Deutsche Warnungen verhallten

Als Russland auf seiner Generalmobilmachung bestand, entschied sich das Reich, den Krieg zu erklären

01.08.14
Staatsbesuch des französischen Präsidenten Raymond Poincaré (Zivilist) beim Zaren (rechts von ihm) während der Julikrise: Mit ihrem „zweiten Blanko-Scheck“, der Zusage uneingeschränkter Solidarität, stärkten und bestärkten die Franzosen die Falken in Russland. Bild: Ullstein

Am 1. August 1914 erklärte das deutsche Kaiserreich per Telegramm, dass man „sich fortan im Kriegszustande mit Russland“ befände. Überbringer war der deutsche Botschafter am Zarenhof, Graf Friedrich Pourtalès. Bis zuletzt hatte er mit Rückendeckung aus Berlin für den Frieden zwischen beiden Ländern gekämpft.

Als der Graf 1919 „Am Scheidewege zwischen Krieg und Frieden. Meine letzten Verhandlungen in Petersburg, Ende Juli 1914“ mit Genehmigung des Auswärtigen Amtes veröffentlichte, schrieb er darin nicht, was an anderer Stelle überliefert ist: dass er dem russischen Außenminister Sergeij Sasonow „unter Tränen“ die Kriegserklärung aus Berlin übergeben habe. Doch es klingt durchaus plausibel. Bis zuletzt hatte der Diplomat, der sich Russland sehr verbunden fühlte, versucht, einen Krieg zu verhindern. Dabei war er im Eifer des Gefechts sogar auf eigene Faust persönlich beim Zaren vorstellig geworden, um diesen dazu zu bewegen, die laufende Generalmobilmachung, die das deutsche Kaiserreich als Provokation und Gefährdung seiner Sicherheit empfand, zu beenden.
Der 1853 in der Schweiz geborene Neffe des preußischen Diplomaten und führenden Vertreters der liberal-konservativen Wochenblattpartei Graf Albert von Pourtalès diente erst beim preußischen Militär, um später dann in den diplomatischen Dienst zu wechseln. Seine Stationen waren Wien, Berlin, Den Haag, Paris und später mit Unterbrechung Sankt Petersburg. 1907 wurde er deutscher Botschafter am Zarenhof.
Schon kurz nach dem Attentat in Sarajevo am 28. Juni 1914 gab Pourtalès dem russischen Außenminister Sergei Sasonow zu verstehen, dass der Konflikt zwischen Serbien und Österreich-Ungarn ein rein regionaler zu bleiben habe. Aus Sicht Berlins sei es das Recht des mit ihm verbündeten Wien, die Belgrader Regierung im Falle einer Mitschuld an dem Attentat auf den österreich-ungarischen Thronfolger Franz Ferdinand zur Rechenschaft zu ziehen. Sasonow meinte hingegen, man könne eine Regierung nicht für die Bluttat eines Einzelnen verantwortlich machen. Die Beweise aus Wien, dass Belgrad nicht unbeteiligt gewesen war, war er nicht bereit zu akzeptieren. Auch Pourtalès Hinweis, dass doch auch der Zar es nicht hinnehmen könne, wenn das monarchische Prinzip infrage gestellt würde, also anderswo sein Thronfolger ermordet werden würde, wurde ignoriert. Dabei war sich der deutsche Diplomat bewusst, dass er in Sasonow noch einen Verbündeten hatte, der zumindest ebenfalls keinen Krieg wollte.
„Ein unglücklicher Zufall wollte es, dass Kaiser Nikolaus in diesen Tagen in Krasnoe Selo bei den Übungen der Garde war“, so Pourtalès in seinen Aufzeichnungen, „und sich unter dem direkten Einfluss seines Onkels, des Großfürsten Nikolai Nikoljewitsch, und seines Anhanges befand, der schon während des Balkankrieges offen zum Kriege gegen Österreich-Ungarn gehetzt hatte.“
