Der Tierzuchtdirektor der Pommerschen Herdbuchgesellschaft

Ernst Gaede aus Fischbeck/Elbe, prägte von 1920 bis 1936 die Rinderzucht in Pommern und entwickelte es zu einem bedeutnden Zuchtgebiet in Deutschland

21.02.19
Ernst Gaede, Tierzuchtdirektor Pommern Bild: Herderbuchgesellschaft

Pommern war eine langgestreckte, herbe aber schöne Provinz mit 612 km Aussenküste zum Meer. Das war die längste Aussenküste aller deutschen Provinzen. Erklärlicherweise hatte sich das Leben sehr vieler Menschen diesem Naturgebilde angepasst. Fischfang und Fischverarbeitung, Werftindustrie und Reparaturkapazitäten hierfür bestimmten, bis wie weit in das Hinterland hinein, Arbeit und Denkweise zahlreicher Bewohner dieser Region.
Auch die Landwirtschaft war vielfältig. Ein Denkmal soll hier den pommerschen Bauern gesetzt werden, speziell den Rinderzüchtern. Um die Wende zum 20. Jahrhundert dümpelte die pommersche Tierzucht so vor sich hin – ohne nennenswerte Leistungen. Da griff die preußische Regierung durch aktive Unterstützung der pommerschen Landwirtschaftskammer ein. Diese wiederum hatte den hohen Wert einer fachlichen Organisation gegenüber den bisherigen Züchtungsformen erkannt. Wie bereits in Schleswig-Holstein, Ostpreußen und Sachsen-Anhalt erfolgreich praktiziert, stellte die Landwirtschaftskammer junge, akademisch gebildete Landwirte ein. Die pommersche Herdbuchgesellschaft gewann Ernst Gaede für die Zeit von 1920 bis 1936 und machte ihn zu ihrem Geschäftsführer.
Das war ein Glücksfall für Pommern. Er entwickelte die Rinderzucht in Pommern zu einem anerkannten Zuchtgebiet Deutschlands. Die Mitgliedsvereine stiegen von 8 auf 205 mit 103.000 Kontrollkühen an. Das Wichtigste dabei war der geglückte Leistungsanstieg der Kühe von 2281 kg auf 3497 kg. Das war eine hervorragende Werbung für die Herdbuchgesellschaft. Aber dazwischen kam ab 1920 die furchtbare Geldentwertung. Das Geld hatte keinen Wert mehr und man bediente sich materieller Produkte als Zahlungsmittel. Deshalb wurde eine „Hafer-Währung“ für den Zuchttierhandel eingeführt. Ein Durchschnittsbulle kostete z.B. 72,5 dt Hafer, ein Spitzenbulle 217,5 dt Hafer (1 Dezitonne = 100 kg).
Ernst Gaede überzeugte die Praktiker von neuen anzuwendenden Zuchtformen. Das Risiko stand immer an seiner Seite. Bei seinen Betriebsbesichtigungen blieb E. Gaede nicht nur im Herrenzimmer des Besitzers, sondern suchte vorrangig das Gespräch mit den Melkermeistern zum Gedankenaustausch über ihre Herden. Das war sein Arbeitsstil. Ernst Gaede verstarb unerwartet 1936 und hinterließ Erfolge.
Auf der letzten Reichstierschau 1939 in Leipzig erhielt der Züchter Albrecht (Mannhagen) den Ehrenpreis des preußischen Landwirtschaftsministers. Pommern hatte sich in die Spitzengruppe der deutschen Rinderzüchter hineingearbeitet. So wurden mehr als 1.000 Zuchtbullen über die Auktionen in Stettin, Stralsund und Belgard abgesetzt.
Mit Kriegsende 1945 begann für die vorpommersche Herdbuchzucht eine sehr schwere Periode. Leistungsherden der Güter fielen unter die „unkontrollierten Reparationen“. Zuchtvieh wurde rücksichtslos abgetrieben oder der Roten Armee zur Schlachtung zugeführt. Nur wenige Zuchtbetriebe überstanden das Chaos. Beherzte Männer wie Melkermeister Wilhelm Radtke (Velgast) und Melkermeister Paul Kamin (Güttin/Rügen) ergriffen die Initiative und halblegale Maßnahmen zum Wiederaufbau der Zuchten.
Mit der Grenzziehung zwischen Deutschland und Polen an der Oder war auch die Zuchtgemeinschaft zwischen Vor- und Hinterpommern ausgelöscht. Wie es in Polen weiterging,  wusste niemand.
Völlig neue Strukturen wies die Landwirtschaft durch die spontane Bodenreform in der sowjetisch besetzten Zone aus. Versteckte Zuchttiere sowie Importe aus Sachsen und Thüringen bildeten bescheidene Zuchtanfänge. Gut verstecktes Jungvieh (Kälber), die den Siegern nicht zur Schlachtung gefielen, nahmen jetzt den Status hochwertigen Zuchtviehs ein und sollten es auch werden. Nun begann die Periode der bäuerlichen Herdbuchzüchter, also die Betriebe zwischen 10 ha und 100 ha. Das waren einheimische Bauern, Neubauern aus der ostdeutschen Heimat, die dort auch Zucht betrieben haben, jüngere Landwirte aus dem Westen Deutschlands, welche in Vorpommern in der 1920er und 1930er Jahren gesiedelt hatten wie Eduard Blanke, Altenwillershagen, Kreis Ribnitz.
Bekannte Betriebe – nunmehr volkseigen – wie Güttin, Demmin, Zarnekow, Grammendorf, Velgast u.a.m. haben in Verbindung mit den bäuerlichen Züchtern die pommersche Rinderzucht am Leben erhalten – mit hohem Fleiß und großer Liebe zur Arbeit und den Rindern, wenn auch die politischen Rahmenbedingungen zeitweilig sehr prekär waren.
Eine herausragende Rolle nahmen die Zuchtzentren im Norden der DDR ein, die aber nur noch teilweise auf dem Territorium Vorpommerns lagen. Unter dieser ideellen Überschreitung der Zuchtgrenzen zwischen Mecklenburg und Vorpommern hat die Rinderzucht keinesfalls gelitten.
Die Zuchtzentren waren während und nach der politischen Wende von 1990 die fachlichen Voraussetzungen der erfolgreichen Weiterführung der Rinderzucht in Pommern. Daran haben stellvertretend gewirkt: Prof. O. Weiher, Universität Rostock; Kirsten und Klaus-Dieter Augustin, Loissin; Hartmut Subklev, Vorsitzender des  LKV (Landeskontrollverband für Leistungs- und Qualitätsprüfung Mecklenburg-Vorpommern eG) und Züchter Agrargenossenschaft Bartelshagen I; Reiner Schiller, Velgast; Klaus Griepentrog, Steinhagen; Prof. W. Neumann, Forschungsstützpunkt Ferdinandshof.
Die Kuh mit der höchsten Lebensleistung mit vorpommerschem genetischem Hintergrund und einer Leistung von 180.861 kg Milch – genannt „Zara“ – steht im LWB Klaus Griepentrog in Steinhagen.
Erfreulicherweise bemühen sich die polnischen Züchterkollegen um eine engere Zusammenarbeit mit Vorpommern und hoher Resonanz. Andreas Schulz hat dazu den Verein „Pommernschau e.V.“ gegründet. Das ist ein gutes und notwendiges Beispiel des Ausbaues der deutsch-polnischen Beziehungen. Glück und Erfolg wünschen sich alle Beteiligten dazu.

Gerhard Fischer, Rostock


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