Der vergessene Völkermord

Von Klaus Rainer Röhl

18.04.10
Großer Deportationszug von Armeniern auf einem von türkischen Soldaten bewachten Platz: In „Aghet − Ein Völkermord“ werden die Geschehnisse vor 95 Jahren in der Türkei geschildert. Leider hat die ARD die erschüttendernde Dokumentation am 9. April erst um 23.30 Uhr ausgestrahlt. ©NDR/Wallstein Verlag

Holocaust-Tag ist immer, jedenfalls in Deutschland. In Armenien und für die weltweit verstreut lebenden Angehörigen des ältesten christlichen Volkes der Welt, die Armenier, ist ihr Holocaust-Tag am 24. April.
Viele Jahrhunderte lang hatten die Armenier, wie andere Völker von den seit dem 11. Jahrhundert oft gewaltsam in Asien, Afrika und Europa vordringenden Türken unterworfen, als geduldete christliche Minderheit im türkischen Staatsverband gelebt. Während die Balkanvölker wie Griechen und Serben ab 1821 in einem langen blutigen Befreiungskrieg sich gegen die Türken erhoben und schließlich ihre staatliche Unabhängigkeit erkämpften, blieb eine solche Befreiung für die zum großen Teil im türkischen Hoheitsgebiet lebenden Armenier aus. Sie lebten als Handwerker, Bauern, vor allem aber als Händler in Konstantinopel und in sechs ostanatolischen Provinzen der damaligen Türkei. Mit zu ihrem Verhängnis trug bei, dass sie es durch Fleiß und Geschäftstüchtigkeit zu Wohlstand gebracht hatten, was viele Türken nicht ohne Missgunst sahen. Unter der Herrschaft des Sultans geschah den Armeniern nichts, abgesehen von gelegentlichen Plünderungen und Ausschreitungen, also auf Deutsch gesagt – Pogromen, die als Ausbrüche des „Volkszorns“ oft nur zögerlich und zu spät von den türkischen Behörden eingedämmt wurden. Die unumschränkte Gewalt des Sultans schützte, sicherlich nicht nur aus humanen, sondern mehr aus wirtschaftlichen Gründen, die christlichen Minderheiten. Das änderte sich schlagartig ab 1908. Ehrgeizige Obristen und Generale übernehmen jetzt als so genannte „Jungtürken“ die Macht. Auch sie versprechen zunächst Schutz der Minderheiten. Sie haben jedoch anderes im Sinn: Ein ethnisch, rassisch und religiös „sauberes“ türkisches Großreich. Da der Vielvölkerstaat in keiner Hinsicht „sauber“ ist, soll es nach Auffassung der Machthaber und ihrer Anhänger – man darf nicht vergessen: die Generale agieren ja nicht im luftleeren Raum – Säuberungen geben.
Im Windschatten des Ersten Weltkriegs – die Türkei kämpft auf deutscher und österreichischer Seite – richtet sich der generalstabsmäßig geplante Völkermord zunächst gegen die Armenier, die man wegen ihrer Sympathie für die Russen beschuldigt, den Hauptgegner der Türkei seit einem Jahrhundert im Kampf um die Meerenge des Bosporus zu unterstützen.
Es begann am 24. April 1915. An diesem Tag wurden in Konstantinopel 335 Angehörige der armenischen Intelligenz, darunter viele Studenten, unter der Beschuldigung verhaftet, mit dem russischen Kriegsgegner zusammenzuarbeiten. Es hatte den Anschein, dass die Jungtürken einen Sündenbock brauchten, um ihre Niederlage an den Fronten zu rechtfertigen. Bald erwies sich das als bloßer Vorwand. Alle armenischen Soldaten und Offiziere im Heer wurden verhaftet, gefoltert und umgebracht, doch das war nur der Auftakt zu einem umfassenden Völkermord. Völkermord durch Vertreibung. Woran erinnert uns das?
Zunächst heißt es, nur die Grenzgebiete zu Russland müssten aus Sicherheitsgründen „gesäubert“ werden. Die Armenier werden zur Flucht ins Ungewisse getrieben. Endlose Elendszüge ziehen durchs Land, jeder Willkür der aufgehetzten Bevölkerung ausgeliefert, die zuvor jeglichen Besitz der Vertriebenen geraubt hat. Es gibt auch Deportationen per Bahn, in Viehwaggons, die für den Transport von Schafen zweistöckig, mit niedriger Decke gebaut waren. Im Gegensatz zum Vieh verrecken die Menschen, wunschgemäß, niemand hat sich die Finger dabei schmutzig gemacht.
