Deutscher Masochismus untergräbt Euro

Ökonom Wilhelm Hankel erklärt im Gespräch mit der PAZ, warum er eine Parallelwährung als Rettung sieht

07.07.13
Euro-Kritiker der ersten Stunde: Wilhelm Hankel. Bild: pa

Der Währungsexperte hat in seinem Buch „Die Euro-Bombe wird entschärft“ ein Alternativkonzept zum bisher bestehenden Euro vorgelegt. Der Kern seiner Überlegungen: Eine Rückkehr zu nationalen Währungen unter Beibehaltung des Euro als Parallelwährung. Wie der historische Goldstandard könnte ein Euro+ (Euro-Plus) als gemeinsame Bemessungsgrundlage für Wechselkurse dienen. Die nationalen Währungen könnten dann in einem System je nach wirtschaftlicher Leistungskraft zum Euro auf- oder abwerten, so Hankel im Gespräch mit PAZ-Autor Norman Hanert. Statt einer Währung in Dauerkrise könnte damit ein „Goldstandard ohne das gelbe Metall“ entstehen.

PAZ: Herr Hankel, warum kommt nun gerade von Ihnen, der Sie einer der großen Euro-Kritiker der ersten Stunde sind, der Ruf nach Beibehaltung des Euro als Parallelwährung? Welche Vorteile sehen Sie?
Hankel: Mit einem Wettbewerb zwischen Euro und nationalen Währungen würden beide stärker und gehärtet werden. Der Euro+ bekäme die Funktion eines monetären Metermaßes für alle wieder eingeführten nationalen Währungen. Verschwinden würde nicht nur der Währungsgraben zwischen Euro- und Nicht-Euro-Ländern innerhalb Europas, sondern die EU würde auch für andere Länder hochattraktiv. Die Norweger und Russen könnten beitreten, weil sie ihre eigene Währung behalten würden. Der Euro käme nur als Bemessungsgrundlage für ihren Wechselkurs dazu.

PAZ: Sehen Sie ernsthaft Chancen zur Realisierung Ihres Vorschlages? „Berufseuropäer“ wie Jean-Claude Juncker scheinen die Euro-Krise doch sogar als Chance für mehr „Europa“ zu sehen?
Hankel: Gerade diesem Politiker – der sich dadurch auszeichnet, dass er Europa durch Krisen zusammenbringen will – sollte man nicht auf den Leim gehen. Europa entsteht nicht durch Krisen und die Schwächung des Euro. Ganz im Gegenteil, wir brauchen einen harten Euro.

PAZ: Nicht nur in Brüssel, auch in der Euro-Südschiene dürfte sich die Zustimmung zu Ihrem Vorschlag in Grenzen halten.
Hankel: Natürlich. Die Südschiene setzt ja bewusst darauf, dass ihre Defizite weiter vom Norden bezahlt werden. Mit dem Euro+ und der Rück-kehr zu nationalen Währungen wird wieder dasjenige disziplinierende Element aktiviert, ohne das es keine Währung, kein Währungssystem geben kann, nämlich der Wechselkurs.

PAZ: Was würde unter einem Euro+ mit den deutschen Staatsschulden geschehen?  
Hankel: Das ist ein Punkt, den ich bei Finanzminister Wolfgang Schäuble überhaupt nicht verstehe. Er würde mit einer Rückkehr zur D-Mark und deren unausweichlichen Aufwertung in die großartige Situation kommen, dass er einen Teil der Euro-Schulden mit aufgewerteter D-Mark wieder loswerden kann und damit den Steuerzahler entlasten würde.

PAZ: Stattdessen werden zur vermeintlichen Rettung des Euro aber Milliardenbeträge bereitgestellt und massive Rechtsbrüche begangen oder geduldet. Überrascht Sie das?
Hankel: Mich überrascht es deswegen, weil sonst eigentlich der Gläubiger bestimmt. Aber hier regieren die Schuldner und setzen ihre Wünsche bei den Gläubigern durch. Kanzlerin Angela Merkel müsste als Vertreterin des größten Gläubigerlandes in der EU eigentlich sehr viel mehr durchsetzen. Warum dies nicht geschieht, kann ich nicht sagen.

