Die Öko-Generation rollt heran

Kinderkram für Erwachsene – Elektro-Tretroller erobern die Städte, ganz zur Freude der einen und zum Ärger der anderen

29.07.19
Hauptsache, es sieht „cool“ aus: Fahrer mit einem Elektro-Leihroller in Berlin Bild: Imago/Andreas Gora

Seit etwas über einem Monat hat sich vielerorts das Stadtbild verändert. Überall sind Menschen mit E-Scootern unterwegs. Die  lautlosen batteriegetriebenen Roller machen ihren Fahrern viel Freude, anderen Verkehrsteilnehmern allerdings auch viel Ärger.

Als der Öko-Wahn noch nicht Einzug in unsere Gesellschaft hielt, war es der Ausdruck eines Lebensgefühls von Freiheit, wenn man als Motorradfahrer auf zwei Rädern mit Tempo 200 durch die Gegend dröhnte. Heute genügt Tempo 20, um auf einem elektrobetriebenen Gefährt auf zwei Rädern sein Glück zu finden. Hauptsache es ist – angeblich –„nachhaltig“ und leise.
Seit Mitte Juni sogenannte E-Scooter im deutschen Straßenverkehr erlaubt sind, nimmt die Zahl derer rasant zu, die vor allem in den Großstädten mit den akkubetriebenen Laufrädern un­terwegs sind. Denn in Berlin, München, Köln, Hamburg und an­dernorts, wo die Kundschaft groß ist, breiten sich die Unternehmen aus, die aus Leihrollern Profit schlagen wollen.
Schaut man sich nur das Straßenbild dieser Städte an, so scheint sich hier ein gewinnträchtiges Geschäftsmodell abzuzeichnen. Kaum waren die Elektroroller am 13. Juni für den Verkehr auf Radwegen freigegeben, sieht man die flinken Zweiräder überall entlangsausen oder auf Bürgersteigen achtlos abgestellt.
Wer „hip“ und „trendig“ sein wollte, hatte schon früher den eigenen Tretroller, der seinen Namen verdiente und noch nicht batteriebetrieben war, von zu Hause aus in die U-Bahn genommen, um damit dann gemütlich zum Büro zu rollen. Das ist „out“. Wer jetzt „hip“ und „trendig“ sein will, fährt mit Akkurollern.
Es ist erstaunlich, welche Entwicklung Tretroller gemacht haben. Früher waren sie ein reines Kinderspielzeug. Dass jetzt Er­wachsene wie Kinder auf Rollern fahren, ist ein Anblick, an den man sich gewöhnen muss. In Zeiten des Jugendwahns ist es ein Zeichen, dass man sich seine Kindlichkeit bewahren will.
Das aber auch sehr zum Ärger der anderen Verkehrsteilnehmer – und zum Schaden der Umwelt, doch davon später. Da sie nur maximal Tempo 20 fahren können, behindern die Tretrollerfahrer auf Radwegen die zumeist schnelleren Radfahrer. Wo keine Radwege vorhanden sind, ist Straßennutzung erlaubt. Dass es hier zu ernsthaften Unfällen mit den noch ungeübten Fahrern kommen kann, ist offensichtlich.
Viele sind zudem ohne Kopfschutz unterwegs. In Berlin, wo es  bereits 4800 E-Scooter gibt, registrierte die Polizei in diesem Zusammenhang seit dem 15. Juni bereits 21 Verkehrsunfälle mit zum Teil schweren Verletzungen, hauptsächlich am Kopf. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann es in Deutschland den ersten Rollertoten gibt. In London ist erst kürzlich eine bekannte TV-Moderatorin mit ihrem Roller tödlich verunglückt. Sie dürfte in Europa zu den ersten Rollertoten gehören. In Asien und den USA, wo Roller schon länger im Einsatz sind, ist das fast schon trauriger Alltag.
