichungen mit seinen hoch-und niederdeutschen Texten und einen Streit mit dem niederdeutschen Schriftsteller Fritz Reuter, dem er wegen dessen „schwankhaften Derbheiten“ eine unangemessene „Abwertung der niederdeutschen Sprache und Kultur“ vorwarf.
Bevor seine Heimat 1867 zur preußischen Provinz Schleswig-Holstein wurde, war er durch den österreichischen Statthalter in Holstein zum Honorarprofessor erhoben worden. Dazu leistete er sich mit seiner Frau Reisen nach England und in die Niederlande. 1875 begründete der musikalische Dichter mit Gesinnungsfreunden das erste Schleswig-Holsteinische Musikfest in Kiel, dem bis 1914 noch sieben Wiederholungen folgten. Alles schien für ihn bestens zu sein.
Aber dann folgten nach 1878 zwei Schicksalsschläge, die ihn tief erschütterten. Das waren der Tod seiner Frau und seines Sohnes. Von diesem Schmerz suchte er Trost auf Reisen nach Italien und in die Schweiz. Dazu wuchs mit der Herausbildung der Heimatbewegung in Deutschland das Ansehen von Groth. 1893 kam die Herausgabe seiner „Gesammelten Werke“, die eine große Verbreitung fanden. Dem trugen auch die Städte Heide und Kiel Rechnung. Sie erhoben den Dichter zum 80. Geburtstag zum Ehrenbürger. Wenige Wochen später starb Groth am 1. Juni 1899 in Kiel.
Seine letzte Ruhe fand er auf dem Kieler Südfriedhof. Am Standort seines Wohnhauses steht jetzt ein Krankenhaus mit dem bezeichnenden Namen „Quick­born“ und mit einem Gedenkstein am Eingang. Inzwischen gibt es in vielen Orten Norddeutschlands Straßen und Schulen mit seinem Namen. In Heide pflegen eine „Klaus-Groth-Gesellschaft“ und ein „Klaus-Groth-Museum“ die Erinnerung an ihn. Seinen Nachlass bewahrt die Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek in Kiel. Ab 1981 erschien eine aktuelle Ausgabe seiner Werke.
    Martin Stolzenau


Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie die PAZ mit einer Anerkennungszahlung.


Drucken


Kommentare

Keine Kommentare


Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld
*
*
*

CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz


*
 

Da Kommentare manuell freigeschaltet werden müssen, erscheint Ihr Kommentar möglicherweise erst am folgenden Werktag.
Sollte der Kommentar nach längerer Zeit nicht erscheinen, laden Sie bitte in Ihrem Browser diese Seite neu!

 
 

Die Preußische Allgemeine Zeitung – die deutsche Wochenzeitung für Politik, Kultur und Wirtschaft. Die PAZ spricht eine geschichtsbewusste Leserschaft an und vertritt den Gedanken einer deutschen Leitkultur. Preußisch korrekt statt politisch korrekt – die PAZ berichtet über Themen, die andere Wochenzeitungen lieber verschweigen. Unsere preußisch-wertkonservative Berichterstattung bietet Ihnen einen ungeschönten Blick auf das Zeitgeschehen und Woche für Woche Orientierung in der Flut oft belangloser Nachrichten. In ihren Kommentaren legt die PAZ den Maßstab preußischer Tugenden im besten Sinne an. Abonnieren auch Sie die Preußische Allgemeine Zeitung und lesen Sie wöchentlich tiefgründige Berichte von A wie Ahnenforschung, über B wie Bismarck, O wie Ostpreußen in Geschichte und Gegenwart, W wie Wochenrückblick bis Z wie Zweiter Weltkrieg. Kritisch. Konstruktiv. Klartext für Deutschland.