Der Trottel aus Berlin

Wie Deutschland seine Führungsrolle verlor, wie wir im falschen Film landeten, und wie Demokratie zum Unding werden kann / Der Wochenrückblick mit Hans Heckel

12.03.16

Der frisch gebackene deutsche Außenminister Guido Westerwelle war ganz außer sich vor Begeisterung über sein erstes Treffen mit den EU-Kollegen in Brüssel. Er hätte sich nie träumen lassen, wie wichtig Deutschland da draußen genommen werde. Westerwelle hatte einen tollen Empfang erlebt, alle hörten ihm zu, hingen an seinen Lippen, buhlten um seine Sympathie.
Das war Ende 2009, nur sechs Jahre ist das her. Ein Wimpernschlag in der Weltgeschichte, und doch muss es uns heute wie eine Ewigkeit erscheinen. Als die Kanzlerin am Montag in Brüssel war, hörte ihr anscheinend niemand mehr zu. Während sämtliche EU-Regierungen untereinander die Möglichkeit koordinierter Grenzschließungen ausgelotet haben, sagte die einsame Frau aus Berlin unverdrossen weiter ihre seltsamen Sprüche auf, ohne dass es jemanden kümmerte.
Deutschland ist von den Höhen einer EU-Führungsmacht in Windeseile hinabgerutscht in die Rolle des spinnerten Verwandten. Die anderen Europäer nehmen ihn nicht mehr ernst, weil er eh nur wirres Zeug faselt („wir können nicht kontrollieren, wer zu uns kommt“, „keine Obergrenze“ etc.). Man muss ihn leider trotzdem einladen – der Dussel gehört schließlich zur Familie. Außerdem hat er Geld, wenn auch nicht mehr lange, falls man ihn so weitermachen lässt in seiner wirren Willkommens-Euphorie, mit welcher er jeden in seine Bude einlädt, der rein will.
Doch in einer guten Familie kümmert man sich um den Sippentrottel, legt ihm das Lätzchen um oder beschützt seine Haustür, damit da eben nicht alle Welt hineinspazieren kann. Weil Merkel außerstande ist, die deutschen Grenztore kontrollieren zu lassen, haben das daher die braven Onkel in Mazedonien übernommen. Nett von ihnen.
Daheim kriegen die Deutschen ihre Isolation kaum mit. Die Staats- und Konzernmedien innerhalb der Reichsgrenzen sind Meister im Erfinden und Zurechtbiegen von Wahrheit, nicht nur was die wahre Position Deutschlands in Europa angeht. Eine leckere Kostprobe dieser Wahrheits-Biegerei lieferte neulich der Sender N24. Da versprach der Moderator, uns ein Bild zu geben davon, wie die Anhänger und wie  die Gegner des syrischen Machthabers Assad leben. „Ein Unterschied, der größer kaum sein könnte“, so die reißerische Anmoderation, der zwei kurze Filme folgten.
Im ersten wurden uns die „Gegner“ gezeigt: Menschen drängeln sich an einem Laster, von dem Lebensmittel verteilt werden. Rund herum Trümmer und Elend. Dann der Film, der uns das Leben von Assads Anhängern in der Hafenstadt Latakia vorführt. Männer im Pool, der Eingang eines Luxushotels und drinnen die Reichen und Schönen beim Schlemmen.
Die Botschaft war eindeutig. Die Anhänger leben in Saus und Braus, während das Volk, das sich gegen Assad erhoben hat, im Elend darben muss.
Das Dumme: Im Lager von „Assads Gegnern“ flatterten mehrere rot-weiß-schwarze Fahnen zwischen den Trümmern. Das ist die Flagge des syrischen Staates und aktuell das Banner der Assad-Treuen. Dessen Gegner haben das Rot durch das Grün des Islam ersetzt oder gleich die ganze Fahne durch die schwarzen Lappen des IS. Und wem das noch nicht eindeutig genug war, der konnte kurz ein an die Mauer gelehntes, unversehrtes Porträtbild des Machthabers erblicken, das da wie eine Ikone platziert war.
Mit anderen Worten: Nicht nur die Reichen und Schönen, auch die Armen und Elenden in den Filmen waren Anhänger von Assad. Mit entsprechender Ausrichtung könnte man die Botschaft dieses Beitrags glatt auf den Kopf stellen: Seht her, das gesamte syrische Volk, von den ganz Armen bis zu den Superreichen, steht zu Assad. Der „Bürgerkrieg“ ist in Wahrheit eine Aggression von außen.
Ob die Zuschauer den Schwindel bemerkt haben? Die meisten vermutlich nicht, denn unser Hirn verfügt über sagenhafte Fähigkeiten. Es kann Informationen, die sich nicht in unser Weltbild fügen, einfach ausblenden. So erledigt es selbst, was diese Stümper am Schneidetisch von N24 versäumt haben. Nochmal Glück gehabt.
Die Macht in der Mediengesellschaft hat derjenige, der darüber entscheidet, worüber sich die Leute empören. Daher haben hässliche Bilder wie jene von den Pöbeleien in Clausnitz auch ihr Gutes. Durch sie stehen endlich wieder Deutsche am Pranger.
Wenn Politiker und Medien-Propagandisten zetern, dass sie „solche Bilder nie wieder sehen wollen“, sollten wir das also nicht allzu ernst nehmen. Wäre dem wirklich so, gäbe es nämlich eine ganz simple Lösung: Lasst die Leute doch vor Ort abstimmen, ob sie ein Asylheim in ihrem Dorf oder Stadtteil haben wollen oder nicht. Dann hätten sich die Bürger in Clausnitz höchstens gegenseitig beschimpfen können, statt sich die falschesten Adressaten für ihren Ärger auszusuchen, die man sich denken kann. Denn die Flüchtlinge und Asylbewerber können nun wirklich gar nichts für die Entscheidungen deutscher Politiker und Bürokraten – ärgerlich, dass man das gewissen Leuten erst sagen muss.
Statt aber die Bürger am Ort abstimmen zu lassen, verfährt man lieber nach der Manier eines absolutistischen Fürsten. Der hört sich zwar geduldig die Bedenken seiner Untertanen an („offener Bürgerdialog“), entscheidet dann aber – allein.
Warum nicht abgestimmt werden darf? Vielleicht, weil dann eine weitere der vielen Legenden unserer Willkommenskultur auffliegen könnte. Wenn Gegner der Regierungspolitik auf der Straße „Wir sind das Volk“ skandieren, schmettern etablierte Politiker und die ihnen geneigten Medien stets zurück: Ihr seid gar nicht „das Volk“, die große Mehrheit der Deutschen steht hinter uns, nicht hinter euch. Man stelle sich nun vor, sie ließen die Bürger Ort für Ort und Viertel für Viertel wirklich abstimmen und es ergäben sich weit überwiegend Mehrheiten gegen die Asyllager? Wer ist dann „das Volk“? Ja, sehen Sie? Demokratie ist ein viel zu heikles Experiment, als dass man es darauf ankommen lassen sollte. Wer kann denn wissen, ob der Pöbel auch das Richtige tut?
Zwar darf er wählen, allerdings haben es die Herrschaften nicht so gern, wenn wir ihnen bei der Stimmenauszählung allzu akribisch über die Schultern schielen. Dass die AfD dazu aufruft, genau das bei den kommenden Landtagswahlen zu tun und massenhaft als Wahlbeobachter auszuschwärmen, hat daher helle Empörung hervorgerufen. Baden-Württembergs Wahlleiterin nennt es „ein Unding, ehrenamtlichen Wahlhelfern aus der Mitte der Bürgerschaft Wahlfälschung zu unterstellen“. Merkwürdig, das tut doch keiner! Ebenso gut hätte sie es ein Unding nennen können, 40 Millionen Autofahrern Geschwindigkeitsüberschreitung zu unterstellen, indem man Starenkästen aufstellt.
Man stellt sie dennoch auf, um schwarze Schafe herauszufiltern (oder um Geld zu schneiden, aber das ist ein anderes Thema). Außerdem: Bei den Bremer Landtagswahlen haben Wahlhelfer „aus der Mitte der Bürgerschaft“ derart dreist und plump gefälscht, dass anschließend die Sitzverteilung im Parlament geändert werden musste.
Vermutlich fälschten die Fälscher sogar mit dem allerbesten Gewissen. Laut einer Untersuchung hat nämlich ein verblüffend großer Anteil der Deutschen überhaupt keine Ahnung mehr, was den Unterscheid macht zwischen Demokratie und Diktatur.
Angeleitet von Generationen linksradikaler Politiklehrer mit einem Faible für den „Kampf gegen Rechts“ denken die Unwissenden sich das vermutlich so: Demokratie herrscht, wenn die „Guten“ regieren, Diktatur ist, wenn die „Bösen“ gewinnen. Da ist man als „demokratischer“ Wahlhelfer doch regelrecht dazu aufgefordert, dem Ergebnis nachzuhelfen. Ein Sieg der „Bösen“ wäre schließlich „ein Unding“.


Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie die PAZ mit einer Anerkennungszahlung.


Drucken


Kommentare

sitra achra:
14.03.2016, 21:24 Uhr

Von wegen ein Lätzchen! Momme Merkel
benötigt ein Jäckchen mit Endlosärmeln. In der Psychiatrischen ist es warm und gemütlich und sie kann, ohne dass man ihr widerspricht,ihre Eskapaden machen und aus aller Welt Flüchtlinge einladen. Die sabbern zwar bisweilen und kriegen den Veitstanz, doch am Ende bekommgt sie garantiert vom Personal den Friedensnobelpreis umgehängt.


Herr Behrlich:
13.03.2016, 01:02 Uhr

Recht haben Sie - und zwar bei allen Punkten dieses journalistischen Rundumschlages! Danke.


Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld
*
*
*

CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz


*
 

Da Kommentare manuell freigeschaltet werden müssen, erscheint Ihr Kommentar möglicherweise erst am folgenden Werktag.
Sollte der Kommentar nach längerer Zeit nicht erscheinen, laden Sie bitte in Ihrem Browser diese Seite neu!

 
 

Die Preußische Allgemeine Zeitung – die deutsche Wochenzeitung für Politik, Kultur und Wirtschaft. Die PAZ spricht eine geschichtsbewusste Leserschaft an und vertritt den Gedanken einer deutschen Leitkultur. Preußisch korrekt statt politisch korrekt – die PAZ berichtet über Themen, die andere Wochenzeitungen lieber verschweigen. Unsere preußisch-wertkonservative Berichterstattung bietet Ihnen einen ungeschönten Blick auf das Zeitgeschehen und Woche für Woche Orientierung in der Flut oft belangloser Nachrichten. In ihren Kommentaren legt die PAZ den Maßstab preußischer Tugenden im besten Sinne an. Abonnieren auch Sie die Preußische Allgemeine Zeitung und lesen Sie wöchentlich tiefgründige Berichte von A wie Ahnenforschung, über B wie Bismarck, O wie Ostpreußen in Geschichte und Gegenwart, W wie Wochenrückblick bis Z wie Zweiter Weltkrieg. Kritisch. Konstruktiv. Klartext für Deutschland.