Der Großfürst war Befehlshaber der Kaiserlichen Garde und umgeben von Kriegsbefürwortern. Unter diesen befand sich in vorderster Reihe seine Frau Anastasia, Tochter von König Nikola I. von Montenegro, der mit Serbien verbündet war. Beim großen Empfang für den französischen Präsidenten Raymond Poincaré in Sankt Petersburg, in dessen Rahmen dieser dem Zaren die bedingungslose Unterstützung Frankreichs im Kriegsfalle zugesagt hatte, war diese dadurch aufgefallen, dass sie nicht nur gegenüber Wien, sondern auch gegenüber Berlin gehetzt hatte. „Deutschland muss vernichtet werden“, soll sie bei dem festlichen Abendessen gesagt haben, was nicht der Fall gewesen wäre, wäre sie sich nicht der Unterstützung ihres Mannes gewiss gewesen. Zudem war sich Pourtalès bewusst, dass Russland interne Probleme hatte. Immer wieder streikten Arbeiter und die Unzufriedenheit war spürbar. Demzufolge sah er durchaus rationale Gründe, warum einige Kreise einen Krieg als willkommenes Ventil für den aufgebauten Druck begrüßten.
Während der russische Außenminister ihm noch am 27. Juli verkündete, es gäbe keine Generalmobilmachung, erfuhr der deutsche Botschafter von seiner Frau, dass am Bahnhof Munitionskolonnen und Geschütze vorbeigerollt sein sollten. Emsig wurde zwischen Sankt Petersburg und Berlin hin und her telegrafiert, Zar und Kaiser tauschten sich höflich aus und gaben dem jeweils anderen Hoffnung, ein Krieg wäre noch abzuwenden. Inwieweit hatte die Friedenszusicherung an das Deutsche Reich nur den Zweck, Zeit zu gewinnen?
Immer wieder wies Pourtalès Sasonow darauf hin, dass eine Generalmobilmachung und russische Soldaten nahe der reichsdeutschen Grenze für Berlin einer Kriegserklärung gleich kämen. Und immer wieder wiederholte Sasonow, aus russischer Sicht sei das nicht so. Ratlos bat Pourtalès dann ohne vorherige Absprache mit Berlin um ein Gespräch mit dem Zaren, der ihn höflich empfing, jedoch ausweichend meinte, dass ein Stopp der Generalmobilmachung laut Aussagen seiner Militärs „technisch“ nicht möglich sei.
Hatte es anfangs noch geheißen, Sankt Petersburg benötige eine Zusage Wiens, dass es im militärischen Konflikt mit Serbien am Ende keine territorialen Ansprüche stelle, musste Pourtalès erleben, dass, als Wien diese Zusage tatsächlich auf Drängen Berlins gab, die Russen sie nicht akzeptieren wollten, da man ihr nicht glauben könne.
Am 31. Juli brauchte Pourtalès dann nur noch aus dem Fenster zu schauen. Dort war über Nacht der Mobilmachungsbefehl für die gesamte russische Armee und Flotte angeschlagen worden. Und obwohl noch Telegramme zwischen dem Zaren und dem Kaiser hin und her gingen, ahnte der deutsche Botschafter, was auf ihn zukommen würde. Am 1. August um 17.45 Uhr erreichte ihn das Telegramm des Staatssekretärs des Auswärtigen Amtes, Gottlieb von Jagow. Hierin hieß es, dass Russland trotz mehrfacher Bitten Deutschlands nicht von der Mobilmachung abgesehen habe, obwohl das Deutsche Reich immer wieder betont habe, dass es sich dadurch bedroht fühle. Und da es auch der ausdrücklichen Forderung eines Stopps nicht nachgekommen sei, bleibe Deutschland nur die Interpretation, die Generalmobilmachung als gegen sich gerichtet zu betrachten. Der letzte Satz lautete: „Seine Majestät der Kaiser, mein erhabener Herrscher, nimmt im Namen des Reichs die Herausforderung an und betrachtet sich im Kriegszustande mit Russland.“
Schweren Herzens erreichte Pourtalès mit dem Telegramm gegen 19 Uhr Sasonow. Dann fragte er diesen, so schreibt er in seinen Aufzeichnungen, angeblich dreimal, ob Russland nicht auf Berlins Forderung nach einem Stopp der Generalmobilmachung eingehen wolle. Nach dessen Verneinung las er die Kriegserklärung vor und verabschiedete sich unter Hinweis darauf, wie viel ihm stets an den deutsch-russischen Beziehungen gelegen habe. Nachdem die beiden Männer sich umarmt hatten, machte Pourtalès die Befürworter der Generalmobilmachung für den nun folgenden Krieg verantwortlich, während Sasonow Heinrich von Tschirschky und Bögendorff, dem deutschen Botschafter in Wien, die Schuld gab. In späteren Kriegsschulddebatten spielten jedoch beide keine Rolle.    Rebecca Bellano


Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie die PAZ mit einer Anerkennungszahlung.