PAZ: In Ihrem aktuellen Buch kommen Sie sogar zu dem Befund, dass bereits seit Jahrzehnten von der Bundesrepublik eine Politik monetärer Reparationsleistungen verfolgt wird.
Hankel: Angesichts des bisher Gesagten liegt das klar auf der Hand. Deutschland wird zum Zwangsgläubiger, zum Hauptgläubiger der Euro-Zone. Es wird dabei immer wieder politisch motiviert –, und es gibt auch in Deutschland solche politische Masochisten, die so argumentieren – nachdem Deutschland im Zweiten Weltkrieg so viele Schuld auf sich geladen hat, darf sich Deutschland seiner Verantwortung für Europa nicht entziehen. Aber das sind ja wohl nicht vergleichbare Dinge.

PAZ: Eine Hinwendung zu dieser Politik machen sie ganz konkret um das Jahr 1969 unter dem damaligen Bundeskanzler Willy Brand fest?
Hankel: Willy Brandt, dem ich indirekt als Abteilungsleiter im Bundeswirtschaftsministerium gedient habe, hat sich zunächst einmal gegen die ersten Versuche, Deutschland einzubinden, nämlich gegen den „Werner-Plan“, gewehrt. Aber leider hat er dann nachher doch akzeptiert.  

PAZ: Haben Sie eine Erklärung für dieses Einknicken?
Hankel: Ich habe dafür die gleiche Erklärung wie bei fast allen anderen deutschen Bundeskanzlern: Sie halten Europa aus angeblicher deutscher Staatsräson für so wichtig, dass sie Grundrechte der deutschen Nation nicht ernst genug nehmen.

PAZ: Zurück in die Gegenwart. Wann sehen Sie die Zeit reif für Ihr Konzept eines Euro+?
Hankel: Die Stunde meines Vorschlages schlägt, wenn die bisherigen Mittel in der Euro-Krise an ihr Ende kommen. Bisher werden die Leistungsbilanzdefizite der mediterranen Länder nicht beseitigt, sondern durch immer neue Kredite und Geldspritzen finanziert. Wenn dies an sein Ende kommt, wenn den Eurokraten droht, dass die Völker den Euro verlassen, ob die Menschen in Gold und andere Ersatzwährungen fliehen, dann wird man einsehen, dass der Euro so nicht weitergeführt werden kann. Mit meinem Plan könnten dann viele Euro-Politiker ihr arg ramponiertes Gesicht wahren.


Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie die PAZ mit einer Anerkennungszahlung.


Drucken


Kommentare

Dietmar Fürste:
8.07.2013, 14:30 Uhr

Der sehr verehrte Prof. Hankel ist leider jemand, der zwar Recht hat, aber kein Recht bekommen kann. Nicht, solange Andere darüber entscheiden, was in der BRD wann geschieht und zu wessen Nutzen! Wer das ist, mögen zwei Zitate zeigen:

"Wir sind doch faktisch ein Protektorat der Vereinigten Staaten."
Kurt-Georg Kiesinger, damals Vorsitzender des außenpolitischen Bundestagsausschusses und CDU-Abgeordneter, veröffentlicht in "DER SPIEGEL" 21/1958:

"Deutschland steht unter der Zwangsherrschaft des US-Imperialismus, ist ein tributpflichtiger Vasallenstaat.”
Zbigniew Brzezinski in seinem Buch
“Die einzige Weltmacht. Amerikas Strategie der Vorherrschaft”, Seite 92

Der Freihandel-Deal, der Abhörskandal, die Militärpräsenz der USA hierzulande und das Euro-Finanzsystems nach angloamerikanischem Vorbild mit ungedecktem Fiat-Geld und Verschuldungsorgien ad libitum beweisen das doch jede Woche neu. Und der Deutsche Wähler wird es wieder absegnen und dulden. Es sei denn, er wacht doch noch auf...


sitra achra:
7.07.2013, 18:48 Uhr

Die Besatzungsmächte wollen Schrumpfdeutschland weiterhin klein und gefügig halten.
Dazu haben sie die sichtbare Form ihrer Demokratie hierzulande implantiert.
Die ist eine Falle ohne Ausgang.
Auf Reformen oder Erleichterung von der Bedrückung zu warten, ist vollkommen unsinnig. Und wozu soll man sich deren Gedanken machen, wie es Herr Hankel tut, wie man den Kollaps dieser zwangsgesteuerten Chimäre Europa verhindern soll?
Kein Handschlag für den Unterdrücker, Widerstand ist angesagt!


