Der Mann mit dem Schal geht

Schlussvorstellung für Dieter Kosslick bei der Berlinale – Festivalleiter hört nach 18 Jahren auf

22.02.19
Völlig fertig: Jonas Dassler als Frauenmörder Fritz Honka in „Der goldene Handschuh“ Bild: Gordon Timpen/Warner Bros.

„Das Private ist politisch“ – unter diesem 68er-Motto findet die letzte Berlinale unter Dieter Kosslicks Leitung statt. Das passt gut: Der scheidende Festivalchef hat schon immer den filmischen Main­stream abgelehnt, dafür aber den politischen Mainstream geteilt. Dieses Mal propagiert er Themen wie Diversität oder Geschlechtergerechtigkeit, die ganz dem derzeit herrschenden politischen Geschmack entsprechen.

Ein Hauch von Abschiedsstimmung weht dieses Jahr über den roten Teppich des Berlinale-Palastes. Nach 18 Jahren Festspielleitung ist Schluss für Dieter Kosslick. Sein Vertrag wurde nicht verlängert. Seit 2001 steht der gebürtige Pforzheimer dem größten deutschen Filmfest als Direktor vor und ist mit seinem schwarzen Hut und roten Schal zum Gesicht des Festivals geworden.
Dennoch bröckelte der Rück­halt in der Filmbranche zusehends. Unter seiner Ägide sei die Berlinale mit durchschnittlich 400 Filmen ausgeufert, gegenüber Cannes mit 130 und Venedig mit 80 Produktionen. Da stelle sich Beliebigkeit ein. Vor allem der Wettbewerb gelte mit einer Mischung aus unerheblichem Starkino und diffus politischem Film als der mit Abstand schwächste unter den drei großen Filmfestspielen.
Vor knapp anderthalb Jahren hatten daher 79 Künstler, darunter Prominente wie Maren Ade und Fatih Akin, in einem offenen Brief gefordert, das Festival auf Augenhöhe mit Cannes und Venedig in die Zukunft zu führen. Das sollen im nächsten Jahr nun die Nachfolger Carlo Chatrian, bisher Künstlerischer Leiter des Filmfestivals von Lo­carno, als künstlerischer Direktor und Mariette Rissenbeek, seit 2010 Geschäftsführerin von German Films, der Interessensvertretung deutscher Kino- und Fernsehproduktionen im Ausland, als alleinhaftende Geschäftsführerin richten.
Sehr intensiv habe er betrieben, den deutschen Film „wieder auf die Plattform zu heben“, kontert Kosslick. Mit „Perspektive deutsches Kino“ sei eine eigene Reihe aufgemacht worden, die viele junge Menschen zur Berlinale gebracht habe.
Offen bleibt, ob es so etwas wie eine Staffelübergabe geben wird. Ja, bestätigte der 70-Jährige auf der Programmpressekonferenz, er werde einmal mit seinen Nachfolgern auf dem roten Teppich stehen. „Ich komme doch aus Köln“, schmunzelte er in gewohnter Manier, „da wird der Schlüssel übergeben an Karneval.“ Und dabei solle man sehen, dass das „in Freundschaft“ ge­schieht. Ein Satz, der gleich wieder Spekulationen nährt.
Gewiss wird Kosslick in den nächsten Tagen gefeiert und ge­würdigt wie nie zuvor. Doch jetzt heißt es erst einmal, Kosslicks letzte Berlinale über die Bühne zu bringen. Inhaltlich steht das Filmfestival in diesem Jahr unter dem Motto: „Das Private ist politisch“. Viele Filme kursieren um das Thema Familie, die Suche nach Geborgenheit, Diversität, wie sie etwa Lone Scherfigs Eröffnungsfilm „The Kindness of Strangers“ über eine Mutter mit zwei Kindern in New York repräsentiert.