Die meisten Armenier werden zu Fuß durch das Land getrieben. Tausende Kilometer, ohne Wasser und Nahrung, ein Todesmarsch, bei dem schon viele unter unvorstellbaren Umständen sterben. Woran erinnert uns das sehr auffällig? Schließlich werden alle Armenier deportiert. Die Regierung erklärt den verzweifelten Menschen und auch der Presse im verbündeten Deutschland und im Ausland, sie würden nach Syrien, das damals noch zum osmanischen Reich gehörte, umgesiedelt.
Die Vertriebenen werden auf diesem Todesmarsch geschlagen, verstümmelt, junge Mädchen in Harems entführt, Frauen vergewaltigt und einfach liegengelassen. Trotzdem erreichen noch viele tausend Opfer ihren Bestimmungsort. Dort aber erwartet sie der Tod – in der mesopotamischen Wüste. So unvorstellbar ist das Grauen dieses türkischen Genozids, dass die Regierung der von einigen deutschen Politikern als EU-Anwärter in Erwägung gezogenen Türkei ihn strikt leugnet. Völkermord-Leugner als EU-Partner?
Deutsche Filmemacher haben es im Auftrag der ARD unternommen, dieses unvorstellbare Grauen vorstellbar zu machen. Freitag letzter Woche lief im Fernsehen der Film über die Ermordung von 1,5 Millionen Armeniern durch die Türken. Er würde viel Staub aufwirbeln, das wussten die Programm-Macher der ARD. Deshalb verlegten sie die Sendung auf die späte Abendstunde, wenn die meisten Leute, müde von Tatort-Krimis und Schlagersendungen, eigentlich schlafen gehen wollten. Wer sich entschlossen hatte aufzubleiben, sah dann den Dokumentarfilm von Eric Friedler (Buch und Regie). Ein Film wie ein Schlag vor den Kopf.
Schon der deutsche Dichter Franz Werfel hatte 1933 durch seinen Roman „Die 40 Tage des Musa Dagh“, der in Wien erschien, die Ereignisse dem „Totenreich alles Geschehenen entreißen“ wollen. Das Gleiche will der Film „Aghet – Ein Völkermord“. Fast 80 Jahre nach Werfel.
Bis zu 1500000 Ermordete. Allein die Zahlen halten viele bisher für unglaublich und zweifeln sie an. Ob da nicht die Propaganda der dem Genozid entgangenen Armenier und ihrer Organisationen übertreibt? Können es auch ein paar Tausend oder Hundertausend weniger sein? Vorsicht! Mord ist Mord, und Völkermord bleibt Völkermord.
Was uns als Überlebende der Vertreibung von fast 15 Millionen Deutschen auffällt: Zwölf Millionen Flüchtlingen und Vertriebenen, die bis 1949 in den Westen kamen, folgten bis 1994 noch einmal 3,5 Millionen Aussiedler. Außerdem flohen aus dem Gebiet der Sowjetzone, der späteren DDR, bis Ende 1989 4,6 Millionen. 20 Millionen Deutsche verloren ab 1944 Heimat, Vermögen und Land. Über zwei Millionen verloren durch Flucht und Vertreibung ihr Leben.
Ebenso wie die Deportation und Ermordung der Armenier und der europäischen Juden durch die Nationalsozialisten sind die Vertreibung der Deutschen und der Tod so vieler dieser Flüchtlinge einmalige Ereignisse in der neueren Geschichte, die jede bisher gekannte geschichtliche Dimension sprengen. Es sind singuläre Verbrechen. Hitlers Deportationen und die Ermordung der europäischen Juden wurden im Nürnberger Prozess als Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt. Der Gedanke eines übergreifenden Rechts, nach der alle diese Verbrechen strafbar und zudem unverjährbar sind, hat mit der Einrichtung der Internationalen Gerichtshöfe in Den Haag und Rom Auftrieb erhalten. Nach diesem Recht werden die Kriegsverbrechen der Serben und Kroaten der neunziger Jahre abgeurteilt. Dürfen die Kriegsverbrechen, der Völkermord durch die Türken, die Vertreibungsverbrechen der Russen, Tschechen und Polen an den Deutschen nach einem anderen Maßstab beurteilt werden?

Klaus Rainer Röhl erreichen Sie unter klausrainer@gmx.de

Klaus Rainer Röhl


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