Der nächste Angriff auf die deutsche Sprache

Zerstörerische Ideologen vollenden ihr Werk: Dem Desaster der Rechtschreibreform soll nun der »Gender«-Wahn folgen

24.10.18
Treibende Kraft: Bundesjustizministerin Katarina Barley (SPD) Bild: Imago

Wenn es nach Justizministerin Katarina Barley (SPD) geht, sollen die Deutschen demnächst das „Gendersternchen“ benutzen müssen. So droht der deutschen Sprache ihre weitere Zerrüttung.

Keinem Element des demokratischen Diskurses kommt eine so große Bedeutung zu wie der Sprache und der Schriftsprache. Durch sie findet jeglicher Gedankenaustausch statt. Leider machen sich viele sonst durchaus aufgeklärt-kritische Zeitgenossen hinsichtlich der Verwendung dieses wichtigsten Instruments der Kommunikation nicht viele Gedanken. In ihrem Schreibgebrauch sind sie vielmehr auch nur Spiegelbild und Ausdruck der Misere.
Auch durchaus sprachsensible Kritiker verwenden durchweg nur die eine oder andere Variation der ab 1996 „reformierten“ Schreibungen. (So auch die Preußische Allgemeine Zeitung, die 2009 im Zuge der allgemeinen Umstellung die „neue Rechtschreibung“ übernommen hat.) Meist aber wird eine der in einem heillosen Durcheinander entstandenen diversen Mischformen verwendet. Es gibt somit keine Alternative mehr in unserer fehlgesteuerten Republik.
Einheitlich getrimmte Politiker erweisen sich indessen als willens, die Schädigung der Sprachkultur einen weiteren Schritt voranzutreiben. Im Sinne der Ideologie des Gender-Mainstreaming unternehmen sie zurzeit erste Schritte, um uns abwegige Schreibungen wie beispielsweise Bauarbeiter*innen oder Atomphysiker*innen aufzuzwingen. Vorreiterin ist unter anderem Justizministerin Katarina Barley (SPD). Im Berliner „Tagesspiegel“ forderte sie am 19. Mai von den Deutschen, fortan das „Gendersternchen“ zu verwenden.
Mit der leserfeindlichen, sogenannten „Heyseschen s-Schreibung“ (Messergebnis anstatt Meß­ergebnis) wurde 1996 ein erster Gesslerhut zur Durchsetzung dieser Reform aufgestellt. Anhand der seinerzeit eingeführten Unterscheidung zwischen Doppel-s- und ß-Schreibung lässt sich die Unterwerfung eines Textverfassers unter das Reformdiktat von 1996 leicht nachweisen beziehungsweise kontrollieren. Durch die Einführung einer „geschlechtergerechten“ Schreibung („Gendersternchen“) soll nun ein neuer Gesslerhut geschaffen und die Willfährigkeit der Bürger gegenüber einer von allen guten Geistern verlassenen Nomenklatura einen weiteren Schritt vorangetrieben werden.
Die derzeitigen Umtriebe zur Einführung des „Gendersternchens“ wären wohl nicht möglich gewesen, wenn die Orthographie der Sprachgemeinschaft nicht zuvor in die Verfügungsgewalt des Staates überführt worden wäre. Bis 1996 war es so, dass die große Zahl kompetenter Vielschreiber – Schriftsteller, Journalisten, Professoren – den Schreibgebrauch mitbestimmte. Die Orthographie war elitär im Sinne von Qualität (Leserfreundlichkeit) und egalitär in dem Sinne, dass die große Zahl der Sprachkompetenten fast unmerklich an der Entwicklung der Rechtschreibung mitwirkte.
Wie bereits bei den ersten Reformansätzen durch die Zweite Orthographische Konferenz im Jahr 1901 bestanden die späteren sprachlichen Neuerungen vornehmlich in der Anerkennung von Schreibungen, die sich als leserfreundlich eingebürgert hatten. Diese Schreibungen verstießen also nicht gegen grammatische, phonetische und etymologische Regeln. Ein Beispiel: Unter dem Einfluss des Griechischen war es lange üblich, häufig einem „t“ ein „h“ folgen zu lassen, beispielsweise „thun“ für heute „tun“. In Wörtern wie „Thron“ oder „Thunfisch“ haben sich bis heute einige  solcher – durchaus leserfreundlichen – Schreibungen erhalten. Sprachwissenschaftler befanden indessen bald, dass viele Wörter mit Schreibungen ohne „h“ wie „tun“ leserfreundlicher sind und dabei nicht gegen Logik oder Sprachregeln verstoßen. Die Schreibung „tun“ bürgerte sich ein, das „h“ wurde offiziell als „sprachunökonomisch“ und überflüssig klassifiziert. So kam das „h“  bei Wörtern außer Gebrauch, bei denen es semantisch keine zusätzlichen relevanten Informationen zur Verfügung stellt, wie dies beispielsweise bei manchen Fremdwörtern wie „Thermometer“ der Fall ist.
