Die Politik will eine Großbank

Gewerkschafter und Mitarbeiter stehen einer Fusion aus Deutscher und Commerzbank kritisch gegenüber

02.04.19
In Frankfurt sind ihre Türme schon dicht beieinander: Deutsche Bank und Commerzbank (von links) Bild: Imago

Die Deutsche Bank und die Commerzbank haben mit der Ankündigung, Fusionsgespräche führen zu wollen, die Branche in Aufruhr versetzt. Experten fragen sich, wem ein solcher Zusammenschluss nutzen würde.

Wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, haben sich die beiden Institute hochkarätige Beratung ins Haus geholt. Aufseiten der Commerzbank sollen die US-Investmentbank Goldman Sachs, Rothschild und die Wirtschaftskanzlei Hengeler Mueller den Prozess begleiten. Die Deutsche Bank setzt auf die Experten ihrer eigenen Investmentbank, Citi und die Kanzlei Freshfields. Denn die Ausgangslage ist ziemlich kompliziert und versetzt vor allem Gewerkschaftsfunktionäre in Alarmbereitschaft. Sollte es zur Bankenhochzeit kommen, fürchten Kritiker das Aus für bis zu 50000 Stellen.
Verdi-Chef Frank Bsirske erwartet eine „intensive und möglicherweise hochkontroverse Diskussion in beiden Banken. Dass wir da gefordert sind, ist sonnenklar.“ Bsirske, der auch dem Aufsichtsrat der Deutschen Bank angehört, offenbarte sich als Gegner des geplanten Schritts. „Mir leuchtet die Sinnfälligkeit dieser Fusion im Moment überhaupt nicht ein“, erklärte er. „Deutsche Bank und Commerzbank ergänzen sich nicht sinnvoll. Viel sinnvoller wäre ein Crossover in internationaler Richtung“, sagte der Gewerkschaftsfunktionär.
Auch innerhalb der beiden Banken gibt es kritische Stimmen. „Aus eins und eins wird nicht notwendigerweise zwei – schon gar nicht auf der Ertragsseite“, erklärte Jan-Philipp Gillmann, Bereichsvorstand im Firmenkundensegment der Commerzbank. Stuart Graham vom Analysehaus Autonomous Research zeichnete gegenüber dem „Handelsblatt“ ein düsteres Bild: Man müsse sich nur an die Dresdner-Übernahme durch die Commerzbank oder die Postbank-Übernahme durch die Deutsche Bank erinnern. „Es ist schwierig, diese Deals als Erfolg zu bezeichnen.“ Graham hält es für fraglich, „dass eine Fusion von Deutscher Bank und Commerzbank ein Erfolg wäre“.
Der Druck zur Fusion kommt nicht zuletzt aus den Reihen der Politik. Finanzminister Olaf Scholz (SPD) und sein Staatssekretär Jörg Kukies, ein ehemaliger Goldman-Sachs-Mitarbeiter, sollen seit Längerem an der Fusion arbeiten. Der Bund hält einen Anteil von 15,6 Prozent an der Commerzbank.
Finanzminister Scholz hatte bereits im vergangenen Jahr geklagt, hiesige Finanzinstitute hätten nicht mehr die „Größenordnung und die Globalität“, die notwendig sei, um Unternehmen bei ihren Geschäften weltweit zu begleiten. Ende September 2019 ist die Deutsche Bank aus dem europäischen Leitindex EURO STOXX 50 geflogen und zählt damit nicht mehr zu den 50 wertvollsten Börsenunternehmen im Euroraum. Gleichzeitig musste die Commerzbank ihren Platz im deutschen Leitindex DAX räumen.
„Es ist sicher sinnvoll, mindestens eine große deutsche Bank zu haben, die die deutsche Industrie weltweit begleiten kann“, sagte Raimund Röseler, Direktor der Bankenaufsicht Bafin, „aber das ist Industriepolitik und kein Thema für die Bankenaufsicht.“
Auf Dauer könnte man in einer größeren Einheit Kosten sparen. Das Analysehaus RBC bezifferte die möglichen Einsparungen auf 2,1 Milliarden Euro. Gleichzeitig würde der Kundenstamm anwachsen, und die Deutsche Bank hätte die Möglichkeit, die sträflich vernachlässigte Digitalisierung voranzutreiben.
Die Deutsche Bank hatte nach drei Verlustjahren in Folge im vergangenen Jahr erstmals wieder knapp die Rückkehr in die schwarzen Zahlen geschafft. Skandale und Prozesse haben das einstige deutsche Vorzeigehaus erschüttert, die Aktie ist seit Jahren im Keller. Die Commerzbank befindet sich ebenfalls seit Jahren im Umbruch.
Die Deutsche Bank betreibt seit einiger Zeit die Eingliederung der Postbank und hat dort ebenfalls mit Problemen zu kämpfen. So drohte der Deutsche Bankangestellten-Verband (DBV) damit, die laufenden Gespräche mit der Deutschen Bank über die Integration der Postbank auf Eis zu legen. „Wir werden in den nächsten Tagen Gespräche mit den Verantwortlichen suchen, um Klarheit zu bekommen“, heißt es in einem Schreiben an das Bundesfinanzministerium. „Abhängig vom Ergebnis werden wir danach für uns entscheiden, ob zum jetzigen Zeitpunkt weitere Verhandlungen zur Postbank-Integration sinnvoll sind.“
Es sei „beachtlich – um nicht zu sagen bedauerlich –, wenn gerade der Staat als größter Einzelaktionär der Commerzbank in seiner Doppelrolle einen solchen Druck für eine offensichtlich wirtschaftlich unsinnige Maßnahme aufbaut, die obendrein noch Tausende von Arbeitsplätzen kosten würde“, erklärte DBV-Chef Stephan Szukalski.
Christian Sewing, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank, galt in den vergangenen Monaten nicht unbedingt als treibende Kraft der Fusionspläne. Nun ist ihm die Politik offenbar mit der Aussicht entgegengekommen, sie werde einen Personalabbau nicht verhindern. Wie das „Handelsblatt“ aus Finanzkreisen berichtet, signalisierte die Regierung, dass sie einer harten Restrukturierung und einem umfangreichen Stellenabbau nicht im Wege stehen würde. Bis zu den Hauptversammlungen im Mai wollen die beiden Häuser geklärt haben, ob es zu einer Fusion kommt.
Branchenkenner treibt seit Jahren die Frage um, warum es den deutschen Banken so vergleichsweise schlecht geht. Man spiele trotz der unstrittigen Stärke der deutschen Wirtschaft im Bankwesen schon seit Jahrzehnten nicht mehr in der ersten Liga. Deutsche Banken seien im internationalen Vergleich klein und unprofitabel.    
    Peter Entinger


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