Das Gefühl, es könne mit einem so langsamen Gefährt nichts passieren, ist falsch. So rechnet die Allianz-Versicherung mit einem Anstieg der Unfallzahlen. „Wie schon beim Pedelec (dem akkubetriebenen Fahrrad) zu beobachten, sind die Benutzer völlig ungeübt mit dem neuen Gefährt und seinen fahrdynamischen Eigenschaften“, heißt es seitens des Versicherers. Für E-Scooter gilt im Übrigen die Versicherungs-und Kennzeichnungspflicht.
Mit der Pflicht, sich an die Verkehrsregeln zu halten, nehmen es die Rollerfahrer indes nicht so ernst. Häufig fahren sie verbotenerweise auf Gehwegen oder zu zweit auf einem Gefährt. In Berlin-Mitte hat die Polizei bei Kontrollen binnen vier Stunden 60 Verstöße geahndet. Auch alkoholisierte Fahrer wurden angehalten. Wie bei allen anderen mobilen Verkehrsteilnehmern gilt die Promillegrenze. In München wurden bereits 36 Rollerfahrer mit mehr als 1,1 Promille erwischt. Das gilt als Straftat, die mit Führerscheinentzug geahndet wird.
Viele Rollerfahrer kümmert das wenig. Für sie gehört es zum Le­bensgefühl dazu, sich lässig schlangenlinienfahrend fortbewegen zu können. Sie unterstreichen damit die Zugehörigkeit zur Smartphone-Generation. Denn das Smartphone ist der Schlüssel für diese E-Scooter. Nur per App kann man die Roller orten und mieten. In Hamburg etwa gibt es bereits vier Leihfirmen, drei weitere werden in den nächsten Wochen hinzukommen. Bei einer Grundgebühr von meist noch einem Euro kann man pro Minute für bis zu 20 Cent fahren. Wer am Ziel ist, stellt seinen Scooter einfach irgendwo ab. Deshalb sieht man auf vielen Gehwegen solche Flitzer im Weg stehen, die darauf warten, vom nächsten Nutzer in Betrieb genommen zu werden.
Nach etwa 40 Kilometern macht der Akku schlapp. Sogenannte Juicer orten dann die im Stadtgebiet verteilten Roller, sammeln die 17 Kilo schweren Dinger ein und laden sie privat bei sich zu Hause auf. Pro Roller kriegen sie laut Deutschem Ge­werkschaftsbund (DGB) fünf Euro. „Das zeigt auch, dass grüne, vermeintlich ökologische Ge­schäftsmodelle viel zu häufig sozialen Kriterien zuwi­derlaufen und nichts anderes sind, als schnelles Geld zu machen“, kritisierte Hamburgs DGB-Vorsitzende Katja Karger.
Der Selbstbetrug in Sachen Um­weltverhalten zeigt sich auch an anderen Nebenwirkungen. Dass wegen des erhöhten Energiebedarfs durch Roller den Menschen auf dem Land neue Windräder vor die Häuser gesetzt werden, be­kommt der urbane Rollerfahrer ja nicht mit. Hauptsache, er hat sein „ökobewusstes“ Vergnügen.
Darüber hinaus liegt die Lebensdauer der Roller bei nur etwa sieben Monaten. Vor allem Akkus lassen sich nur schwer umweltschonend entsorgen. Auch vor Vandalismus sind die kleinen Geräte wenig geschützt. Stehlen lassen sie sich allerdings schwer, da sie sich nur per personalisierter App bedienen lassen und jederzeit zu orten sind.
In der warmen Jahreszeit sind die E-Scooter-Fahrer noch in Schwärmen unterwegs. Mal se­hen, was passiert, wenn der Herbst und der Regen kommen. Mit Regenkleidung auf dem Roller sieht man nicht mehr so „cool“ aus. Dann wird man ihn lieber stehenlassen. Und kommt der Frost im Winter, bleiben die Scooter nach kurzer Zeit von selbst stehen, weil Akkus extreme Kälte nicht vertragen.    Harald Tews


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