In dieser Art und Weise fanden also zwischen 1901 und 1996 „Sprachreformen“ statt. Ein Vorteil dieser Entwicklung war, dass es nie zu einem Bruch in der orthographischen Entwicklung kam. Ältere Rechtschreibungen wurden auf diese Weise nie wirklich falsch, sondern galten lediglich als veraltet.
Ähnlich wie bei der im Jahr 1996 erfolgten staatlichen Usurpation der Schreibung leiten sich auch die derzeitigen Gender-Bestrebungen nicht von einem freiheitlichen und demokratisch geerdeten Kulturbewusstsein ab, sondern aus einer ideologisch begründeten Verachtung des Demokratiegedankens und einer gewachsenen Hochkultur. Mangelhaftes Verständnis von Sprache sowie Voreingenommenheit sind Kennzeichen solcher Reformbestrebungen. Die „reformierten“ Schreibungen von 1996 sind großenteils nicht nur leserfeindlich, sondern vielfach auch sprachlich falsch, beispielsweise „heute Abend“: grammatisch falsch; er  „schi-ckte“: phonetisch falsch;  „Zierrat“: etymologisch falsch. Nicht unähnlich der im Dritten Reich vor allem durch Reichskultusminister Bernhard Rust betriebenen, aber nicht mehr eingeführten „Rechtschreibreform“ erscheinen auch die heutigen Bestrebungen wie der Ausdruck eines totalitären Weltbildes. Einen Kulturbruch nahm man 1944 und 1996 nicht nur bewusst in Kauf. Man wollte ihn. Auch heute wollen irregeleitete Ideologen einen „neuen Menschen“ schaffen. Wieder soll das Volk nicht Subjekt sein, wieder soll es Objekt eines gesellschaftlichen Umbaus werden. Eine politisch korrekte, in Wirklichkeit aber beschädigte Sprache soll dabei helfen, einen „neuen“, „gegenderten“ Menschen zu schaffen.
Die derzeit betriebene Einführung des „Gendersternchens“ dürfte vor allem über Schulen und Universitäten weiter vorangetrieben werden. Schon 1996 sprach man ungeniert von „Instrumentalisierung“ und „Geiselnahme“ der Jugend. Solches wird sich wiederholen, wenn es der Sprachgemeinschaft nicht gelingt beziehungsweise wenn sie nicht den Willen dazu aufbringt, der zerstörerisch-närrischen Usurpation der Sprache, hinter der ein Heer von Ideologen steht, ein Ende zu setzen.
Immerhin offenbaren die „Sprachreformen“ von 1996 und heute zumindest auch einen positiven Effekt. Sie vermitteln Erkenntnisgewinn darüber, welche Folgen und Ausmaße Dilettantismus und Ideologie haben können, wenn sie sich verbünden und an die Hebel der Macht gelangen. Nur bemerken dies heute vermutlich leider noch weniger Zeitgenossen als 1996.
Nach Joachim Fest hat auch Johannes Groß darauf hingewiesen, dass die Sprache die moralischen Standards einer Gesellschaft widerspiegelt. Das betrifft auch die wissenschaftlichen Standards. Vor etwas mehr als zwei Jahrzehnten hatte die Orthographie insgesamt in ihrer semantischen Leserfreundlichkeit noch die Präzision eines Hochleistungsinstruments. Heute, mit ungezählten Ungereimtheiten, Ausnahmen, Falschschreibungen und über 1000 Varianten, ähnelt sie eher einem behelfsmäßig und grob zurechtgeschlagenen Faustkeil. Die Form verweist auf den Inhalt. Die Entwicklung der staatlich regulierten beziehungsweise deregulierten Orthographie und der Niedergang der Schreibkompetenz verlaufen synchron zum Niedergang auf vielen anderen kulturellen Gebieten.
Man muss aber weiterhin darauf hoffen, dass die reformerischen Kräfte sich auch das zentrale Kulturgut einer einheitlichen und leserfreundlichen Rechtschreibung als wichtiges Anliegen auf die Fahnen schreiben. Klarheit, Leserfreundlichkeit, Wissenschaftlichkeit und gleichzeitig Nähe zum Volk, wo es sich von seiner besten Seite zeigt, darum geht es – eine Signalwirkung wird hoffentlich von einer energisch betriebenen Heilung der Rechtschreibwunde ausgehen.
    Otto Hiller von Gaertringen


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Kommentare

Heinz-Gerd Schlagregen:
11.11.2018, 20:01 Uhr

dan lassen wir das doch unt jeder schreibt wi iim der schnaabel gewaksen is.