Carl Martell:
7.07.2013, 12:54 Uhr

"Parallel-Währung" Deutsch-Mark "gleich Goldstandart".

Warum nicht gleich die D-Mark alleine als europäische Bemessungsgrundlage von Warenwerten und Dienstleistungen !!!???

Wozu braucht D dann noch ein Euro!? Völlig überflüssig!

Im Prinzip hatte wir das System vor dem Euro mit dem ECU und dem Target-System. Damit ist Deutschland 50 Jahre hervorragend
erfolgreich gewesen.
Nur die Gierbanker habens torpediert.

Das gleiche Problem hatten wir quasi vor gut 75 Jahren schon ein mal!
Damals war Deutschland drauf und dran sehr erfolgreich sich der angeloamerikanischen Finanz-Oligarchie zu entziehen und quasi
eine "Parallelwährung" zu ethablieren.

Nachdem dem Krieg bestätigte kein geringerer als Winston Churchill, dass dieses wirtschaftlich erfolgreiche DEUTSCHE Modell der causus belli des WK-II war!!!

Es reicht einfach nicht ein neues Finanz-Modell zu kreieren, wenn D nicht seine politische volle Souverintät erlangt!

So wie es jetzt läuft, endet das zwangsläufig in einer Katastrophe.


Stefan G. Weinmann:
7.07.2013, 10:36 Uhr

hab dies auch mit einem Kommentar und weitergehenden Vorschlag von mir / uns online: http://templerhofiben.blogspot.de/2013/07/preussisch-prof-hankel.html


J.-Th Lauterbach:
7.07.2013, 09:17 Uhr

Ich bin geneigt, Herrn Hankel zuzustimmen. Allerdings bin ich der Meinung, dass die Fatalität des ständigen Wirtschaftswachstums in seinen Aussagen erheblich zu kurz kommt.

Wie sagt der Volksmund: Der Herrgott hat schon dafür gesorgt, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen.
Aber die Wirtschaft soll und muss immer weiter wachsen? Und auf diesem Wachstum soll eine stabile Währung aufbauen?
Pardon - aber beides kann nicht funktionieren. Solange kein einheitlicher Standard für das internationale Geldwesen gefunden wird (und das muss ja nun kein Goldstandard sein), kann man davon ausgehen, dass es mittelfristig zur vollständigen Wertevernichtung und Hyperinflation kommen wird. Erst, wenn die Bankster und Zocker an den Börsen ihr letztes Hemd verspielt haben und die Politik erkennt, dass es kein ewiges Wachstum geben kann, werden die Völker diesen Status Quo akzeptieren und stabile National-Währungen einführen.


Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld
*
*
*

CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz


*
 

Da Kommentare manuell freigeschaltet werden müssen, erscheint Ihr Kommentar möglicherweise erst am folgenden Werktag.
Sollte der Kommentar nach längerer Zeit nicht erscheinen, laden Sie bitte in Ihrem Browser diese Seite neu!

 
 

Die Preußische Allgemeine Zeitung – die deutsche Wochenzeitung für Politik, Kultur und Wirtschaft. Die PAZ spricht eine geschichtsbewusste Leserschaft an und vertritt den Gedanken einer deutschen Leitkultur. Preußisch korrekt statt politisch korrekt – die PAZ berichtet über Themen, die andere Wochenzeitungen lieber verschweigen. Unsere preußisch-wertkonservative Berichterstattung bietet Ihnen einen ungeschönten Blick auf das Zeitgeschehen und Woche für Woche Orientierung in der Flut oft belangloser Nachrichten. In ihren Kommentaren legt die PAZ den Maßstab preußischer Tugenden im besten Sinne an. Abonnieren auch Sie die Preußische Allgemeine Zeitung und lesen Sie wöchentlich tiefgründige Berichte von A wie Ahnenforschung, über B wie Bismarck, O wie Ostpreußen in Geschichte und Gegenwart, W wie Wochenrückblick bis Z wie Zweiter Weltkrieg. Kritisch. Konstruktiv. Klartext für Deutschland.