Drucken


Kommentare

Hein ten Hof:
2.08.2014, 19:16 Uhr

Sehr interessanter und informativer Artikel. Vielen Dank.
Meine Meinung ist, dass jeder, aber auch wirklich jeder Krieg nur um Handel und Wandel geht, um Rohstoffe und Märkte. So auch im Falle des 1. Weltkrieges, der schon lange vor 1914 von England, Frankreich und Russland geplant wurde. Die USA waren sicher auch involviert, denn von Anfang an wurde von dort Kriegsmaterial nach Frankreich und England geliefert.
Nicht umsonst hatte Frankreich seit Jahren Milliarden in den Ausbau der Eisenbahnen in Russland investiert. Keine Eisenbahn = langsame Mobilmachung. Diese Investitionen sollten sich bezahlt machen, das war keine Menschenfreundlichkeit, das war wohl kalkuliert.

Kriegsgründe, leicht verkürzt/vereinfacht:
Russland: Gebietseroberungen im Norden und Marsch nach Konstantinopel.
Frankreich: Revanche, Konkurrenz beseitigen und möglichst weit Richtung Rhein marschieren.
England: Balance of Power, Konkurrenz und u.a. Beseitigung der Berlin-Baghdad Bahn und damit Konkurrenz im Erdöl Geschäft.
USA: Hätte Deutschland gewonnen wäre das eingesetzte Kapital (Kriegsmaterial und Anleihen) vernichtet gewesen.
Deutschland: Wie sagte Bismarck schon früher: Wir sind saturiert. Deutschland verfügte übrigens bei Kriegsausbruch u.a. weder über genügend Munition noch genügend Schießpulver. Womit sollte die Welt also erobert werden.
Der einzige Sieger war wohl Amerika, denn die übernahmen das Empire und die Weltherrschaft, Pound Sterling gegen Dollar.
England, Frankreich und Russland waren schon 1915 PLEITE und lagen am Boden.

Es liesse sich auch ganz kurz mit den Worten eines Amerikaners erläutern, während der "Verhandlungen" von Versailles. Dieser sagte und traf damit wohl den Nagel auf den Kopf:

"The war was not made in Germany but MADE IN GERMANY was the cause of it.


Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld
*
*
*

CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz


*
 

Da Kommentare manuell freigeschaltet werden müssen, erscheint Ihr Kommentar möglicherweise erst am folgenden Werktag.
Sollte der Kommentar nach längerer Zeit nicht erscheinen, laden Sie bitte in Ihrem Browser diese Seite neu!

 
 

Die Preußische Allgemeine Zeitung – die deutsche Wochenzeitung für Politik, Kultur und Wirtschaft. Die PAZ spricht eine geschichtsbewusste Leserschaft an und vertritt den Gedanken einer deutschen Leitkultur. Preußisch korrekt statt politisch korrekt – die PAZ berichtet über Themen, die andere Wochenzeitungen lieber verschweigen. Unsere preußisch-wertkonservative Berichterstattung bietet Ihnen einen ungeschönten Blick auf das Zeitgeschehen und Woche für Woche Orientierung in der Flut oft belangloser Nachrichten. In ihren Kommentaren legt die PAZ den Maßstab preußischer Tugenden im besten Sinne an. Abonnieren auch Sie die Preußische Allgemeine Zeitung und lesen Sie wöchentlich tiefgründige Berichte von A wie Ahnenforschung, über B wie Bismarck, O wie Ostpreußen in Geschichte und Gegenwart, W wie Wochenrückblick bis Z wie Zweiter Weltkrieg. Kritisch. Konstruktiv. Klartext für Deutschland.