Rolf Landolt:
30.10.2018, 12:11 Uhr

In sachen genderstern kann man geteilter meinung sein (ich verwende ihn nicht), aber muss man hinter allem, was einem nicht passt, finstere ideologien sehen? Ganz entschieden wehren wir uns gegen die verunglimpfung der rechtschreibreformer im allgemeinen und der von 1996 im besonderen. Sie sind nun an allem übel dieser welt schuld. Wir trösten uns damit, dass es nichts neues unter der sonne gibt. Mark Twain spottete 1906 über gegner von reformbestrebungen: “Simplified spelling brought about sunspots, the San Francisco earthquake, and the recent business depression, which we never would have had if spelling had been left all alone.” Er stellte sich vor, dass es bestimmt auch bei den alten ägyptern leute gab, die erklären, warum es absolut notwendig ist, bei hieroglyfen als der einzig richtigen form des schreibens zu bleiben und nicht ein alfabet zu entwickeln.

Dazu passt, dass der autor in der 2. ortografischen konferenz von 1901 «erste reformansätze» sieht. Was ist mit den vielen früheren bestrebungen? Wie wäre es mit einem blick auf die 1. ortografische konferenz von 1876 und die im hinblick darauf von Konrad Duden verfasste «Zukunftsorthographie»? Auch das waren alles andere als die ersten reformansätze, aber es waren direkte vorläufer der neuregelung von 1996. Angesichts der übereinstimmung muss man auch nicht maliziös «nicht unähnliche» (in wirklichkeit viel weniger ähnliche) bestrebungen im Dritten reich heranziehen.

Wenn es die trennung «schi-ckte» gäbe, la-chten sogar die hühner. Wie auch immer: Rechtschreibung ist konvention. «Es gibt keine grammatisch korrekte oder inkorrekte Orthographie», sagt der sprachwissenschafter Rainer Wimmer. Konvention ist beispielsweise, die vokaldehnung mit h und ie zu bezeichnen – auch dort, wo es etymologisch «falsch» ist, wie bei «spielen» und «Bahn». Für sprachsensible kritiker ist das nicht gut (Konrad Duden plädierte für «Ban»), aber dann haben es halt alle so geschrieben. Und nun verwenden, wie der autor feststellt, «auch durchaus sprachsensible Kritiker» die neue rechtschreibung. Es ist in der tat erstaunlich, dass bücher der gegner (z. b. von Josef Kraus) in neuer rechtschreibung erscheinen. Es ist erfreulich – aber aus der sicht des reformers irgendwie auch unerfreulich. Es erklärt nämlich, warum viele deutsche (nicht die schweizer, die auf eine längere erfahrung mit freiheit zurückblicken) so sehr an der rechtschreibreform leiden. In ihrer obrigkeitshörigkeit und in ihrem soldatischen drang nach einheitlichkeit leiten sie (selbst hundertjährige schriftsteller) einen zwang für sich selbst ab. Das ist so falsch wie die mär von der «staatlichen Usurpation der Schreibung». Die schulbehörden legen fest, was die schüler zu lernen haben! Das tun sie, seit es die schulpflicht gibt. Seither hat sich rechtlich nichts geändert. Es sind schlicht fake news, dass 1996 «die Orthographie … in die Verfügungsgewalt des Staates überführt worden» sei. (Tipp für sprachsensible: «übergeführt».) Dabei ist es so einfach: “To ensure continuity, only small changes are usually made, and while schoolchildren learn some new, improved spellings, most adults continue to write as before. It may therefore take a lifetime before everyone uses the new forms.” So die englische Spelling Society 1992, und auch der Deutschschweizerische Sprachverein sieht es 1920 pragmatisch: «Jedem Erwachsenen, der sich die Rechtschreibung angeeignet hat, mutet eine Neuerung auf diesem Gebiet Opfer zu. Je älter er ist, desto schwerer wird ihm das. Es sind aber Opfer, die wir unsern Kleinen, den Kindern und Enkeln bringen. In der Uebergangszeit, zehn oder zwanzig Jahre lang, wird man jedem von uns noch gestatten, bei der alten Uebung zu bleiben. Fürs Lesen aber werden wir uns sehr bald, in wenigen Jahren, vollständig an die neuen Wortbilder gewöhnen.»

Rolf Landolt


Manuela Morell:
27.10.2018, 21:46 Uhr

Liebe PAZ Redakteure,
die ganze Welt spricht vom foreigner. D.h. Ausländer. Fragt man einen Koreaner, einen Chinesen oder einen Araber, sprechen sie von einem Ausländer, also jemand der vom Ausland kommt. Im Gegensatz zum Einheimischen. Nur die Deutschen und noch ein paar "progressive" Länder und leider auch die PAZ sprechen vom "Menschen mit (oder hat einen) Migrationshintergrund".
Das fühlt sich beim Lesen immer komisch an. Denn der Mensch IST ein Deutscher, IST ein Koreaner und nicht "hat etwas" nämlich einen Migrationshintergrund.


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