Insgesamt 17 Filme konkurrieren um den Goldenen und die Silbernen Bären. Unter den deutschen Beiträgen ist Fatih Akin mit seiner Verfilmung von Heinz Strunks Roman „Der goldene Handschuh“ über Fritz Honka, den berühmt-berüchtigten Hamburger Serienmörder aus den 70er Jahren. Insgesamt werden dieses Jahr 400 Filme (15 mehr als im Vorjahr) gezeigt, die aus 7861 Einreichungen ausgewählt wurden. 400 Filme in zehn Tagen (am elften, dem Publikumstag, werden nur Wiederholungen gezeigt), das macht genau 40 Filme pro Tag. Das deutsche Kino macht dabei mit 109 Produktionen mehr als ein Viertel aus.
Auch die MeToo-Sexismus-Debatte und die Bestrebung um mehr Diversität im Film würden, so Kosslick, weiterhin von der Berlinale unterstützt: Sieben von insgesamt 17 Wettbewerbsfilmen sind von Regisseurinnen realisiert worden, obwohl nur ein Drittel aller eingereichten Filme von Frauen inszeniert wurde. Der Wettbewerb versucht also auch in diesem Jahr zumindest mit der Kuratierung mehr Geschlechtergerechtigkeit in der männerdominierten Regie-Szene herzustellen.
Dem Vorbild Venedigs folgend wird die Berlinale auch Netflix-Produktion wie „Elisa y Marcela“ im Wettbewerb zeigen. Man will Filme, „die für das Kino geeignet sind“, auch künftig in der Bären-Konkurrenz zulassen. Festivals und Kinos müssten ihr Verhältnis zu den Streamingproduzenten neu überdenken, so Kosslick.
Dass die Berlinale ein Publikumsfestival ist, ein Alleinstellungsmerkmal gegenüber anderen Festivals, wird Kosslick nicht müde zu betonen. Auch wenn die Berliner Berlinale-Fans in diesem Jahr in eine saure Zitrone beißen müssen: Die Kartenpreise erhöhen sich von zwölf auf 13 Euro. Das ist ein Punkt, über den der Festivalchef nicht so gern spricht. Es sei ein „behutsamer Anstieg“, rechtfertigt er sich, die Tickets seien immer noch billiger als auf anderen Festivals. Und man habe sich zu der Preiserhöhung „nicht leichten Herzens“ entschlossen. „Aber es bleibt einem nicht viel übrig, wenn man weniger Geld hat als vorher.“
Hollywoodglanz wird in diesem Jahr nur sporadisch auf dem roten Teppich funkeln – mangels US-Produktionen: Der britische Hollywoodstar Christian Bale ist einer der wenigen Weltstars, die dieses Jahr auf der Berlinale zu Gast sein werden. In „Vice – der zweite Mann“ von Adam McKay, einer von sechs Filmen, die außer Konkurrenz im Wettbewerb laufen, spielt er den ehemaligen US-Vizepräsidenten Dick Cheney. Bale, der für seine Darstellung bereits einen Golden Globe er­hielt, darf übernächsten Sonntag bei der Oscarverleihung noch auf den Preis als bester Hauptdarsteller hoffen.
Neben deutschen Schauspielgrößen wie Lars Eidinger oder Franz Rogowski werden auch die Briten Bill Nighy und Tilda Swinton und natürlich Charlotte Ramp­ling erwartet. Die Schottin erhält dabei den Ehrenbären. Musikfans kommen ebenfalls auf ihre Kosten: „Die Toten Hosen“, über die eine Dokumentation gezeigt wird, sind ebenso dabei wie die in China äußerst populäre Teenager-Gruppe „The Fighting Boys“. Starglanz bringt auch die französische Schauspielerin Ju­liette Binoche als Präsidentin der Internationalen Jury.
Die Berlinale ist eines der wichtigsten Ereignisse der internationalen Filmindustrie. Nahezu 20000 Fachbesucher aus 124 Ländern, darunter etwa 4000 Journalisten, akkreditieren sich jedes Jahr. Doch die Konkurrenz um Stars und große Filme hat sich verschärft. Die Branche befindet sich im Angesicht von Netflix & Co und veränderter Sehgewohnheiten zunehmend unter Druck. Da sind neue Impulse gefragt, und so werden die Nachfolger von Festivalchef Kosslick auch die Zukunft des Kinos neu gestalten müssen, damit Berlin ideen- und filmreif bleibt.    Andreas Guballa


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