Der Vorzeige-Preuße

Plötzlich wieder modern: Der vor 250 Jahren geborene Alexander von Humboldt

20.09.19
Eine ganze Spreeseite voller Kolonialgeschichte: Das zukünftige Humboldt-Forum im neu errichteten Berliner Schloss Bild: tws

Auf seiner Südamerikareise hatte Alexander von Humboldt viele Entdeckungen gemacht. Jetzt, im sogenannten Humboldt-Jahr, entdecken viele plötzlich ihr Interesse an diesem Preußen.

1947 wurde Preußen auf Anordnung des Alliierten Kontrollrats offiziell zu Grabe getragen. Wegen des Militarismus und der Autoritätsgläubigkeit schwebt seitdem ein lautes „Pfui“ über Preußen. Von der Verteufelung ausgeschlossen sind aber zwei Geistesgrößen, die beide 2019 Jahrestage haben: Man feiert das Fontane- beziehungsweise Humboldt-Jahr. Fontane wurde am 30. Dezember vor 200 Jahren geboren, Alexander von Humboldt wurde am 14. September vor 250 Jahren geboren und starb am 6. Mai vor 160 Jahren.
Beide sind sie Vorzeige-Preußen, für die eine Ausnahme vom „Pfui“ gilt. Besonders der Abenteurer Humboldt wird umgedeutet als ein Sympathieträger, der das global denkende, weltoffene, antikoloniale Deutschland repräsentiert. Dabei hatte er, als er sich 1799 auf eine fünfjährige Expedition nach Südamerika aufmachte, eine Reisevollmacht des spanischen Königs Carlos IV. in der Tasche, die ihm unbeschränkten Zugang zu den Kolonien ermöglichte. Der Kolonialherr versprach sich sicher Nutzen davon.
Nach der Rückkehr von seiner Reise, die er komplett aus eigener Tasche finanziert hatte, stieg Humboldt zum Wissenschaftsstar auf. Der polyglotte Preuße publizierte Unmengen von Büchern und Fachartikel zum Teil in fremder Sprache (siehe auch Seite 9).
Als Forscher, der sich mehr als Praktiker denn als Theoretiker sah, ist er auch ein Vorbild der heutigen Wissenschaftsgeneration. Hätte es damals soziale Netzwerke ähnlich denen der heutigen digitalen Medien gegeben, so hätte es bei Humboldt über 1000 „Freunde“ umfasst. Er pflegte dieses Wissensnetz sorgsam. 50000 Briefe hat er im Lauf seines Lebens verfasst. Der Evolutionstheoretiker Charles Darwin studierte Humboldts Werk eifrig, und Goethe fühlte, dass nur einige Tage mit Humboldt so sein würden, „als hätte ich Jahre verlebt“.
Doch mit dem Untergang des deutschen Kolonialreichs 1918 geriet Humboldt in Vergessenheit. Im 20. Jahrhundert sprach kaum noch jemand über ihn. Ein ausgewiesener linker Intellektueller brachte den Preußen Anfang dieses Jahrhunderts wieder in Mode. 2004 erschien in Hans Magnus Enzenbergers Buchreihe „Die andere Bibliothek“ Humboldts monumentales Hauptwerk „Kosmos“. Die Ausgabe schaffte es bis in die „Spiegel“-Bestsellerliste. Ein Jahr später wurde Humboldt auch noch Romanheld in Daniel Kehlmanns „Die Vermessung der Welt“, und in Detlev Bucks Verfilmung des Buches wurde er 2013 sogar zum Leinwandhelden.
Der Naturfreund Humboldt, der den Dschungel Lateinamerikas erkundete, eignet sich heute ideal als Projektionsfigur grün-alternativer Fürsprecher einer Umweltschutz- und „Nachhaltigkeits“-kultur. Jetzt, da in Brasilien der Regenwald brennt, passt er gut ins Konzept der Verfechter des menschengemachten Klimawandels. Angesicht der Verwüstungen, die Plantagenbesitzer schon zu seiner Zeit angerichtet hatten, warnte er vor den unabsehbaren Folgen für „kommende Geschlechter“.
Das Eintreten des preußischen Humanisten gegen den Sklavenhandel brachte ihm bis heute weitere Sympathiepunkte ein. Das Geheimnis seiner Modernität bringt der Humboldt-Biograf Rüdiger Schaper so auf den Punkt: „Jetzt erweist sich der Umstand, dass er keine fixen Theorien hinterlassen, dass er keine singuläre Entdeckungen gemacht hat, und auch nicht nur für eine Sache steht, als entscheidender Vorteil. Offenes Denken kann nicht veralten. Der Humboldt-Code ist ein Universalschlüssel.“    Harald Tews


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